2300 Teilnehmer

Klima-Demo in Soest übertrifft alle Erwartungen

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Rund 2300 Teilnehmer demonstrierten am Freitag in Soest. Zur Vollansicht des Bildes oben rechts klicken.

Soest - Sieben Minuten. So lange dauerte es gestern Mittag in der Soester Brüderstraße von der Spitze des „Fridays for future“-Demonstrations-Zuges bis zum Ende. 2300 Demonstranten hatten sich für die Rettung des Klimas in Bewegung gesetzt. Darunter viele Erwachsene. Damit ist die Schüler-Demo zu einer gesellschaftlichen Bewegung geworden.

„Hallo Ihr Schulschwänzer“, begrüßt ein gut gelaunter Udo Engelhardt um halb zwölf die Menschenmassen, die so gut wie den ganzen Soester Marktplatz füllen – optisch wie akustisch. Warum der Mann so gut aufgelegt ist? Weil er beim Blick auf den Markt neben den Schülern mit ihren bunten Plakaten auch eine große Anzahl von Erwachsenen erblickt – darunter die heimische „Grandparents for future“-Bewegung. „Hier und heute passiert ein Schulterschluss in der Gesellschaft“, ruft der Soester Meeresbiologe. Und: „Ich will mit Euch feiern, was hier passiert.

Klima-Demo in Soest: Die Fotos

Klima-Demo übertrifft alle Erwartungen

Die Schüler lassen sich nicht lange bitten. Sie recken ihre selbst gemachten Plakate in die Höhe, auf denen Botschaften zwischen Panik und Humor Platz finden: „Es kann doch nicht immer nur um Kohle gehen“, „Rettet die Erde, sie ist der einzige Planet mit Schokolade“ oder „Macht Ihr Eure Hausaufgaben, dann machen wir unsere“ ist ebenso zu lesen wie „Es gibt keinen Planet B“, „Ich bin so wütend, dass ich ein Plakat gemacht habe“ und in Anlehnung an eine bekannte Biene „Und diese Biene, die ich meine ... ist tot“.

Kreativ geht es weiter: Mit selbst Gedichtetem (Sascha, 5. Klasse: „Tut was fürs Klima, für Umwelt und Meer – jetzt, nicht nachher“), selbst Skandiertem („Worin wir uns´re Zukunft seh´n? Erneuerbare Energien!“), selbst Gebasteltem (Grüne Armbänder für die Teilnehmer) oder selbst Gesungenem (Marian Sprikmeier: „Lasst uns alle wieder Menschen sein“). Und damit sich die Menschen-Menge nach den vielen Einführungs-Beiträgen in Bewegung setzen kann, gibt´s noch ein tausendfaches Hüpfspiel: „Hoch mit dem Klimaschutz“, skandiert Noura Hammouda beim gemeinsamen Sprung, „runter mit der Kohle“ beim In-die-Knie-gehen der Massen.

"Weil Ihr uns die Zukunft klaut"

In Begleitung eines großen Polizei-Aufgebotes setzt sich der Zug gegen halb eins in Bewegung. Ganz vorne das Banner „Soest for future“. In der Brüderstraße ist immer wieder der gleiche Ausruf zu hören: „Wir sind hier, wir sind laut, weil Ihr uns die Zukunft klaut“. Exakt sieben Minuten dauert es von diesem Plakat bis zum letzten Demonstranten. Mittendrin deutlich positioniert auch politisch Erfahrene wie die SPD-Fraktion inklusive Klimanotstands-Plakat, Senioren aus dem Heim in der Paulistraße oder eben die „Grandparents for future“.

Am Rand applaudieren Unbeteiligte oder schießen Fotos, zwischendrin bekunden Gruppen wie die Trommel-Truppe von Neu St. Thomä lautstark und taktvoll ihre Solidarität.

"Das war richtig gut heute"

Zurück auf dem Marktplatz zieht Joscha Ellersiek von der Soester „Fridays for future“-Ortsgruppe Bilanz: „Das war richtig gut heute.“ Es folgen Wortbeiträge. Lea Leisner – behangen mit einem Plakat, auf dem sie ihr Unverständnis zum Ausdruck bringt, wegen eindeutiger Fakten demonstrieren zu müssen – unterstreicht den Ernst der Lage: „Unser aller Existenz ist massiv bedroht. Wir brauchen jetzt radikale Klimaschutz-Maßnahmen. 

