Soester Brauchtum: Bürger gehen bis an die Grenzen

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Stpehan Haverland führt den Soester Schnadegang.

Kreis Soest. Am Dreiländereck reicht der Blick in die Ferne. Die Bad Sassendorfer schauen beim gemeinsamen „Paoläsen“ mit den Nachbarn Richtung Badeort, die Soester orientieren sich an den Kirchtürmen, die Möhneseer sehen nach Süden zur Haar. Einmal im Jahr machen sich die Grenzgänger auf den Weg.

Diesmal steuerten sie das Gebiet zwischen Bergede und Elfsen an, um mit großem Vergnügen zu sehen, wie der ein oder andere Auserwählte in ihrer in ihrer Mitte mit dem Hinterteil auf dem Poal (für Pfahl) prallt und nach dieser umjubelten Zeremonie hoffentlich nie mehr vergisst, wo sein Heimatort anfängt und endet. 

Der Schnadegang und das Poaläsen gehören überall in der Börde zum gern gepflegten Brauchtum. Das Wippen der Bürgerschützen gibt es nur in der „Ehrenreichen“, und das Trunseln ist im Lippetal eine Sache für echte Kerle und Amazonen. Wir stellen diese Traditionen, die immer viel Volk locken, in unserer Heimat-Serie vor. 

Stephan Haverland stellt vieles auf die Beine und führt jetzt auch den Schnadegang des Soester Geschichtsvereins. Er stammt aus Opmünden und widmet. sich mit großem Interesse der Vergangenheit der Dörfer. Obwohl er sich hervorragend auskennt in Vergangenheit und Gegenwart, weiß er, dass selbst alt eingesessene Bürger immer noch etwas Neues erfahren – oder in diesem Falle erwandern – können. 

Genau diese Besonderheiten rechts und links des Weges möchte er vorstellen. Die Schnad (verwandt mit Schneise) steht für die historische Kontrolle der Grenzen. Bei Rundgängen wurden die Markierungen freigeschnitten, die amtliche Überprüfung gedieh im Laufe der Zeit zu einem Volksfest.

 Mit Hohn und Spott in den Teich

 In Soest lebt die mittelalterliche Tradition des Wippens in den Großen Teich bis heute fort. Mit dieser Strafe wurden im Mittelalter kleine Diebe, wie etwa Garten- und Felddiebe, bestraft. Die Zuschauer bedachten den Delinquenten, dem vor dem Wippen als Zeichen der Schande die Haare abgeschnitten wurden, mit Hohn und Spott, wenn er im Großen Teich landete und triefend das Ufer erklomm. 

Die Soester Wippe wurde in der Stadt vom 14. Jahrhundert bis, in abgewandelter Form, 1780 als Strafe verwendet. Das Wissen beruht unter anderem auf der Darstellung im historischen Nequambuch, entstanden von 1315 bis 1421. In 13 Buchmalereien werden mittelalterliche Gerichtsszenen illustriert – darunter auch das Wippen in Soest. 

Man sieht eine gelbe Treppe und einen kahl geschorenen Mann, der die Arme in die Luft streckt, kurz bevor er im Wasser landet. Neben der Wippe steht eine Gruppe von Männern und schaut zu. Gelb galt im Mittelalter als Schandfarbe galt. Vor einigen Jahren ließen die Soester Bürgerschützen die heimatliche Straftradition des Wippens wieder aufleben: Die Bürgerschützen picken sich drei moderne Delinquenten aus dem öffentlichen Leben heraus, die sich einen Fauxpas erlaubt haben. Im Rahmen des Bürgerschützenfestes werden die Malefikanten meistens im Juni in die Entengrütze gewippt. Nachdem der Scharfrichter das Urteil in Reimform gesprochen hat, werden die Täter unter dem johlenden Applaus der großen Menge in den Teich geschickt. 

Da rollt ein Trunsel

 Nur noch 192 Tage, dann ist Ostersonntag: Am 12. April wird in Polmerheide nach alten Brauchtum der Trunsel rausgeholt. Das ist eine 20 Zentimeter durchmessende Holzscheibe, die die Lippborger erfunden haben. Man sägte eine Scheibe Holz aus einem gefällten Baum. Und da es in Polmerheide auch keine Tore gab, wurden Wege zum Spielfeld. 

Um die Endlinien abzustecken, zog man einfach eine gut sichtbare Linie quer über die Straße. Die Zahl der Spieler der beiden gegnerischen Teams wird dadurch bestimmt, wieviele stramme Mannsbilder oder Amazonen sich zum Trunseln einfinden. 

Bei Spielbeginn stehen sich die Mannschaften gegenüber. Die Ziel- oder Endlinien sind etwa 50 Meter voneinander entfernt. Die Mannschaft, die den ersten Anwurf hat, wird ausgelost. Dann nimmt der beste Schleuderer des Teams den etwa einen Kilo schweren Trunsel in die Hand und holt aus, um die Holzscheibe in Richtung der Gegner zu schleudern. Hier stehen die mit dicken „Riegelpöhlen“ bewaffneten Rivalen nun bereit, um den Trunsel aufzuhalten. 

Von dort, wo sie das Objekt gestoppt haben, wird der Trunsel zurückgefeuert. Gewonnen hat, wer in einer bestimmten Zeit die meisten Trunsel über die Endlinie geschleudert oder wer eine vorher festgelegte Zahl von Trunseln über die gegnerische Endlinie gewuchtet hat. Ziel der traditionellen Übung ist natürlich – wie immer bei den alten Germanen – das Vertreiben der bösen Geister, auch mit Ruggen und Gersten-Kaltschale.

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