Soester Repair-Café: Ehrenamtler reparieren in geselliger Runde

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Sieht echt wuselig aus, ist aber aber ein geordnetes Chaos: Wenn die ehrenamtlichen Experten sich um defekte Festplatten kümmern, Wasserkochern neues Leben einhauchen oder Nähmaschinen wieder in Schwung bringen, dann steckt geballter Sachverstand dahinter.

Soest – Dienstagnachmittag, kurz nach 15 Uhr vor der Geschäftsstelle der Soester Grünen: Ein Mann drängt sich mit einem Toaster in einer Plastiktüte zur Tür herein. Drinnen steht ein älterer Herr mit einer elektronischen Orgel geduldig am Ende einer Schlange. Vor ihm sind eine Kaffeemaschine, ein Smartphone und eine Nähmaschine zu erkennen.

Die dazugehörigen Menschen bekommen Anmeldezettel, die jeder ausfüllen muss. Gefragt wird nach Name, Alter, Art der Reparatur und am Ende ob das Gerät wieder funktioniert. Jeder bekommt eine Nummer. Zehn Minuten nach der Öffnung ist schon Nummer 13 dran. So sieht er aus, der Alltag im Soester Repair-Café.

„Heute ist ziemlich viel los“, sagt Verena Bense. Sie ist eine der Initiatoren des Soester Repair-Cafés, das in den Räumen der Grünen seit Februar 2017 für mehr Nachhaltigkeit sorgt. Das Angebot ist kostenlos, weil sämtliche Helfer ehrenamtlich im Einsatz sind. In Kooperation mit dem Soester Sozialkaufhaus gibt es sogar Gratis-Kabel für alles Elektrische. 

Und weil der Service nicht bei den kaputten Geräten aufhört, gibt Ulla Stöhr-Schmidt sogar noch Kaffee und Kuchen aus. Auch umsonst. Wer zufrieden ist, darf etwas spenden. Das Geld wird für Spezialwerkzeug ausgegeben – oder ebenfalls gespendet. „Wenn die Leute hier sitzen und warten, dann erzählen sie gerne alte Geschichten“, meint Stöhr-Schmidt. So wie der Mann, der sein Keyboard reparieren wollte und dabei in Erinnerungen an seine ehemalige Band geschwelgt habe. Die Freude am Reparieren trifft auf die Lust an der Geselligkeit. Parallel wird fleissig gearbeitet: Hans-Jürgen Begau sieht sich gerade eine alte Kaffee-Mühle an. Er ist das erste Mal als Experte am Start, weil er Freude hat an der Fehlersuche – und am Helfen. „Ob ich die wieder hinkriege, weiß ich noch nicht“, sagt er, ehe er sich wieder den fest sitzenden Schrauben zuwendet.

„Ich habe von dem Angebot gelesen, heute bin ich das erste Mal hier“, sagt Edeltraut Böcking. Ihr CD-Spieler hakt immer beim dritten Lied. Peter Buschmann sieht sich das Ganze an, die CD läuft ohne Probleme durch. „Das ist der Vorführeffekt“, meint er lachend. Der gelernte Radio- und Fernseh-Techniker findet die Rapair-Café-Idee „interessant und nachahmenswert“. 

Korrosion: Liebling verliert dauernd Wasser 

Albert Schmitz hat ein echtes Schätzen mitgebracht: eine Kaffee-Maschine, die gleichzeitig Wasserkocher und Toaster ist. Eine Rarität. Umso ärgerlicher, dass sein Liebling dauernd Wasser verliert. Bei Werner Metzger ist er genau an der richtigen Adresse. „Das sieht nach Korrosion aus“, meint er; er schraubt und zieht, dreht und prüft, meint dann: „Eventuell ist die doch kaputt.“ 

Nebenan im Raum geht es ruhiger zu. Frank Wolf berät eine ältere Dame, die mit einem Handy-Prospekt vor ihm sitzt. „Eigentlich sind wir wegen der PC-Beratung hier“, meint er. Doch weil da gerade niemand Bedarf habe, hilft er eben der Dame. 

