"Fridays for future"-Demo in Soest:

Schüler fordern Europa mit Zukunft

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500 Demonstranten forderten beim gestrigen „Fridays for future“-Streik ziemlich lautstark mehr Klimagerechtigkeit.

Soest - Unüberhörbar und mit eindeutigen Appellen an die Politik und die Erwachsenen: Die „Fridays for future“- Demo in Soest präsentierte sich überaus kreativ – und mit 500 Teilnehmern so groß wie noch nie.

„Wir sind hier, wir sind laut, weil Ihr uns das Klima klaut!“ Wer Freitagmittag in der Soester Innenstadt unterwegs war, konnte diesen hundertfach wiederholten Protest nicht überhören. Rund 500 Demonstranten zogen vom Marktplatz aus in Richtung Bahnhof: Vorne Schüler mit bunten Plakaten aus den heimischen Schulen, hinten Erwachsene, die sich dem Protest angeschlossen hatten. Immer wieder skandierten die jungen Leute mit Megaphonen ihre Parolen wie „Eins, zwei, drei und vier, für Europa streiken wir, fünf, sechs, sieben, acht, das Klima wird nicht platt gemacht, neun und zehn, der Klimastreik wird weiter gehn.“ Am Bahnhof tanzten sich die Schüler weiter in Stimmung, reckten bei „Rauf mit den Bäumen“ ihre Plakate gen Himmel, gingen bei „Runter mit der Kohle“ hundertfach in die Knie. Beim Überqueren der großen Kreuzung am Bahnhof sorgte ein massenhaft skandiertes „Motor aus“ bei perplexen Autofahrern tatsächlich fürs Abschalten der Aggregate. Und vorm Kater gab es noch eine Sitzstreik, bei dem fast durchgehend gesungen wurde.

Inhaltlich auf den Punkt kamen die Schüler nach der Rückkehr auf den Marktplatz. „Die Europawahl ist eine Klimawahl“, meinte die 15-jährige Anna Berger. Und: „Wir haben bei der Wahl keine Stimme, aber wir können laut sein.“ Ihre weiteren Ausführungen gingen in einem „Wir sind hier, wir sind laut ...“ der Zuhörer unter. 

Gut vorbereitet und mit viel Hintergrundwissen zogen die Schüler der Lippetalschule durch die Stadt.

Viele streikende Schüler gemeinsam: Das machte den Teilnehmern offenbar Mut. Denn anstatt Verzweiflung und Betroffenheit angesichts der drohende Klimakatastrophe hatte sich längst eine fröhliche Stimmung breit gemacht. Die heizten drei Vorsängerinnen weiter an, als sie das Lied „Heute kann es regnen, stürmen oder schnein“ mit der Forderung nach Klima-Gerechtigkeit einer ignoranten Politik in Verbindung brachten.

Streik entwickelte sich zum Fest der Hoffnung

Und als der Soester Meeresbiologe Udo Engelhardt in seinem Beitrag eine positive Zukunftsvision zeichnete, mischte sich auch noch Hoffnung ins fröhliche Fest. In seinem „Rückblick auf das Jahr 2019“ würdigte er ausdrücklich noch einmal das Engagement der „Fridays for future“-Aktivisten in Soest, „weil auch durch ihren Beitrag ein Umlenken doch noch möglich wurde“. 

Weil aus der Schüler-Demo längst ein Event geworden ist, bei dem auch viele Erwachsene Flagge zeigen, gab es auch noch die verbale Unterstützung der „Parents for future“. Kerstin Werner befand das Mittel des Schulstreiks ausdrücklich für gut – und forderte neben einer guten Entscheidung bei der Europawahl auch den sofortigen Ausruf des Klimanotstands in Soest.

Paul Georg Liszewink hätte keine Skrupel, das ganze System auf den Kopf zu stellen.

Apropos Schulschwänzer: Die Klassen 8c und 9b der Lippetalschule waren ganz offiziell bei der Demo dabei. Lehrerin Elisabeth Umezulike meinte: „Bei uns ist das eine Schulveranstaltung, die wir zuvor in unterschiedlichen Fächern vorbereitet haben.“ So viel Solidarität, so viele Demo-Teilnehmer – konnte das noch jemanden gleichgültig lassen? Konnte es. Denn als die Aktivistin Noura Hammouda beim zwischenzeitlichen Skandieren die Besucher des Eiscafé nebenan aufforderte mitzusingen, gab es das, was sich die Schüler der „Fridays for future“-Demo in Soest am wenigsten gewünscht hatten: große Ignoranz.

