Ein Jahr nach dem tödlichen Fahrradunfall

Die Zahlen belegen: Radeln in Soest ist gefährlich

+
Dieses weiße Rad mahnt an der Unglücksstelle zu mehr Vorsicht.

Soest - Selten hat ein Unglück die Soester so schwer und anhaltend schockiert wie der tödliche Radunfall am Deiringser Weg. Am Freitag ist es  genau ein Jahr her, dass hier ein 12-jähriger Junge starb, der vor der roten Ampel wartete.

Allein der aktuelle Polizeibericht zeigt, wie gefährlich Radfahren noch immer in Soest ist: Am Dienstag drängt ein Sattelschlepper eine 65-jährige Radfahrerin auf der Niederbergheimer Straße ab; die Frau stürzt und wird leicht verletzt. Am Mittwoch übersieht ein Autofahrer einen 56-jährigen Radler am Ardeyweg und fährt ihn an; zum Glück kommt auch er glimpflich davon.

Glück im Unglück hat auch vergangene Woche ein zehnjähriger Schüler gehabt, den am Teinenkamp ein abbiegender Lastwagen erfasst. Der Junge gerät unter den tonnenschweren Transporter; ein Schutzengel bewahrt ihn zum Glück vor schweren Verletzungen.

Die jüngsten Rad-Unfälle dürften womöglich schon bald in Vergessenheit geraten. Der 16. November 2017 aber bleibt bei vielen Soestern haften. Als die Ampel am Deiringser Weg auf Grün springt, nimmt ein rechts abbiegender Lastwagenfahrer dem Schüler Gabriel Graf die Vorfahrt und begräbt ihn unter sich. Der Junge hat keine Chance.

Eine Menge ist seither geschehen, damit sich solch ein grauenhafter Unfall nicht wiederholt. Abgeschlossen ist der Fall aber noch nicht.

Ergreifender Appell der trauernden Eltern

„Wir möchten, das unser Sohn nicht umsonst gestorben ist“: Familie Graf an der Unglücksstelle. 

Ausgerechnet die Eltern des getöteten Jungen bringen trotz all ihrer Trauer die Kraft auf und wenden sich mit einem ergreifenden Brief an Politik und Öffentlichkeit. „Tun Sie alles, die Kreuzung am Deiringser Weg so zu sichern, dass hier nie wieder ein Mensch verunglückt“, schreibt Alexey Graf, der Vater des Schülers. „Lassen Sie meinen Engel Gabriel nicht umsonst gestorben sein!“

Die Politik nimmt daraufhin tatsächlich Korrekturen an der Kreuzung vor: Radfahrer warten nun nicht mehr rechts und somit im toten Winkel der Lkw auf Grün, sondern rollen bis ganz nach vorn vor und nehmen dort vor den Fahrzeugen Aufstellung. Außerdem springt die Radfahrer-Ampel zwei Sekunden vor der Hauptampel auf Grün, damit die Zweiradfahrer sicher und vor den Autos und Lastfahrzeugen die Kreuzung passieren können.

Nicht ruhen lassen hat der tödliche Unfall auch den Soester Bernd Gockel. Er stößt auf das Beispiel in Münster, wo an 50 Kreuzungen zusätzliche Spiegel montiert worden sind, die Lkw-Fahrern den Blick in den toten Winkel rechts neben ihren Fahrzeugen gewähren. Gockel sammelt Spenden und lässt solche Spiegel am Deiringser Weg montieren.

Weil es längst Assistenzsysteme für Lastwagen gibt, die elektronisch den toten Bereich „ausleuchten“ und die Fahrer warnen, hat die Firma Kuchenmeister ihre neue Flotte eben mit diesem Warn-Gerät ausrüsten lassen. Denn gesetzlich vorgeschrieben ist der Einbau bis heute nicht, obwohl im Verkehrsministerium seit Jahren darüber geredet wird.

So wie in Soest kommen in ganz Deutschland Jahr für Jahr mehrere hundert Radfahrer zu Schaden, die von rechts abbiegenden Lastwagen erfasst werden.

Anschaulich zeigen Polizisten Grundschulkindern an der Georgschule, was der tote Winkel bedeutet, den Lkw-Fahrer rechts neben ihrem Lastzug nicht einsehen können. Trotzdem kommt es immer wieder zu schweren Kollisionen beim Rechtsabbiegen.

