Coronavirus

Kirmesbeschicker und Schausteller bangen: "Wir stehen am Abgrund"

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Dichtes Gedränge bei der Kirmes wird es nicht mehr geben, ist sich Thomas Schneider vom Schaustellerverband sicher.

Soest - Lauter Absagen – das Coronavirus leert die Terminkalender. Das bekommen auch oder vor allem die Schausteller zu spüren, die rund um Ostern wieder in die neunmonatige Saison starten. Und auch wenn es bis zum hiesigen Höhepunkt, der Allerheiligenkirmes, noch ein halbes Jahr hin ist, stecken die heimischen Schausteller schon  in der Krise:

Corona-bedingt dreht sich aktuell weder ein Karussell noch jemand eine Bratwurst auf einem Grillstand. Und dabei wird es auch erst einmal bleiben – kleinere und größere Feiern und Feste wie die Maikirmes in Werl, der Bauernmarkt in Sassendorf, der Bördetag in Soest fallen genauso flach wie Schützenfeste oder der Frühlingsdom in Hamburg und die Osterkirmes in Dortmund. Dort überall wären auch die Soester Schausteller vertreten gewesen – und ihnen fehlen nun sicher eingeplante Einnahmen. Nun heißt es warten – und hoffen, dass das normale Leben bald zurückkehrt. Thomas Schneider, Vorsitzender des Soester Schaustellerverbands, dessen Familie seit 1836 Jahrmarktbetriebe aller Art betreibt, sprach mit Anzeiger-Redakteur Thomas Müller über die aktuelle Lage, die Sorgen der Schausteller und ihrer Geschäftspartner, wann es weitergehen sollte – und vor allem: wie.

Stadtfeste, Volksfeste, Vereinsfeiern – alles abgesagt wegen Corona: Wie ist die aktuelle Lage bei den Schaustellern? Wie groß sind die Einbußen?

Wir wurden nach der Winterpause, in der drei Monate gar nichts passiert, total überrascht von den aktuellen Ereignissen. Eigentlich beginnt die Saison gerade wieder. Wir schauen im Winter, was getan werden muss für die kommende Saison. Es gibt Termine mit dem TÜV, die Bremsen werden überprüft. 

Ein Schaustellerbetrieb ist quasi wie ein Hotel an der Ostsee. Wenn der letzte Gast im Herbst gefahren ist, werden die Zimmer renoviert. So sieht es bei den Schaustellern nach den letzten Jahrmärkten oder spätestens nach den Weihnachtsmärkten aus. 

Sind viele Arbeitsplätze und Betriebe bedroht?

Wir sind alle mittelständische Betriebe, alle in der Familie arbeiten mit. Dazu brauchen wir 70 Prozent Fremdhilfe, haben Mitarbeiter, die seit zehn Jahren oder länger dabei sind. Um die sorgen wir uns natürlich. Daher ist doch klar, dass es in der aktuellen Situation vor allem um die Sicherheit und Gesundheit der Mitarbeiter und unserer Familien geht. Wir stehen selber hinter dem Grill oder sitzen im Kassenhäuschen. Und denken natürlich auch an die Gesundheit unserer Gäste. Wie weh tut der Stillstand? 

Gibt es denn so etwas wie einen Rettungsschirm für Schausteller? 

Der Totalausfall tut richtig weh. „Kirmes to go“ und „Homeoffice“ ist für uns leider nicht möglich. Es ist aber auch klar, dass für uns die Existenz bedroht ist. Einen Extra-Rettungsschirm, wie wir in jetzt bräuchten, gibt es noch nicht. Und die Einmalzahlung von 9 000 Euro für drei Monate für Betriebe mit unter drei Mitarbeitern hilft uns nicht viel weiter. Viele normale Betriebe geraten jetzt in Schieflage. Wie lange kann man als Schausteller ohne Umsatz auskommen? Wir planen immer mit den drei Monaten im Winter, in denen es nur Verluste gibt, weil dort Reparaturen anstehen und keine Einnahmen entstehen. Ab Ende März, eigentlich ab der Zeit um Ostern, planen wir wieder mit Einnahmen. 

