So holprig ist der Weg zu mehr Verleih-Fahrrädern in Soest

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Am Bahnhof in Hamm steht Interessierten eine Leihstation für Fahrräder zur Verfügung.

Soest – Kein Feuerwerk zur Kirmes, Sonnenkollektoren und Leihfahrräder in der Innenstadt: Die Grünen machen mit konkreten Vorschlägen zum Klimaschutz mobil. Nachdem wir bereits über Feuerwerk und Sonnenkollektoren berichtet haben, steht hier das Verleihen von Elektro-Fahrrädern im Fokus – und damit die Idee einer (möglichst) autofreien Innenstadt.

Mal abgesehen von einem Dutzend Proberädern, die man sich zu Testzwecken bei den Stadtwerken leihen kann, bietet weder die Radstation am Bahnhof noch der örtliche Fahrrad-Handel E-Bikes für stunden- oder tageweise Touren an. 

Bei Fahrrad Tigges hat man in diesem Jahr sogar die komplette Ausleihe drangegeben. „Zu aufwändig, zu stressig“, sagt Inhaber Markus Ganowski, obendrein ein Geschäft, bei dem man zubuttern müsse. 

„Das passt nicht ins Konzept“, heißt es auch bei „Radleben“, dem anderen örtlichen Händler. 

In der nichtkommerziellen Radstation am Bahnhof, die das Soester Entwicklungsnetz betreibt, sind die 14 E-Bikes kürzlich ausgemustert worden. „Alle Akkus waren defekt, da konnte man höchstens noch zehn Kilometer weit kommen“, berichtet Ricardo Bensch. Die Radstation habe aber immerhin noch zehn motorlose Räder im Verleih-Bestand. 

Die Nachfrage sei gut, gerade an Wochenenden, wenn die Touristen kommen. Im Schnitt werde ein Rad pro Tag ausgegeben. 

Die Grünen in Soest würden gern die Stadt in die Pflicht nehmen, das Thema nach vorn zu bringen: Mobilitäts-Stationen mit E-Bikes nicht nur am Bahnhof, sondern auch an der Touristen-Info am Großen Teich oder am Busterminal Hansaplatz. Die Stadt, darauf zielt der Antrag für den Stadtentwicklungsausschuss, solle sich ihren erst vor drei Jahren verabschiedeten Verkehrentwicklungsplan noch mal vornehmen und nötigenfalls aktualisieren, verlangt Fraktionschefin Anne Richter. 

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Sie verweist auf die „sehr guten Erfahrungen“ in Hamburg, wo das System in Kooperation mit der Deutschen Bahn den Radverkehr beflügelt habe. Richter erwähnt auch die holländische Stadt Houten, die noch einen Schritt weitergegangen sei und heute international als „autofreie Modellstadt“ gelte. 

In der Stadtverwaltung gibt man sich eher zurückhaltend. Natürlich werde die Grünen-Initiative auf die Tagesordnung kommen. Doch der vom Stadtrat 2016 beschlossene Verkehrsentwicklungsplan gelte bis 2030 und sehe solch einen Ausleihe-Service nicht vor. 

Ein Verleihsystem für (Elektro-)Fahrräder hält Martin Jochem, Vorsitzender des Vereins Soester Wirtschaft, für eine gute Idee. Weil Soest auch eine Touristenstadt sei, passe ein solches Angebot gut – wenn es denn funktioniere und gut ins Stadtbild integriert werde. Könnten die Leihfahrräder den Weg ebnen für eine autofreie Innenstadt? „Eine Innenstadt, die man mit dem Auto nicht erreichen kann, wäre für den Handel eine Katastrophe“, redet Martin Jochem Klartext. Um die Fahrzeuge optisch zu verbannen, hält er allenfalls Parkhäuser unter den großen Plätzen für denkbar. 

Eine autofreie Innenstadt, das geht selbst den Grünen zu weit. Werner Liedmann, Sprecher des Soester Ortsverbands, verweist auf Initiativen, die großen Plätze in der Innenstadt von Autos zu befreien. Ansonsten gelte es, Schritt für Schritt den ÖPNV auszubauen und die Radwege zu optimieren. „Der Ausbau der Radwege wurde vernachlässigt. Das geht einfach nicht ambitioniert genug“, meint Liedmann. 

Seiner Meinung nach sind auch die Ziele zu niedrig gesteckt. Anstatt den Radverkehr von 21 Prozent heute auf 26 Prozent im Jahr 2030 ausbauen zu wollen, müsse man eine Quote zwischen 35 und 40 Prozent anstreben. „Aber bei allem, was wir tun, müssen wir die Menschen mitnehmen.“

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