Familie Graf wird heute zu der Unfallstelle am Deiringser Weg gehen und eine Kerze für ihren geliebten Sohn anzünden. „Das Leben geht weiter“, sagt Alexey Graf. Er versuche, auf dem Weg zur Arbeit nach Möglichkeit einen Umweg zu nehmen, um nicht jeden Tag die Stelle passieren zu müssen.

Es verschafft ihm Genugtuung, dass sein Appell auf offene Ohren gestoßen ist, die Kreuzung sicherer zu machen. „Das ist sie nun tatsächlich.“ Aber es habe lange gedauert; und seinen langen Briefwechsel mit der Stadt habe er vor Monaten abgebrochen. Er habe sich immer wieder Sprüche anhören müssen und fühle sich wie vor den Kopf gestoßen.

„Was haben überhaupt große Transporter auf einer schmalen Anliegerstraße oder in den engen Gassen der Altstadt zu suchen?!“, sagt Graf. Die Dickschiffe sollten am Stadtrand stoppen und ihre Fracht auf kleine Zubringerfahrzeuge umladen. Graf weiß, wie wenig Chancen solche Vorschläge haben, jemals verwirklicht zu werden. Doch wer will ihm nach diesem Jahr solche Gedanken übel nehmen.

Mehr Sicherheit: Warten auf Rezepte

Zwei Dutzend Ampelkreuzungen in der Regie der Stadt gibt es im Soester Stadtgebiet. Vor einem Jahr entschieden die Ratsmitglieder, sich alle Knoten vorzunehmen und sie von einem Ingenieurbüro untersuchen zu lassen: Wie steht es um Komfort und Wartezeiten?, lautete die zentrale Frage. Nach dem tödlichen Radunfall am Deiringser Weg ist dieser Auftrag ergänzt worden: Wie sicher sind diese Kreuzungen eigentlich, was könnte zusätzlich getan werden? Auf die Antworten wartet die Stadtverwaltung bis heute. Im Frühjahr soll die Expertise kommen, sagt Olaf Steinbicker, zuständig für Stadtentwicklung und Bauen im Rathaus.

Ende dieses Monats – am 29. November im Stadtentwicklungsausschuss – will die Verwaltung „im Detail vorstellen“, was die Soester von ihren Kreuzungen halten. Der Aufruf zur breit angelegten Diskussion ist auf fruchtbaren Boden gefallen. 475 Soester haben über 900 Kommentare verfasst.

„Die ganze Bandbreite an Anregungen von zu langen Wartezeiten wegen der (vorfahrtsberechtigten) Linienbusse bis hin zu bequemen Übergängen ist da zusammengekommen“, sagt Steinbicker. Die nächsten zwei Wochen benötige sein Team noch, alles zu durchforsten und für die Sitzung aufzubereiten.

Das sagen Leser auf Facebook

„Ich fahre an gefährlichen Stellen auf dem Bürgersteig, vorsichtig natürlich, ist zwar nicht richtig aber es geht ja um mein Leben! Da zahl ich lieber ne Strafe...“, gibt eine Userin zu. Eine weitere schreibt: „Ich verstehe nicht, wo das Problem ist, die Kreuzungen so fahrradsicher zu machen, dass die Radfahrer in die Kreuzung vorfahren können. Man sieht sie einfach besser.“ 

Eine Kommentatorin erzählt: „Ich fahre teilweise auch ganz rechts und zwar genau, seitdem ich auch fast einen Radfahrer übersehen habe. Ich war zum Glück sehr langsam, so dass ich im letzten Moment noch reagieren konnte. Mir ist es egal, ob Radfahrer fluchen, wenn ich ganz rechts stehe, so sehe ich sie wenigstens, vor allem an Stellen und Kreuzungen, wo man eh schon kaum was sieht.

Diskussion auf: facebook.com/soester.anzeiger

Lesen Sie auch: 

-

Nach tödlichem Unfall: Junge Mutter trägt engagiert Bürgerantrag vor

Mitschülerinnen sammeln für Ampel-Spiegel

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf soester-anzeiger.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare