Bewegende Erinnerungen an die alte Südostsiedlung

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Liesel Fleischer mit ihren beiden Söhnen Werner und Dieter.

Heimat ist... – Denkt Werner Fleischer darüber nach, wo seine Familie verwurzelt ist, dann fällt ihm ein Brief ein, den seine Mutter vor über 60 Jahren verfasste. Freudestrahlend berichtete sie ihrer Schwester in Gießen über den Einzug in die Südostsiedlung. 

„Es ist so herrlich, hier zu wohnen“, schrieb Liesel Fleischer. Worte, die ihren Sohn Werner heute mit Wehmut erfüllen. Er schildert, wie selig seine Mutter war, das die beengten Räume im O-Lager der Vergangenheit angehörten. Dort waren die vertriebenen Schlesier nach dem Krieg untergekommen, viele Menschen sehnten sich danach, das provisorische Gemeinschaftsquartier zu verlassen und endlich einmal für sich zu sein. Die Handwerker hatten das neue Viertel am Stadtrand in nur wenigen Wochen aus dem Boden gestampft. 

Nun ein eigenes Heim einzurichten und nach Lust und Laune die Tür hinter sich schließen zu können, das kam vielen Bewohnern wie ein schöner Traum vor. Werner Fleischer erzählt über das vorherige Leben in den alten Kasernen-Gebäuden am Meiningser Weg: Die Eltern hatten Breslau verlassen müssen und waren nach Soest gekommen. „Mit vier Personen hausten wir jahrelang in einem etwa 16 Quadratmeter kleinen Dachzimmer im Block neben dem Turm. Die Sanitäranlagen wurden zentral benutzt. Auch um die Heizung musste man sich für sein Zimmer selber kümmern. Mein Vater war ein gefragter Mann. Er stellte bei den Nachbarn Kohleöfen auf und legte die Abgasrohre quer durch Wände und Räume. So wie meine Eltern hatten viele zur Selbstversorgung einen kleinen Garten mit Gemüse und Viehzeug.“ 

Wie herrlich war es dann, in die gerade fertiggestellte Wohnung zu kommen! Endlich allein mit der Aussicht, nun heimisch zu werden und ein neues Leben aufzubauen! Man war mit wenigem zufrieden, stellte keine großen Ansprüche. Daran erinnert sich Werner Fleischer gut. Spricht er über damals, so weiß er, dass sich viele Ältere in seinen Worten wiederfinden. Er regt aber auch zum Nachdenken darüber an, „wie arm und bescheiden, nicht nur wir waren! Das ist ja heute alles undenkbar. Man sollte vielleicht auch etwas demütiger sein!“ Wie sah der Alltag aus? Was kam auf den Tisch? Der Soester: „Wenn wir Glück hatten, gab es am Wochenende mal Wurst oder Fleisch. Südfrüchte, Schokolade, Süßigkeiten gab es nur Weihnachten und Ostern.“ 

Als Geschenke kauften die Eltern dann Klamotten zum Anziehen, die sie abbezahlen mussten, da sie so viel Geld auf einmal nicht hatten. Die Mutter ließ beim Lebensmittelhändler nebenan anschreiben, seinerzeit gängige Praxis. Der Sohn: „Als Kleidung bekam man gebrauchte Sachen. Neue Schuhe – das war schon was ganz Besonderes!“ „Wir spielten auf der Straße“, fährt der Soester fort, „mitten in der Siedlung befand sich eine Spielwiese. Hier wurde meist Fußball gespielt. Wer einen Ball besaß, war der König! Spielgeräte gab es nicht. Da die Kinderzahl groß war und der Autoverkehr gleich null, spielten wir zum Beispiel Völkerball auf der Lippstädter Straße. Auch die unbebaute Landschaft am Südrand der Siedlung bis zum Teigelhof war unser Abenteuerspielplatz! Die schlimmste Strafe war damals Stubenarrest.“ 

Liesel Fleischer starb bereits im Jahr 1954.

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