Informieren statt ignorieren: Der Brexit kommt bestimmt!

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Marcus Hellmann weiß, was auf die EU-Unternehmen zukommt, wenn die Briten ihre Grenzen wieder einrichten.

Soest - So prägnant der Begriff „Brexit“ auch ist – die konkreten Folgen des Austrittes Großbritanniens aus der Europäischen Union sind bislang noch weitgehend unbekannt. Entsprechend zögerlich setzen sich viele Bürger und die Wirtschaft damit auseinander. Der Soester Marcus Hellmann kann sich das nicht leisten.

Marcus Hellmann ist Experte für alle Fragen der Zollabwicklung und beschäftigt sich intensiv mit dem Thema. Im Mai organisiert er dazu mit seinen Mitarbeitern in der „KGH Customs Services GmbH“ ein großes Symposium in der Stadthalle. Mit Marcus Hellmann sprach Achim Kienbaum.

EU-Spitzenpolitiker und die britische Regierung scheinen nicht wirklich voran zu kommen mit ihren Bemühungen, den Brexit konkret zu gestalten. Aber Brüssel und London sind erst mal weit weg. Warum sollte Bürgern und Unternehmen im Kreis Soest das Thema trotzdem ganz nah sein?

Hellmann: Wir wissen, dass wir ab dem 29. März 2019, um Punkt 23 Uhr eine neue (alte) Grenze haben – letztlich sogar zwei. Auch die durch das Karfreitagsabkommen vom 10. April 1998 befriedete Grenze in Nordirland wird wieder an gleicher Stelle neu entstehen. Und damit wird es eine Grenzabwicklung für den Personen- und Warenverkehr mindestens in der Qualität geben, wie sie derzeit für die Schweiz besteht. Die Abwicklung kann aber auch die Qualität wie an der türkischen oder russischen Grenze erreichen, das hängt von den weiteren Verhandlungen ab. Es wird also Waren- und Personenkontrollen geben, Zollanmeldungen für ein- und Ausfuhren, Verbote für bestimmte Waren, vielleicht neue Zölle und vieles andere. Alles das wird Zeit und damit Geld kosten. Lieferzeiten können möglicherweise nicht eingehalten werden, Transportkosten erhöhen sich und so weiter. Insofern tun Unternehmen gut daran, sich jetzt mit möglichen Konsequenzen für den Einkauf und Verkauf ihrer Waren aus und nach UK und Irland zu beschäftigen, Risiken zu bewerten, Verträge zu prüfen und gegebenenfalls Alternativen zu suchen. Wer als Bürger die Insel mag, sollte in diesem Jahr einen Besuch planen und 2019 abwarten, wie sich die Bestimmungen entwickeln.

Haben Sie den Eindruck, dass sich vor allem die heimische Wirtschaft der Tragweite des Brexit für ihren eigenen Handel mit Unternehmen auf der Insel bewusst ist und sie ausreichend darauf vorbereitet ist?

Hellmann: Das ist ganz unterschiedlich. Unternehmen aus dem Bereich der Automobilindustrie scheinen gut informiert und vorbereitet, die meisten anderen interessieren sich zwar für Informationen zum Brexit, haben sich aber noch nicht wirklich damit auseinandergesetzt.

Wo sehen Sie ganz praktische Probleme bei der Organisation des Brexits, sowohl für private Touristen als auch für heimische Unternehmen, die auf dem britischen Markt aktiv sind?

Hellmann: Ein größeres Unternehmen hat gerade berechnet, dass die Zollabfertigung für einen Lkw im Optimalfallrund 15 Minuten dauern wird. Bezogen auf die Gesamtlieferungen eines Jahres führt diese zusätzliche Arbeitszeit, nur bei diesem Unternehmen, zu Mehrkosten von rund einer Million Euro pro Jahr. Stellen Sie sich vor, wie sich die Zahl bei Stau verändert. Es gibt viele Firmen, die zwar seit langem Handel mit UK treiben, aber noch nie eine Zollanmeldung erstellen mussten. Dazu braucht es Fachwissen, das nicht mal eben erlernt werden kann. Für alle privaten Warenlieferungen müssen ebenfalls Zollanmeldungen erstellt werden. Ein größerer Paketdienstleister sucht allein dafür rund 450 Mitarbeiter. Die Kosten werden die Kunden tragen müssen – UK-Pakete werden also teurer werden.

Sie veranstalten im Mai ein großes Symposium in der Soester Stadthalle, wo Sie Hilfestellungen geben wollen bei der Vorbereitung auf den Brexit. Stoßen Sie da nicht sehr schnell an Grenzen, weil viele Details zwischen Brüssel und London noch gar nicht geregelt sind?

Hellmann: Wir wollten das Symposium im November veranstalten, aber die Reaktion am Markt war: Bitte macht es früher, damit wir wissen, was kommt und uns besser vorbereiten können. Das tun wir nun. Selbstverständlich ist noch nicht alles geregelt – aber es ist klar, zwischen welchen minimalen und maximalen Polen sich die Regelungen bewegen werden und welche Konsequenzen das haben wird. Somit können die Unternehmen auch in Abhängigkeit ihrer Risikofreudigkeit entscheiden, an welchen Stellen sie vielleicht noch abwarten wollen und wo sie besser Vorsorge treffen. Die unausweichliche Grenze mit den direkten Konsequenzen steht fest – ein Austritt ohne Grenze ist nicht möglich. Und zumindest damit sollte sich jetzt jedes betroffene Unternehmen beschäftigen. Da viele Verträge und Erklärungen in die Zukunft reichen, muss man die Risiken kennen, um später dann nicht im eigenen Vertrag gefangen zu sein. So war es vor Jahren in der Luftfrachtsicherheit, so ist es derzeit mit Lieferungen nach Russland oder in den Iran. Und so wird es mit UK. Wir werden die besten Experten vor Ort haben, die es zu dem Thema gibt, direkt aus der EU Commission, vom britischen Zoll HMRC, der niederländischen Zollverwaltung, der ICC, dem Erfinder der Grenzlösung zwischen Schweden und Norwegen, Hafenbetreiber, Spediteure, Unternehmen. Mehr wird es auf keiner anderen Veranstaltung geben, und sie findet wieder einmal in Soest statt – das passt perfekt zur Geschichte der alten Hansestadt.

Gibt es eine ganz konkrete Konsequenz aus dem Austritt Großbritanniens aus der EU, die Sie am meisten bedauern?

Hellmann: Da ich privat sehr gern und viel in England und Schottland bin, schreckt mich das britische Pfund sicher nicht ab. Sollte ein Drittlandszollsatz für, sagen wir mal, Whisky anfallen, würde ich das aber bedauern, da der sich dann doch erheblich verteuern könnte.

Das zweitägige Brexit-Symposium „Get ready for tomorrow“ wird am 29. und 30. Mai in der Soester Stadthalle stattfinden. Infos und Anmeldungen bei Martina Hinteregger, Telefon 02921/7043735.

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