Zusammen haben wir mehr Macht als wir denken.“ Julia von der Hannah-Ahrendt-Gesamtschule unterstreicht ebenfalls die drohende Gefahr: „Viele Tierarten drohen auszusterben. Wir vielleicht bald auch.“ Und Leya Paschen von der Soester „Extinction Rebellion“-Ortsgruppe macht ihrem Unmut über die noch immer vorherrschende bürgerliche Ignoranz Luft: „Ich habe es satt, mich noch immer für mein Klima-Engagement rechtfertigen zu müssen. Es ist so verdammt wichtig.“

"Das ist kein Klimaschutz-Parket, das isr Verarsche!"

Udo Engelhardt ist derweil dazu übergegangen, Klima-Leugner schlicht zu ignorieren. „Wir müssen uns auf die Mitte der Gesellschaft konzentrieren“, sagt er. Und geht unter dem lauten Beifall der Anwesenden mit der Politik hart ins Gericht: „Das CDU-Positionspapier zum Klimaschutz ist wie etwas schnell Gestricktes ohne Inhalt.“ Die wichtigen Faktoren fehlten und eine CO2-Steuer werde abgelehnt. Sein Resümee: „Das ist kein Klimaschutz-Paket, das ist Verarsche!“ Dann vergibt er noch „Klima-Preise“: je eine Bio-Zitrone an Wirtschaftsminister Peter Altmeier („Weil er doch tatsächlich zugibt, nur wegen der ,Fridays for future‘-Bewegung zu handeln“) und Verkehrsminister Andreas Scheuer („Weil er die Zahlen aus seinem eigenen Ministerium zur geplanten CO2 -Reduktion nicht rausrückt“) sowie in Anlehnung an das Dinosauriersterben eine Dose „intelligente Dinosaurier-Kotze“ an die „GroKo“ in Berlin und den Teil des Soester Rats, der den Klimanotstand verhindert hat. Die Begründung: „Ignoranz eindeutiger Fakten“.

Übrigens: Wer den Soester Demonstranten eine Überdosis an Kunstfertigkeit unterstellt, darf das Abschmelzen der Demo-Teilnehmer um gut ein Drittel bis zum Ende des Klima-Happenings als Bild für das Verschwinden der Gletscher durchgehen lassen. Tatsächlich aber gingen einige einfach früher und ohne Schlusswort ins Wochenende (Die Polizei schätzt die Zahl am Ende auf 1500) – während andere noch lange am Info-Stand blieben, um „diesen für Soest historischen Tag“ nachzubesprechen. Das macht aber nichts. Denn am kommenden Freitag geht es zum Ende der weltweiten Klima-Woche auch in Soest weiter. Wieder auf dem Marktplatz. Diesmal um 14.30 Uhr.

Kommentar: Von Jürgen Vogt

Umwelt und Klima müssen oben stehen

Noch nie so viele, noch nie so laut, noch nie so entschlossen: Die „Fridays for future“-Bewegung ist auch in Soest längst zu einer gesellschaftlichen Bewegung geworden. Die Schüler – und inzwischen auch ein immer größerer Teil der Bevölkerung – haben erkannt, dass neben dem persönlichen Wandel auch ein gesellschaftlicher Wandel notwendig ist, um die drohende Klima-Katastrophe doch noch abzuwenden. 

Soest, Deutschland, der Planet – sie alle brauchen nichts anderes als einen echten Paradigmenwechsel: Nicht mehr die Wirtschaft und das Soziale, sondern die Umwelt und das Klima müss(t)en ab sofort bei allen Entscheidungen Priorität genießen. Denn welchen Nutzen haben Vollbeschäftigung, Wohlstand und soziale Sicherheit, wenn der Planet im Fieber liegt – mit allen bereits prognostizierten Folgen: Ernteeinbußen, Extremwetter, Wasserknappheit – und in der Folge Massenflucht, gesellschaftlicher Destabilisierung, drohenden Kriegen um die verbleibenden Ressourcen? 

Die Soester „Fridays for future“-Aktivisten dürfen, nein: Sie müssen weiter machen. Und mit ihnen alle, die die Botschaft verstanden haben. Dazu zählen die „Extiction rebellion“-Ortsgruppe, das Soester Klima-Bündnis, der Klimatreff, aber auch die etablierten Gruppen wie der BUND oder sämtliche heimischen „for future“-Gruppen. 

Nicht zuletzt sind es auch die vielen Bürger und die Stadt Soest, die in der Verwaltung und in Teilen der Politik die Zeichen der Zeit erkannt haben. Ihnen allen gebührt Dank und Anerkennung. Sie alle sind das Gewissen unserer Gesellschaft. Die gute Nachricht: Die ersten Schritte sind getan. In Soest. In Deutschland. Global. Die schlechte: Der Weg hin zu einer Erde ohne Fieber ist noch weit.

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