Jede Menge Gesprächsbedarf

Corona im Kreis Soest: Patienten diskutieren mit Hausarzt über Impfstoff

Simon und Rudolf Lammers, Soester Hausärzte
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Gemeinsam an der Impffront: Simon und Rudolf Lammers haben sich den Mittwochnachmittag „reserviert“, um mehr als 50 Dosen in die Oberarme zu verabreichen.

Über mangelnde Arbeit können sich die Soester Hausärzte gerade nicht beklagen. Zu den üblichen Sprechstunden und Patienten kommen seit zwei Wochen die Corona-Impfungen. Und mit ihnen die dritte „Baustelle“: oft schier unendliche Diskussionen, warum es denn unbedingt Astrazeneca sein soll.

Soest – „Das ist super anstrengend“, sagt Dr. Sara Schürmann. Die Hausärztin schildert, sobald das Worte Astrazeneca falle, „fangen 80 bis 90 Prozent an zu diskutieren“. Warum soll gerade ich den Stoff bekommen? Was ist mit meinen Vorerkrankungen? Und geht nicht doch vielleicht Biontech? Alle News zur Corona-Pandemie im Kreis Soest finden Sie hier.

Manche Diskussionen sind schnell beendet, andere laufen „schon sehr emotional“. Und einige Dispute, so die Ärztin, enden abrupt: „Dann lasse ich mich jetzt nicht impfen und warte erst mal ab.“ Das ist nicht nur aus epidemiologischer Sicht fatal, das wirft auch die ganzen Abläufe in den Praxen über den Haufen. Schnell müssen Ersatzkandidaten her, im ungünstigsten Fall müsste der wertvolle Stoff ins Spülbecken gekippt werden.

Biontech läuft wie geschnitten Brot

„Die Zahl der Patienten, die immer unsicherer reagiert, wird größer“, bestätigt auch Hausarzt Detlef Sonten, „und unsere Planbarkeit immer schwieriger.“ Patienten mit Astra zu impfen, sei „viel zeitintensiver“, Biontech dagegen laufe „wie geschnitten Brot“. Wobei die Ärzte gar keine Auswahl haben. Die Regeln sind vorgegeben: Ab 60 gibt es Astra. Jüngere werden mit Biontech geimpft. So viele Menschen im Kreis Soest sind bislang geimpft.

Das Management ist sportlich-herausfordernd. Als wir mit Sonten telefonieren, hat er gerade erst von der Apotheke die Nachricht bekommen, dass eine Impfstoff-Lieferung ausfalle. Also müssen sich die Mitarbeiter in der Praxis einmal mehr ans Telefon hängen, den bereits einbestellten Patienten absagen und neue Termine vereinbaren. „Die Frage ist nicht, wie viel wir bestellen, sondern, wie viel wir bekommen.“

Zum Glück kommen nicht nur Bedenkenträger und Impfkandidaten mit ausgeprägten Anspruchsdenken zu den Hausärzten. „Viele sind einfach nur froh, dass sie an der Reihe sind und die Impfung bekommen“, schildert Sonten. Keine Fragen, keine Aufregung, Hauptsache es gibt den Pieks. „Die Leute wünschen kaum noch Aufklärung“, berichtet Hausarzt Dr. Rudolf Lammers. Unter denen, die nehmen, was kommt, herrsche auch „gute Stimmung“. Bei den „wenigen“ anderen, die murren und alles 27-mal hinterfragen, laufe es am Ende auf die Alternative hinaus: Entweder Sie nehmen die Tür zur Spritze oder die Tür zum Ausgang.

Warten auf Nachschub

Lammers und sein Sohn Simon, die gemeinsam die Praxis betreiben, haben sich eigens den Mittwochnachmittag fürs Impfen reserviert. Dann geht es Schlag auf Schlag, beim letzten Mal konnten gleich 56 Dosen verabreicht und somit 56 Soester vor schlimmen Corona-Folgen geschützt werden.

Diese Woche könnte es deutlich weniger werden. „Die Mengen wurden massiv gekürzt“, sagt Apotheker Karsten Hufnagel. „Maximal“ Stoff für 16 Biontech- und für 10 Astra-Impfungen könne er pro Praxis ausliefern. Denn auch die Apotheken seien nichts anderes als ein Glied in der langen Kette: „Wir haben keinen Einfluss auf die Verteilung und geben die Bestellungen nur weiter“, so Hufnagel. „Tägliche Änderungen vorbehalten.“

Kinder- und Jugendarzt Holger Deisel bleiben Diskussionen und das Hin und Her bei vereinbarten und wieder abgesagten Terminen so gut wie erspart. Die Jugendlichen, die wegen schwerer Krankheiten wie Trisomie oder Mukoviszidose Anspruch auf Corona-Impfen haben, erhalten durchweg Biontech. Weil die Zahl der Infrage kommenden sehr gering ist, hat Deisel vergangene Woche mal ein Fläschchen Impfstoff bekommen und damit sechs Patienten versorgen können. Nun sammelt er weitere Namen und Fälle für den nächsten Sixpack.

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