Selbst gemachte Plakate und eine eindeutige Meinung zum Klimawandel bewegte diese Demonstranten.

Klimanotstand? Ratsmitglieder zu Gast im Ausschuss

Wird demnächst auch in Soest der „Klimanotstand“ ausgerufen? Mit dieser Frage wird sich der nächste Umwelt-Ausschuss ganz konkret beschäftigen. Nachdem eine Bürgerin einen entsprechenden Antrag gestellt hat, soll in der Sitzung am 4. Juli darüber beraten werden. Zudem soll abermals der Soester Meeresbiologe Dr. Udo Engelhardt eingeladen werden. Auch die Mitglieder des Rats werden gebeten, an der Sitzung teilzunehmen. Ziel ist es, dass sich eine möglichst breite Mehrheit der politischen Entscheidungsträger ein Bild von der aktuellen Lage machen kann.

Die Verwaltung wird zudem eine Vorlage vorbereiten, in der aufgezeigt wird, was in Soest bereits im Rahmen des Klimaanpassungskonzeptes in den Blick genommen wurde und was der Beschluss einer solchen Resolution bedeuten würde. Sollte der Umwelt-Ausschuss für die Ausrufung des „Klimanotstandes“ stimmen, dann muss der Rat in seiner nächsten Sitzung die Thematik aufgreifen. Weil der Ausschuss nur eine beratende Funktion hat, muss am Ende der Rat über den Bürger-Antrag entscheiden.

KOMMENTAR

Die alten Geschichten ruhen lassen

VON JÜRGEN VOGT

Mein Sohn Marco wird im Sommer zwei, meine Tochter Anna zehn. Im Jahr 2050 sind die beiden längst erwachsen. Was werde ich ihnen antworten, wenn sie mich dann fragen, was wir damals getan haben? Damals, als die Debatte ums Klima richtig heiß wurde? Damals im Jahr 2019, als längst alle Fakten einer drohenden Klimakatastrophe auf dem Tisch lagen? Damals, als Münster als erste NRW-Kommune den Klimanotstand ausgerufen hatte? Gerne würde ich erzählen, wie eine ganze Stadt aufwachte, wie sich Bürger und Behörden, Politiker und Vereine in dem einen Wunsch verbanden, die Wende zu schaffen. Gerne würde ich berichten über anfängliche Bedenken, über Skeptiker – und über einen großen Konsens, weil es für uns alle angesichts der Fakten keine Alternativen gab. „Wir haben damals alles auf den Prüfstand gestellt, alles“, würde ich gerne sagen. „Und dann gehandelt: Zuerst mit einer breiten Info-Kampagne, dann mit für damalige Verhältnisse krassen Vorgaben beim Bauen, in der Landwirtschaft, im Verkehr.“ Am liebsten aber würde ich erzählen von einer ganz neuen Begeisterung, die sich breit gemacht hat. Eine, die so richtig Lust machte auf weniger Wachstum, weniger CO2 , weniger Konsum. Eine, die sich steigerte, als wir erfuhren von ganz ähnlichen Ideen und Konzepten in anderen Städten, anderen Ländern, auf anderen Kontinenten. Und eine, die gleichzeitig mehr Lebensqualität generierte, neue Entscheidungsstrukturen mit viel mehr Bürgerbeteiligung brachte; Begeisterung aber vor allem, weil es dieses neue Gefühl eines Miteinander gab, einer gemeinsamen Verantwortung. Gar nicht zu sprechen von der Freude, als sich abzeichnete, dass wir die Katastrophe verhindert haben könnten, dass unsere Kinder eine Zukunft haben könnten. Wenn meine Kinder dann mitleidig lächeln angesichts eines alten Mannes, der sich noch erinnert an Benzinautos, an Gasheizungen, an Kohlekraftwerke oder an Vorgärten aus Stein, dann verspreche ich, die alten Geschichten ruhen zu lassen.


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