Ein grauenhafter Unfall – und die einzig richtige Lehre daraus

Im März, als die Ministerien in Düsseldorf und Berlin mit der Stadt Soest über die Zukunft der Radspur auf der Jakobistraße streiten, kehrt Oliver Brügger an die Unfallstelle zurück, wo er vor acht Jahren beinahe ums Leben gekommen ist.
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Im März, als die Ministerien in Düsseldorf und Berlin mit der Stadt Soest über die Zukunft der Radspur auf der Jakobistraße streiten, kehrt Oliver Brügger an die Unfallstelle zurück, wo er vor acht Jahren beinahe ums Leben gekommen ist.

Soest - Oliver Brüggers Schicksal hat viele Soester berührt. Als 27-Jähriger war er vor acht Jahren bei einem Radfahrunfall in der Jakobistraße fast ums Leben gekommen. Die Spuren der heftigen Verletzungen zeichnen den jungen Mann bis heute. Doch er hat sich zurück ins Leben gekämpft und führt die lange Liste der Leute an, die sich für den Radstreifen mitten auf der Jakobistraße stark machen.

In der letzten Woche des Jahres wird gern Bilanz gezogen: Was gab es Herausragendes in 2016? Wer hat was geleistet (oder verbrochen)? Wer hat anderen Menschen imponiert und bleibt in Erinnerung? Die Anzeiger-Redaktion hat nach solchen Leuten Ausschau gehalten und wird sie diese Woche vorstellen. Oliver Brügger gehört zweifellos dazu.

„Das ist echt lächerlich“, erzählt uns der gelernte Erzieher, als wir ihn im März treffen.

Vor neun Monaten ist die Bezirksregierung im Auftrag des Landesverkehrsministers gerade dabei, den Soestern den Radstreifen mitten auf der Jakobistraße wegzunehmen. Die Begründung ist behördlich-schlicht: Die Straßenverkehrsordnung sehe so etwas nicht vor. Dabei spiele es auch keine Rolle, wie sinnvoll eine solche Spur mitten auf der Straße sei und wie viel Sicherheit sie für Radfahrer schaffe.

So grausig es klingt: In Soest hat es erst am 16. August 2008 des schrecklichen Unfalls bedurft, um auf die Idee mit dem Sicherheitsstreifen zu kommen und Radfahrer seither davor zu bewahren, was Oliver Brügger passiert ist. Es ist ein Samstag. Der junge Mann, der Berufsschule und Bund bereits hinter sich hat, als Erzieher arbeitet und in wenigen Tagen sein Pädagogikstudium beginnen will, hat an diesem Tag noch schnell etwas in der Stadt zu erledigen und ist mit seinem Rad auf dem Weg dorthin.

In der engen Jakobistraße reißt eine 60-jährige Frau aus Oberhausen auf dem Parkstreifen am rechten Fahrbahnrand die Autotür auf, ohne in den Spiegel zu schauen. Brügger stößt gegen die Autotür, wird auf die Fahrbahn geschleudert und schlägt mit dem Kopf auf das Pflaster.

Wochenlang liegt er im Koma, wochenlang versuchen die Ärzte, sein Leben zu retten. Vier Jahre dauert die Odyssee in den Kliniken und Reha-Zentren, bis der Soester wieder ein halbwegs normales Leben führen kann. „Ich konnte nichts mehr, weder sprechen noch ein Butterbrot schmieren.“ Doch er kämpft sich zurück in den Alltag und lernt alles von vorn.

Imponierend daran: Der 35-Jährige steckt nie auf, und seien die Fortschritte bei der Genesung noch so klein. Seine Devise: Nicht dem nachhängen, was mal war und nie wieder zurückkommt, sondern das nehmen und nach Möglichkeit genießen, was das Leben noch bereithält: die ausgedehnten Spaziergänge durch Soest und die Hoffnung, eine der (mittlerweile vielen) Bewerbungen für einen Halbtagsjob als Erzieher führt zum festen Job.

Als Brügger im März mitbekommt, dass der Radstreifen in der Jakobistraße kassiert werden soll, meldet er sich zu Wort – erstmals nach seinem Unfall vor acht Jahren: „Das müssen die doch in Düsseldorf kapieren!“ Und er fragt die Verantwortlichen: „Muss erst jemand sterben?!“, bevor auch der Letzte einsieht, dass die Mittelspur in Soest nicht aus Jux und Dollerei auf die Straße gemalt worden ist.

Viele gute Argumente der Verantwortlichen in Soest, aber sicher auch das harte Los Brüggers haben inzwischen zumindest zu einem kleinen und vorläufigen Einlenken der Aufsichtsbehörden geführt. Hatte die Stadt im Frühjahr noch die schriftliche Anweisung, den Streifen auszuradieren, erklärt das Bundesverkehrsministerium in Berlin mittlerweile Gesprächsbereitschaft. „Im neuen Jahr will sich jemand aus Berlin die Situation vor Ort in Soest ansehen“, sagt Olaf Steinbicker, der für Stadtentwicklung zuständige Abteilungsleiter im Soester Rathaus.

„Bis dahin bleibt alles, wie es ist.“

Nicht zuletzt dank Oliver Brügger, dessen großer Wunsch ist es, dass niemand auf der Jakobistraße so grauenhaft verunglückt wie er.

Kennen Sie, liebe Leser, auch jemanden in Soest oder der Börde, der Sie dieses Jahr in besonderer Weise beeindruckt hat? Wir würden gern weitere solcher Menschen am Ende des Jahres vorstellen und freuen uns, wenn Sie uns anrufen oder eine Mail schreiben würden. Unsere Kontaktdaten stehen in der linken Spalte.

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