Zu 90 Prozent sind wir Ostern unterwegs zwischen München und Schleswig-Holstein. Damit rechnen auch die Banken, mit denen wir zusammenarbeiten. Die wissen, wie unsere Saison läuft: mit dem Leerlauf, aber auch den Jahrmärkten im Frühjahr, Sommer und Herbst sowie den Weihnachtsmärkten. Mit den ersten Einnahmen ab Ende März begleichen wir die Rechnungen aus dem Winter. Erste Lieferanten werden bezahlt. 

Doch jetzt haben wir zum ersten Mal plötzlich die Situation: Es geht nicht los. Ist die Branche an sich bedroht? Es ist ja nicht nur eine Branche, sondern wir sind Teil eines Kulturguts. Volksfeste sind etwas, das 1200 Jahre alt ist. Wenn das jetzt kaputt geht, kann es passieren, dass es nie wieder zurückkommt.

Wir sind mit unseren Volksfesten Begegnungsstätten. Zu einem Volksfest kann jeder gehen, sich auch ohne Geld auszugeben unterhalten. Wir sind ein Ankerpunkt in der Gesellschaft.

Gibt es denn einen groben Zeitpunkt, an dem es eng wird für Sie als Schausteller

Wenn das, sagen wir einmal, Ende Mai nicht wieder losgeht, wird es für einige schwierig. Wir stehen am Abgrund. Und es sind nicht nur die Schausteller, die bedroht sind. Was da noch alles hinten dranhängt: der Hersteller für die neuen Teddys, Gaslieferanten für die Essensstände, Würstchenlieferanten, Spielzeughersteller. 

Ich kann die herrlichsten Mandeln machen, aber jemand muss Mandeln und Zucker liefern. All die Leute, die uns sonst beliefert haben, stehen vor der gleichen Situation. Lieferanten vom Reinigungsmaterial bis zum Süßwarenhändler warten, dass es losgeht. 

Es hoffen Gastronomen auf uns, das Übernachtungsgewerbe oder Taxi-Fahrer und öffentliche Verkehrsmittel. Es gibt Energieversorger, die würden jetzt Volksfeste verkabeln, Werbeagenturen und Fachzeitschriften haben wegen der Krise keine Arbeit.  Alle sind bedroht oder leiden. Ein riesiger Wirtschaftszweig steht still.

Wagen Sie eine Prognose, wie es weitergehen könnte? Wird es wieder dichte Menschenmengen an der Soester Allerheiligenkirmes geben? 

Ich glaube, dass wir Mitte des Jahres wieder richtig loslegen. Es wird Änderungen geben, und das in der gesamten Gesellschaft. Beispielsweise werden keine engen langen Schlangen vor der Wurstbude möglich sein, sondern nur ein bis zwei Besucher mit Abstand in der Schlange stehen, wie heute im Supermarkt. Und es wird trotzdem auch wieder eine volle Soester Kirmes geben. Man muss sich ja auch nicht immer die Hand geben zur Begrüßung oder Küsschen-links-Küsschen-rechts. Man kann sich auch anders freundlich begrüßen und begegnen. 

Ich hoffe, dass wir Mitte des Jahres mehr wissen. Die Menschen werden sich anders verhalten müssen, aber werden sich auch sensibilisieren. Wir sehen einer schweren Zeit entgegen, aber sind uns sicher, dass die Menschen sich auf die Volksfeste freuen. Wir wollen den Leuten mit unseren Angeboten ja eine Freude machen – und die Menschen wollen das auch gerne annehmen. Das war schon immer so: Wir sind in schweren Zeiten ein kostenloses Vergnügen, mit dem man Freude haben kann. Wir sehen uns als Aktivator für die Gesellschaft und das ist unser Beruf. Bei dem schönen Wetter wollen die Leute doch auch raus, wollen jetzt etwas erleben. Wo sonst ein Frühlingsfest ist oder eine Osterkirmes, wie in Bielefeld, Dortmund oder Paderborn, gibt es dieses Jahr nichts. 

Sie bleiben trotz der schwierigen Lage also optimistisch? 

Ich glaube, dass unsere Bundesregierung und Experten schon an einer Antwort auf die Frage arbeiten: Wie kriegen wir das normale Leben wieder ins Rollen? Wir werden wieder ein Teil davon sein. Und sind es nach wie vor – das wollen wir auch mit unserer Aktion an den Soester Altenheimen zeigen und den Menschen Freude machen.

 

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