Bau in der Altstadt

Senkrechtstarter oder Sünde? 18-geschossiger Glasturm „Soester Freiheit“ polarisiert

Senkrechtstarter oder Sünde? Die Idee eines 18-geschossigen Glasbaus auf dem Petrikirchplatz findet ein geteiltes Echo.
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Senkrechtstarter oder Sünde? Die Idee eines 18-geschossigen Glasbaus auf dem Petrikirchplatz findet ein geteiltes Echo.

Diskussion um die „Soester Freiheit“: Ein Architekt möchte einen 60 Meter hohen Turm in die Altstadt setzen - viele Menschen aus Soest haben dazu eine klare Meinung.

Soest – Die „Soester Freiheit“ polarisiert. Nach dem Anzeiger-Bericht über die Idee des Architekten Bernd Grüttner, einen 18-geschossigen Glasturm inklusive Aussichtsplattform direkt vors historische Rathaus auf dem Petrikirchplatz zu errichten, gab es einen glasklaren ersten Leser-Reflex: auf keinen Fall!

Beim Ortstermin am Montagmittag schien sich der erste Schreck gelegt zu haben – und es gab einige Passanten, die der Idee eines Kontrapunktes zur historischen Bausubstanz viel Positives abgewinnen konnten.

Die „Soester Freiheit“, das könnte nach dem Willen des Soester Architekten ein Oberbegriff sein für „unabhängiges, freies und unkonventionelles Denken“. Eine offene Diskussionskultur zum Anfassen quasi. Zwar nicht zum Anfassen, dafür aber ziemlich griffig formuliert kam die Einschätzung von Else und Paul Schulte. Das Soester Ehepaar sprach zunächst schlicht von „Kappes“, ehe Paul Schulte präzisierte: „Wer das erfunden hat, der hat keine Ahnung von Soest.“

Vom Stil her ist das einfach nur eine Katastrophe.

Maike Sommer

Viel schöner seien doch die schönen Blumen, die im Frühjahr wieder vorm Rathaus blühten, meinte Ehefrau Else. „Da sieht man ja gar nichts mehr von der schönen Weihnachtsbeleuchtung“, warf Jürgen Hillebrand ein. Der Mann outete sich nicht nur durch seinen Soest-Mundschutz als Kenner der heimischen Szene. Man dürfe doch das schöne Rathaus nicht zubauen, wandte er noch ein. „Vom Stil her ist das einfach nur eine Katastrophe“ sei dieser „unglaubliche und hoffentlich nicht ernst gemeinte Vorschlag“, hoffte Maike Sommer. Als Lippstädterin sei sie zwar nur ein Gast in der Stadt, doch „wer ein bisschen Stil hat, sieht doch gleich, dass das hier nicht hinpasst.“ Andererseits kommen dann vielleicht mehr Menschen von Soest nach Lippstadt, fügte sie noch augenzwinkernd hinzu.

Von oben auf die Kirmes blicken

„Von uns bekommen Sie ein ,Ja!‘ - zweimal“, machte Svetlana und Daniel Vinogradov keinen Hehl aus ihrer Begeisterung. „Wenn das farblich gut abgestimmt wird, also mit Tönen aus Grau und Grün, dann passt das sehr gut hierher“, fand Sohn Daniel nichts als lobende Worte für die Grüttner-Idee. Und Mama Svetlana fügte hinzu: „Es wäre doch schön, hier zwischen den vielen alten Gebäuden und Kirchen auch mal etwas Neues zu sehen.“ Schließlich sei es doch auch ein Erlebnis, während der Kirmes von ganz oben auf der Aussichtsplattform nach unten auf das Kirmestreiben blicken zu können.

Es wäre doch schön, hier zwischen den vielen alten Gebäuden und Kirchen auch mal etwas Neues zu sehen.

Svetlana Vinogradov

Kaum hatten die ersten Menschen ihre Sympathie für den Glasbau bekundet, gab es weitere Befürworter. „Es muss ja nicht immer nur alles alt bleiben“, brach Monika Sielemann eine Lanze für die vertikale Innovation auf dem Petrikirchplatz. Und wenn man nach Corona wieder auf einen Turm steigen dürfe, dann biete sich die Aussicht von dort oben doch an. „Einen echt cooler Arbeitsplatz“ vermutetet Daniel Schröer im geplanten durchsichtigen Baukörper. „Im Sommer ziemlich heiß“ könne es darin womöglich werden. „Aber wenn ich an so einem Platz arbeiten dürfte, wäre ich sofort dabei.“

„Einfach nur eine Sünde“

Auf keinen Fall dabei wäre Martha Burdenski. „Einfach nur eine Sünde“ wäre es aus ihrer Sicht, im Schatten der großen Kirchen „so ein komisches Monstrum“ zu errichten. „Manchmal sind die Orte einfach nur schön und müssen gar nicht verändert werden“, riet sie zu mehr Gelassenheit.

Nach dieser kleinen Umfrage stand zweierlei fest: Ersten, dass der Glasturm mit dem Namen „Soester Freiheit“ ganz schön polarisiert. Und zweitens, dass just am Ort seiner möglichen Errichtung schon existiert, was sich Architekt Grüttner fürs Bauwerk wünscht: eine offene Diskussionskultur mit offenem, freien und unkonventionellem Denken.

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