Von Grünfläche zu Bauland

Grüner Ratsherr: "Es gibt keinen Bedarf für neue Gewerbegebiete" 

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Im Soester Südosten und auf dem angrenzenden Grund der Gemeinde Bad Sassendorf soll ein großes neues Gewerbegebiet entstehen.

Soest – „Entfesselter Flächenverbrauch“ oder doch nur „behutsame Vorratsplanung“? Über die neuen Gewerbegebiete, die gerade in Lippetal, Soest/Sassendorf und Lippstadt entstehen, ist Streit ausgebrochen. Der Sassendorfer Grünen-Ratsherr Karl Rusche übt Kritik am Flächenverbrauch - und hat vorher ausgiebig recherchiert.

Er bemängelt, die Umwandlung von über 160 Hektar Grünfläche in Bauland geschehe „auf Kosten des Allgemeinguts“. Es gebe gerade in Lippetal und Sassendorf nur minimalen Bedarf an Gewerbe-Arealen. 

Rusche hat sich die Mühe (und über 400 Euro Kosten) gemacht, sich einen Tag lang bei der Bezirksregierung in Arnsberg all die Akten heraussuchen zu lassen, die Hinweise auf einen möglichen Bedarf an Industrie- und Gewerbeflächen belegen. Das Material hat er inzwischen auch der Anzeiger-Redaktion vorgelegt.

So sieht der Bedarf an großen Flächen aus

Danach scheint auf den ersten Blick zumindest in Lippetal und Sassendorf kaum Bedarf an den großen Flächen zu bestehen. Für Lippetal, wo kürzlich Pläne für ein neues Gewerbegebiet von 42 Hektar Fläche an der Autobahn 2 vorgestellt worden sind, sei lediglich ein „Handlungsbedarf“ von 1,25 Hektar amtlich festgestellt worden.

Für Sassendorf, das zusammen mit Soest gerade dabei ist, 80 Hektar Gewerbeflläche zwischen Soest und Opmünden bereitzustellen, gebe es sogar nur Bedarf für 0,17 Hektar, also mal gerade 1700 Quadratmeter. 

Eklatantes Missverhältnis für Lippstadt

Noch eklatanter sei das Missverhältnis für Lippstadt; hier sollen 40 Hektar Industriefläche dazukommen, dabei habe die Stadt nach Auskunft Rusches einen Überhang von 20 Hektar – ebenfalls „amtlich festgestellt“. Rusche macht der in Düsseldorf regierenden CDU und FDP den Vorwurf „der Zerstörung der eigenen Lebensgrundlage“. 

Unterstützung erfährt der Ratsherr von Umweltverbänden; sie beklagen seit langem, es gebe bis heute keine grundlegenden Korrekturen an der Politik der anhaltenden Flächenumwandlung von Grün zu Grau. 

Die A2 nur einen Katzensprung von Lippetal entfernt

„Bedarf (für die eigenen Betriebe in der Gemeinde) ist das Eine, Angebotsplanung das andere“, hält der für regionale Entwicklung und Wirtschaft verantwortliche Abteilungsleiter bei der Bezirksregierung, Ferdinand Aßhoff, dagegen. Die 42 Hektar in Lippetal – obendrein ein Gemeinschaftsprojekt mit der Stadt Hamm – sollen eben nicht in erster Linie örtlichen Betrieben zugute kommen, die expandieren wollen. Für sie reichten tatsächlich die paar tausend Quadratmeter Bedarfsfläche.

Vielmehr werde hier „Vorratsplanung für die gesamte Region und das Land“ betrieben. Dass ausgerechnet auf dem Gebiet Lippetals so ein Projekt verwirklicht werde, hänge mit der exponierten Lage zusammen: Die A2 ist nur einen Katzensprung entfernt, ebenso das Kraftwerk in Uentrop, dessen Abwärme bei der Stromproduktion in energieintensive (neue) Betriebe gepumpt werden könnte. 

Gewerbegebiete sollen "für 25 Jahre" reichen

Ähnlich liege der Fall im Soester Südosten Richtung Sassendorf. Der Kurort selber benötige kaum zusätzliche Flächen, sagt Aßhoff, er siedle seine Betriebe ohnehin erst einmal im Lohner Klei an. Den großen Bedarf habe Soest, das seit Jahren bemängele, potenziellen Investoren wegen des Ausverkaufs an Industrieflächen kein Angebot machen zu können. 

Alle neuen Gewerbegebiete, so stellen sich das die Planer vor, sollen zudem „für 25 Jahre“ reichen. Bei solchen Dimensionen und bei der Ungewissheit, wie sich die Wirtschaft in dieser langen Zeit überhaupt entwickeln werde, komme es gerade für das Gebiet zwischen Soest und Sassendorf nicht auf fünf Hektar mehr oder minder an, sagt der Abteilungsleiter. Vielmehr habe man sich um ein größtmögliches, wahrscheinlich sogar das letzte mögliche Gewerbegebiet bemüht, das ausreichend Abstände zu Wohnsiedlungen und dem Naturschutzgebiet im Soester Südosten aufweise.

Kommentar von Achim Kienbaum: Nicht die Stunde für Stereotype

Kalt kalkulierende Bosse und willfährige Politiker auf der einen Seite, grüne Spinner ohne jeden Schimmer von ökonomischem Basiswissen auf der anderen – wer eine für die Entwicklung von Kommunen, nicht zuletzt im ländlichen Raum, existenzielle Frage mit solchen Stereotypen beantwortet, macht es sich auf beiden Meinungsseiten der Debatte allzu leicht. Wie in so vielen Bereichen der Politik, gerade wo sie Entscheidungen trifft, die in ihren Folgen weit über den Tag hinausreichen, ist auch hier Pragmatismus gefragt, Ideologie wenig hilfreich und Schaum vorm Mund noch weniger. 

Ein bisschen Recht zu haben ist keine Schande, im Gegenteil: Auch wenn sich Politiker gerne so gebärden, als wenn es keine akzeptable Alternative zur Lösung eines Problems gebe als ihre eigene, besteht ihr Handwerk doch gerade darin, Interessen auszugleichen und Kompromisse zu finden. 

Das gilt selbstverständlich auch für die Ausweisung von Gewerbegebieten. Gibt es Bedarf? Wenn ja wieviel? Kann der gedeckt werden oder nicht? Antworten darauf, so man sie denn tatsächlich hören will, geben unter anderem die Wirtschaftsförderer in den Kommunen. Kostet auch keine 400 Euro. Ist der Bedarf dann klar, sollte selbstverständlich nicht darüber hinaus Fläche verplant werden: Arbeitsplätze sind kostbar – Natur auch.

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