Nun kommen alte Berufe zu Ehren

Blaufärber oder Höker stehen Pate für die Straßennamen im Soester Norden

Der Friedrich-Vockmar-Weg in Soest wurde benannt nach dem Begründer des modernen Zwischenbuchhandels.
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Statt nach Personen, die kaum einer kennt, werden die Straßen im neuen Wohngebiet im Soester Norden nach historischen Berufen benannt. Übrigens: Der in Soest 1799 geborene Volckmar gilt laut Wikipedia als Begründer des modernen Zwischenbuchhandels.

Soest - Nachdem früher historische Persönlichkeiten oder alte Flurbezeichnungen für die Benennung von Straße herangezogen wurden, greift die Stadt Soest für das neue Wohngebiet im Soester Norden auf alte Berufsbezeichnungen zurück.

Die meisten Berufe wie Turm- und Nachtwächter, Salzmüller, Höker oder Scharfrichter sind längst ausgestorben. Jetzt aber kommen die Professionen in Soest noch einmal groß heraus – auf den Schildern für die 22 Straßen in der neuen Siedlung im Soester Norden. Durchweg nach alten und ausgestorbenen Berufen werden hier die Wege benannt.

Die Zeiten, in denen Wohnviertel mal eben wie etwa im Soester Südosten nach Bäumen (Ahornstraße, Lindenstraße) benannt wurden, sind lange vorbei. Schon in den 50er-Jahren mahnte Soests angesehener Senator und Bürgermeister Hubertus Schwartz, sich in der geschichtsträchtigen Stadt etwas Sinnfälligeres einfallen zu lassen, berichtet der Soester Stadtarchivar Dr. Norbert Wex. Seit nunmehr 70 Jahren machen er und sein Team im Archiv sich grundlegend einen Kopf, wenn es um die Straßennamen in neuen Vierteln geht.

So auch diesmal für das riesige Neubaugebiet zwischen Oestinghauser Straße und Weslarner Weg, in dem künftig 1000 Menschen ihre Bleibe finden. „Das macht durchaus Spaß“, sagt der Archivchef. Für den Norden hatten die Namenspaten gleich ein ganzes Bündel an Vorschlägen: Die neuen Straßen hier hätten durchaus auch nach verdienten Persönlichkeiten des altehrwürdigen Archigymnasiums bezeichnet werden können oder auch nach honorigen Demokraten der 1848er-Bewegung. Doch die Idee mit den historischen Berufsbezeichnungen überzeugte am Ende den Kulturausschuss, der in dieser Frage das letzte Wort hat.

Manche Namen wie etwa der Zigarrenmacherweg oder der Knopfmacherweg sind selbsterklärend. Bei anderen aber geht es nicht ohne Nachfrage bei Dirk Elbert im Stadtarchiv oder (später) durch Lektüre der Hinweistafeln unter den Straßenschildern. Was zum Beispiel hat ein Torschreiber gemacht, der hier im Norden ebenfalls aufs Schild gehoben wird? Er und seine Kollegen saßen tatsächlich an den Stadttoren zwischen den Wällen und notierten nicht nur, wer rein und raus wollte, sondern vor allem, was die Reisenden so an Waren geladen hatten. Das alles, so Elbert, wurde penibel notiert, denn nach diesen Aufzeichnungen richtete sich nicht zuletzt die Steuerschuld der Händler. Im Geldeinnehmen waren Städte wie Soest schon immer groß.

Die Torschreiber wachten auch darüber, dass viele Jahrhunderte vor Corona bloß keine Gäste mit Pest und anderen ansteckenden Krankheiten kamen. Klopften die Maladen dennoch an die Stadttore, blieb ihnen der Zutritt versperrt. Immerhin waren die Soester so großzügig und mitfühlend, draußen vor den Toren bescheidene Krankenstationen vorzuhalten. Den Namen Hökerweg dürften viele Zeitgenossen noch heute eingeordnet kriegen. Das Wort hökern gibt es nach wie vor; heute hat es eher einen abfälligen Beigeschmack und weist auf zwielichtige Geschäfte und Waren, die da verhökert werden. Damals – im Mittelalter – waren die Höker zwar kleine, aber ehrbare Kaufleute, sozusagen das Bindeglied zwischen dem Großhandel und dem Endverbraucher.

Blau war neben dem Einheits-Grau vergangener Zeiten die einzige Farbe, die damals im Stadtbild sichtbar war. Mal abgesehen vom Purpur, das sich freilich nur Betuchte leisten konnten. Die Blaufärber, nach denen im Soester Norden nun ebenfalls eine Straße benannt wird, gewannen aus den Waid-Pflanzen den blauen Stoff, bereiteten ihn auf und färbten damit Stoffe und Tücher.

Wohnen im Scharfrichterweg

Auch wenn der kürzlich abgeflogene US-Präsident Donald Trump bis zum Ende seiner Amtszeit noch Verwendung für sie gehabt hat: Hierzulande ist der Job des Scharfrichters längst ausgestorben. Der Mann schlug den vom Stadtrat (der hatte im Mittelalter die Gerichtsbarkeit inne) zum Tode Verurteilten tatsächlich mit einem scharfen Schwert den Kopf ab.

Auch das wollte gelernt sein. Dirk Elbert berichtet von einem Zwischenfall, als in Soest ein ortsbekannter Weber wegen seiner Begeisterung für die Reformation zur Höchststrafe verurteilt worden war: Der Scharfrichter hatte einen schlechten Tag und verfehlte den Kopf des Delinquenten. Gleichwohl wurde der Mann derart schwer an der Schulter verletzt, dass er später dieser üblen Verletzung erlag.

Übrigens nicht geschafft aufs Straßenschild hat es der Tagelöhner; der Kulturausschuss verwarf diesen Vorschlag. Dafür konnten sich in der Soester Politik wohl die eher sozial-gestimmten Kräfte durchsetzen, um dem Laufburschen späte Ehre zu erweisen. Soest bekommt nun tatsächlich einen Laufburschenweg. Wobei das Wort heute eher verächtlich gebraucht wird. Der russische Systemkritiker Alexei Nawalny hat kürzlich Ex-Kanzler Gerhard Schröder wegen dessen freundschaftlicher Nähe zum Kreml als „Laufburschen Putins“ gescholten.

22 Straßen und ihre Namen

22 Straßen wird das Baugebiet „Neuer Soester Norden“ haben. Noch ist kein einziges Schild aufgestellt, doch die Straßennamen sind komplett vergeben. Hier ist die Liste: Torschreiberweg, Turmwächterweg, Nachtwächterweg, Seifensiederweg, Blaufärberweg, Hofjungenweg, Salzmüllerweg, Fassbinderweg, Zinngießerweg, Goldarbeiterweg, Spinnerinnenweg, Kappenmacherweg, Scharfrichterweg, Hökerweg, Zigarrenmacherweg, Wollweberweg, Knopfmacherweg, Schieferdeckerweg, Blechschlägerweg, Laufburschenweg, Nagelschmiedweg und Stellmacherweg.

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