Zeitzeugen-Serie: In letzter Sekunde in den Bunker

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Die Hansastraße 10.

Soest - „Wenn Fliegeralarm war, saßen um die 20 Leute in unserem Keller, alle aus der näheren Nachbarschaft“, erinnert sich Friedrich Siedler. Er erlebte die Bombennächte in Soest als damals achtjähriger Junge.

„Mein Vater hatte unser Haus in der Hansastraße 10 im Jahr 1936 erbaut.“ Bei Siedlers wurden Motorräder, Fahrräder und Nähmaschinen verkauft. Auch Autos waren im Angebot: Siedlers besaßen damals die Mercedes-Vertretung für den Altkreis Soest. Außerdem gab es dort eine Autowerkstatt. „Bei uns war immer viel los“, erzählt der heute 83-Jährige. 

„Weil unser Haus ein Neubau war, hatte man den Keller als Luftschutzraum für die Nachbarschaft ausgebaut und die Räume mit starken Balken abgestützt.“ Ein Kellerfenster hatte man zu einem Notausgang umgebaut. „In unsrem Keller gab es eine Besonderheit“, berichtet Siedler. „In unserem Haus wohnte die Familie Schanz, die ein Radiogeschäft betrieben. Wenn wir bei Fliegeralarm in den Keller liefen, lief oben in der Wohnung das Radio, wo ständig durchgesagt wurde, in welchem Planquadrat sich die Flugzeuge gerade befanden. 

Soest hatte die Bezeichnung Konrad Richard 7. Herr Schanz hatte vom Radio ein Kabel in den Keller gezogen und dort einen Lautsprecher abgebracht, so dass wir im Keller immer Bescheid wussten, wo sich die Flugzeuge sich befanden.“ Und noch eine Besonderheit kam hinzu: Friedrich Siedlers Vater Hermann, der in der Normandie war, hatte eine Landkarte mit allen Planquadraten angefertigt – so konnten die im Keller Sitzenden genau verfolgen, wo die feindlichen Angreifer gerade unterwegs waren und wohin sie steuerten. „Dann wussten wir: Uns passiert nichts.“ 

Friedrich als Kind.

Von vielen nächtlichen Fliegeralarmen hatte der Junge kaum etwas mitbekommen. „Ich habe eigentlich immer gut geschlafen, trotz der Alarme, und das hatte einen Grund: Mein Mutter Maria hatte unten im Waschkeller auf die großen Waschkessel Bretter und darauf Matratzen gelegt. Wenn nachts Alarm war, wurde ich runter getragen und schlief auf dem Waschkessel weiter“, erzählt Siedler. Das übernahm häufig ein holländischer Fremdarbeiter mit Namen Kees. „Er war mein guter Freund, der in unserer Familie hoch angesehen war. Er hat mir Anfang der 40er Jahre das Fahrradfahren beigebracht.“ Anders wurde es für Friedrich Siedler nach dem 5. Dezember, dem Tag des großen Luftangriffs auf Soest. „Vorher hatte ich eigentlich keine Angst gehabt“, erinnert er sich.

 Doch als er am Abend des 5. Dezembers mit den Nachbarn im Keller saß, beschlich den Jungen ein mulmiges Gefühl. „Meine Schwester und eine Cousine hatte sich zusammen mit Kees auf den Weg zum Bunker gemacht. Ich habe dann vor meiner Mutter richtig Theater gemacht, so dass sie nachgab und wir uns auch entlang des Soestbachs auf den Weg zum Bunker am Brüdertor machten.“ Es fielen schon die ersten Bomben, als die Schar endlich den Bunker erreichte. „Wir waren die Letzten, die in letzter Sekunde noch reinkamen.“ Beim Angriff wackelte das ganze stabile Betongebäude. „Aber wir konnten meine Schwester nicht finden, da war meine Mutter natürlich außer sich vor Sorge.“ 

Als alle nach langen Stunden den Bunker verlassen durften, fanden sie die Schwester schließlich gesund wieder: „Weil Kees als Fremdarbeiter nicht mit in den Bunker durfte, sind die drei in einen Erdbunker im Wall am Schonekindtor ausgewichen und haben dort zum Glück überlebt.“ Das Nachbarhaus der Siedlers in der Hansastraße war durch eine Luftmine zerstört worden. „Dadurch war auch unser Haus beschädigt worden. Wir hatten großes Glück gehabt, dass wir im Bunker waren. Denn durch den Druck der Mine hätten unsere Lungen platzen können.“ Einen Nachbarn, der nicht in den Bunker gehen wollte, fand man drei Tage nach dem Angriff tot auf der Straße unter einem schweren Eisentor. „Es waren so viele Häuser zerstört, so dass ich von unserem Küchenfenster im zweiten Stock das Osthofentor gut sehen konnnte.“ 

Als Friedrich Siedler am nächsten Tag durch die Brüderstraße lief, bot sich im ein Bild der Zerstörung. „Es lagen Unmengen an Schutt auf der Straße, über die Trampelpfade führten. Man hatte vor den Häusern den Eindruck, man befände sich auf Höhe des ersten Stocks.“ 

Man konnte das Haus in der Hansastraße zwar noch bewohnen, doch der Mutter schien es für die Kinder zu gefährlich, in Soest zu bleiben. Deshalb wurde Friedrich zuerst nach Niederbauer, später nach Körbecke zu Verwandten gebracht, wo er das Kriegsende erlebte. Seine Mutter blieb in Soest im Geschäft. Friedrich Siedler: „Ich kann mich an das alles noch sehr gut erinnern, obwohl ich erst acht Jahre alt war. Man ist als Kind sensibler, und man behält Dinge, die in Ausnahmesituationen geschehen, besser.“

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