"Es gibt Bereiche, wo für die allermeisten Türken der Spaß aufhört"

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Mustafa Görkem arbeitet als Journalist in Berlin

Soest - Mustafa Görkem ist zwar Redakteur beim Deutsch-Türkischen Journal (DTJ) in Berlin, einem Online-Magazin, das komplett in deutscher Sprache erscheint, ein „Soester Junge“ ist er aber auch.

In Soest wuchs der inzwischen 29-Jährige auf und hier machte er 2005 am Conrad-von-Soest-Gymnasium auch sein Abitur, bevor er Geschichte und Islamwissenschaft in Heidelberg studierte und anschließend nach Berlin ging. Mit Achim Kienbaum sprach der Journalist über den jüngsten Satirestreit, worüber Türken und Deutsche gemeinsam lachen können oder auch nicht – und dass zum nächsten Soestbesuch ganz sicher ein gemeinsamer Tee gehören wird. 

Gibt es im Türkischen etwas Vergleichbares zur deutschen Binsenweisheit, dass Humor ist, wenn man trotzdem lacht? 

Görkem: Jedenfalls haben die Türken einen sehr ausgeprägten Sinn für Humor. Es gibt zum Beispiel viel mehr Satiremagazine in der Türkei als in Deutschland, und die haben auch eine große Leserschaft. Das findet aber vorwiegend im Printbereich statt, weniger im Fernsehen. 

Gibt es Unterschiede bei dem, worüber Türken oder Deutsche lachen können? 

Görkem: Es gibt schon Bereiche, wo für die allermeisten Türken der Spaß aufhört. Da ist der Böhmermann-Beitrag ein gutes Beispiel. Den fand nicht nur ich persönlich nicht humorvoll. Im Gegensatz dazu war der Beitrag in Extra3, auf den sich Böhmermann ja auch bezog, gelungene Satire. Es hört einfach da auf, wo Witze über sexuelle Eigenschaften oder Neigungen gemacht werden oder die persönliche Ehre verletzt wird. Aber natürlich können auch Türken über Schadenfreude lachen oder sich gegenseitig auf den Arm nehmen. Das macht ja nicht Halt an Ländergrenzen. 

Haben Sie sich als Deutscher mit türkischen Wurzeln auch persönlich angegriffen gefühlt? 

Görkem: Nein, das kann ich nicht sagen, aber Böhmermann hat in seinem Beitrag natürlich schon Klischees aufgenommen. Um die Aufregung zu verstehen, muss man aber auch wissen, dass Erdogan nicht nur in der Türkei fast allgegenwärtig ist, sondern oft nach Deutschland kommt und damit auch hier im Leben vieler Türken eine große Rolle spielt. Vielen Landsleuten vermittelt er einen gewissen Stolz, und wenn man ihn dann angreift, fühlen sie sich ebenfalls angegriffen. Und zwar egal, wie man politisch zu ihm steht. Da findet dann eine Solidarisierung statt, über politische Gegensätze hinweg. 

Könnten Sie mir denn unbesorgt um ihr weiteres Wohlergehen darüber erzählen, wenn Sie doch eine klammheimliche Schadenfreude über die Attacken gegen Erdogan verspüren würden? 

Görkem: Schwer zu sagen. Es hat sich in letzter Zeit tatsächlich eine Art Spitzeltum ausgebreitet, auch unter den im Ausland lebenden Türken. So soll es in der Botschaft in Holland eine Anweisung geben, nach der die Namen von Kritikern von Erdogan an die Botschaft weitergegeben werden sollen. In der Türkei selber gab es vor einigen Wochen einen Fall, wo sich Eheleute gegenseitig angezeigt haben, weil der eine angeblich Erdogan beleidigt hatte und der andere ihn dann verklagt hat. Die türkische Gesellschaft ist sicher gespalten wenn es um Erdogan geht. Das ist aber auch das Ergebnis seiner Politik, die ganz bewusst auf eine Polarisierung setzt.

Kennen Sie denn Türken, die offen sagen, dass sie die Attacke von Böhmermann auf Erdogan gut fanden? 

Görkem: Es gibt schon einige Stimmen, dass das Erdogan ganz recht geschehen ist. Aber das sind wirklich sehr wenige. 

Fühlen Sie sich mit Ihrer Biografie als Mittler zwischen zwei Kulturen? 

Görkem: Ich fühle mich sehr wohl hier in Deutschland und habe nur sehr selten Diskriminierungserfahrungen gemacht, was sicher mit meinem Bildungsweg zu tun hat. Ich habe aber das Gefühl, dass viele von den Menschen, die sich jetzt als Türken angegriffen fühlen, hier nie richtig angekommen sind. Gerade bei denen kommt Erdogan gut an, wenn er ihnen Unterstützung verspricht und Wertschätzung ausspricht. Da muss sich die deutsche Seite die Frage gefallen lassen, was sie in all den Jahren mit diesen Menschen gemacht hat. 

Wenn hier in den Medien über die Türkei berichtet wird, geht es dabei fast immer um Terror, Unterdrückung oder Naturkatastrophen. Kann es sein, dass da noch viel mehr passiert, von dem hier bloß keiner was mitkriegt?

Görkem: Das ist ganz sicher so. Es ist aber in den vergangenen Jahren besser geworden, weil sich mehr Medien als früher damit beschäftigen, Alltagsthemen aufzugreifen, Kulturelles zu beleuchten oder Städte vorzustellen, die abseits der Touristenströme liegen. Das alles zu zeigen ist auch ein Teil unserer Arbeit hier beim DTJ. 

Warum tun sich Türken und Deutsche auch nach so vielen Jahren immer noch schwer damit, sich gegenseitig zu verstehen? 

Görkem: Das hat sicher damit zu tun, dass beide Seiten lange davon ausgegangen sind, dass Türken nur eine Weile in Deutschland arbeiten würden, um dann wieder in die Heimat zurückzukehren. Erst nach Jahrzehnten wurde wirklich klar, dass viele Türken ihr ganzes restliches Leben hier bleiben würden und damit Deutschland eben auch zur Heimat wurde, auf die man sich einlassen musste. 

Inzwischen wissen beide Seiten schon sehr viel übereinander, im Alltag kommt das aber viel zu selten zum Tragen. Wie kann sich das ändern? 

Görkem: Zum Beispiel durch unsere Arbeit, aber auch durch Begegnungen von Menschen untereinander. Türken laden Gäste gerne spontan nach Hause zum Tee ein, Deutsche sind da oft förmlicher, treffen sich lieber irgendwo draußen in der Stadt. Wir beide können da ja mal mit gutem Beispiel vorangehen: Wenn ich wieder nach Soest komme, sind Sie herzlich eingeladen, zum Tee, zum Essen und zum Quatschen – und ganz sicher wird dann auch gelacht.

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