Freude daran, anderen zu helfen 

„Es macht mir einfach Spaß, Leuten zu helfen“, sagt Bernd Panke. Der Mann hat nach eigenen Angaben gerade eine lang andauernde Synchronisation über „google drive“ laufen, deshalb bleibt Zeit für Lioba Gebauer. Die kommt mit ihrem Handy nicht mehr ins Internet. Da ist sie bei Panke genau an den Richtigen geraten, der nämlich kennt sich nicht nur mit Handys, sondern auch mit Netzen aus. Punktlandung. Um 18 Uhr ist Schluss. „Wir kommen langsam an unsere Grenzen“, bilanziert Verena Bense. Weil immer mehr Menschen das Angebot wahrnähmen und es gleichzeitig nicht einfacher werde Experten für die Reparatur zu bekommen, sei man auf der Suche nach neuen Lösungen. Genau solche Lösungen empfiehlt sie auch den Herstellern von Geräten. Verena Bense: „Wir ärgern uns darüber, dass alles verklebt wird und viele Spezialschrauben das Öffnen erschweren.“ Und an die Verbraucher appelliert sie, lieber mehr zu bezahlen und dafür langlebigere Produkte zu kaufen. Und wenn dann doch mal etwas kaputt geht, gibt es ja immer noch das Repair-Café.

"Repair-Café hat eingeschlagen wie eine Bombe"

Mit Werner Liedmann, einem der Initiatoren des Soester Repair-Cafés, sprach Anzeiger-Redakteur Jürgen Vogt über Erfahrungen und Ausblicke der heimischen Reparatur-Szene. 

Fast zwei Jahre Repair-Café: Wie lautet Ihr vorläufiges Resümee?
Werner Liedmann: Das hat eingeschlagen wie eine Bombe in Soest. Das Angebot wird super angenommen. Ständig sagen uns die Leute: „Macht mehr, macht mehr!“ – doch das können wir nicht leisten. Wir sind froh, so viele engagierte Menschen gefunden zu haben, die hier mitmachen.

Was wird repariert?
Liedmann: Die Menschen dürfen mit allem kommen, was auf den Tisch passt. Dazu gehört Mechanisches wie eine Nähmaschine oder Elektronisches wie eine Kaffeemaschine. Ganz neu gibt es jetzt auch eine Handy- und PC-Beratung. 

Was wünschen Sie sich von den Herstellern bei der Produktion neuer Geräte?
Liedmann:
Die sollen die Geräte reparaturfreundlicher gestalten, damit sie langlebiger und damit nachhaltiger werden. Dazu gehört auch, dass man eine gewisse Zeit lang Ersatzteile bekommen muss. Es gibt ja seit langem gut besuchte Foren im Internet, da sollten die Hersteller die Rückmeldungen sehen und ernst nehmen. 

Und was von der Politik?
Liedmann:
Es wäre schön, wenn ähnlich wie in Holland die Erfahrungen aus den Repair-Cafés herangezogen würden und in die Gesetzgebung einfließen könnten. Das Nachhaltigkeitsprinzip muss stärker berücksichtigt werden.

Jeden dritten Dienstag

Repair Cafés weltweit haben 2017 zusammen 300.000 Gegenstände vor der Müllhalde gerettet. Das ist ungefähr so viel wie das Gewicht eines Doppeldeckerzuges mit zwölf Waggons. So steht es im Jahresbericht von Repair Café International für das Jahr 2017.

Verteilt über die ganze Welt besuchen monatlich 50.000 Menschen ein Repair Café. Dort wird ihnen von gut 21.000 Ehrenamtlern geholfen. Durch den Einsatz all dieser Menschen konnten im Jahr 2017 etwa 300.000 Kilogramm CO2-Ausstoß vermieden werden.

An jedem dritten Dienstag im Monat gibt es zwischen 15 und 18 Uhr die Gelegenheit, im Grünen-Büro in der Walburger-Osthofen-Wallstraße 1 in Soest auf Experten zu treffen, die ehrenamtlich Hilfe zur Selbsthilfe geben. Anfragen und Angebote rund ums Reparieren gehen per Mail an repaircafe-soest@web.de.

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