Heimat erleben

In Gedanken oft in der alten Heimat

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Der Kohlbrink. Dort hat Heinrich Stremmer gewohnt.

Längst ein Norddeutscher, erinnert sich  Malermeister Stremmer eindrücklich an seine Zeit in Soest

Heinrich Stremmer denkt oft an Soest. Gerade ist er 80 Jahre alt geworden. Er lebt schon lange am Nord-Ostsee-Kanal, doch die Stadt seiner Kindheit hat er nie vergessen. Die alte Heimat bleibt in seiner Erinnerung lebendig.

Ein Neuanfang

Als sich der Ruheständler vor einiger Zeit auf den Weg machte, um Soest nach vielen Jahren das erste Mal wieder zu besuchen, da ahnte er wohl nicht, was diese Fahrt auslösen sollte. In einem Café traf er damals Gertraud Nottebohm, die frühere Leiterin der Thomäschule, und die brachte ihn auf eine Idee, die ihn nicht mehr losließ. Er schrieb seine Jugenderlebnisse auf, füllte viele Seiten und weiß, dass längst noch nicht alles erzählt ist. 

Der Senior spricht über den Krieg und über den Neuanfang in einer Stadt, die in Trümmern lag. Aus dem Heinzchen ist ein gestandener Uropa geworden. Lässt er die Bilder von „Bomben, Feuer, Schutt und Bunker“ Revue passieren, dann steht zum Schluss eine Frage, die unbeantwortet bleibt: „Wie und warum können sich Menschen so etwas antun?“ Er sei nun Großvater, der die große Hoffnung habe, „dass sich so etwas nie wiederholt“.

Stremmer erinnert sich daran, wie die Schule rief. „Als Erstes, das weiß ich noch genau, habe ich bei der Anmeldung meinen Vornamen geändert. Ich wurde mit Heinrich Stremmer angesprochen. Da aber habe ich gesagt, so heiße ich nicht, sondern Heinz. Heute würde man es nicht glauben, aber meine ganzen Zeugnisse in der Volksschule waren auf Heinz ausgestellt“, schreibt er. Warum er Heinrich damals nicht mochte? Er weiß es selber nicht. Der Vater, der in Kriegsgefangenschaft und für den Sohn lange nicht greifbar war, trug diesen Namen, ebenso der Großvater – er wohnte in der Magazingasse und blieb für seinen Enkel ein fremdes Wesen mit hochpolierter Glatze, schwarzer Kleidung und einer goldenen Kette mit Taschenuhr. Beide seien nie seine Vertrauten gewesen, so der Autor. 

Als wichtigste Bezugsperson in seiner Kindheit sieht er seine Mutter: „Eine Frau, vor der ich immer noch den Hut ziehe. Sie war nur für den Haushalt und für uns Kinder da.“ Nie habe er sie klagen hören. Heute komme es ihm vor, als habe sie einfach abgeschaltet, alles Schlimme draußen gelassen und für den Moment gelebt. Richtig gelacht habe sie nur im Kreis ihrer Schwestern. Eine Episode in seiner Geschichte zeugt von jugendlicher Unbeschwertheit zwischen Schutt und Ruinen. Der Malermeister stellt dar, wie er Brennholz besorgen wollte und es auf eine verlockende Holztür in den Resten eines massiven Backsteinhauses abgesehen hatte. Zumindest der Herd in der Wohnküche sollte geheizt werden, und Heinzchen wusste sich zu helfen. Er organisierte einen Eichenbalken, stützte die Wand, nahm ein Beil und schlug mit der Hilfe einiger Spielkameraden die Steine heraus.

Bärenkräfte waren gefordert und tatsächlich: Die Wand fiel, und das Objekt der Begierde – die Haustür – wurde brüderlich geteilt. Mit den Steinen habe er in seinem kindlichen Denken noch ein riesiges Geschäft gemacht, so Stremmer, denn sie wurden dringend für Reparaturen gebraucht. Zunächst musste aber der Mörtel „abgepickert“ werden, dafür handelte der Soester Jaust einen guten Preis aus. Damals rechnete er noch in der Kino-Währung: Wer 10 Steine sauber machte, konnte im Lichtspielhaus einmal „Dick und Doof“ und einen Indianerfilm ansehen.

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