Vom Leben in einer Welt ohne Geräusche

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Rolf Quilitz und Franz Poggel setzten sich für die Selbsthilfegruppe CI "AKtiv" ein. 

Soest – Was bedeutet es, in einer völlig stillen Welt zu leben und nur – wenn überhaupt – an den Lippen ablesen zu können, was andere sagen? Rolf Quilitz spricht von einer „schlimmen Zeit“. Zwei Jahre sei er komplett taub gewesen. Nun trage er ein Cochlea Implantat (CI) und nehme dank der elektronischen Ohrprothese wieder Geräusche wahr, endlich auch die eigene Stimme. 

„Vielen ist die ganze Dramatik einer Hörstörung nicht bewusst“, sagt Franz Poggel, ebenfalls Betroffener, „der oft langsam schleichende Hörverlust führt zum Rückzug und zur Vereinsamung.“ Rolf Quilitz Ehefrau Christa berichtet von einer Kommunikation per Zetteln. „Wir haben zwei Jahre lang geschrieben“, erläutert sie, wie sie sich mit ihrem Mann verständigte. Sie denkt aber auch an gefährliche Situationen im Verkehr, die Gehörlosen zum Verhängnis werden können, weil sie zum Beispiel als Fußgänger in der Stadt einen sich von hinten nähernden Bus nicht wahrnehmen, auch nicht das Hupen und laute, warnende Rufe. 

Ihr selber sei es einmal passiert, dass sie im Garten gestürzt sei, ihren Mann, der sich nur ein paar Schritte weiter im Haus aufhielt, um Hilfe bitten wollte, der sie aber nicht gehört habe. Das Soester Paar und Franz Poggel aus Werl möchten informieren und andere ermutigen. Deshalb machen sie sich für die neue Selbsthilfegruppe CI „Aktiv“ stark, um Menschen mit einer unsichtbaren Behinderung auf dem Weg aus dem lautlosen Alltag zu begleiten. Das Angebot richtet sich unter anderem an Träger des kleinen Gerätes, das Audiosignale ans Gehirn überträgt. Initiator Franz Poggel freut sich, wie gut die Termine angenommen werden. 

„Gleich beim ersten Mal wurden wir mit vielen Fragen konfrontiert. Beim zweiten Treff konnten wir schon feststellen, dass aufgrund unserer Ratschläge eine Verbesserung der Lebensumstände erfolgte. Wir hatten ein älteres Ehepaar, das wegen der Hörstörung eines Partners vor Problemen stand und diese lösen wollte. Einer jungen Frau konnten wir Adressen vermitteln. Ein Teilnehmer wurde, nachdem wir letzte Zweifel beheben konnten, implantiert und steht vor der Erstanpassung.“ Poggel sagt aber auch: „Ein CI kann das gesunde Gehör nicht ersetzen. Aber es kann die Lebensqualität verbessern.“ Betroffene seien wieder in der Lage, mit der Sprache zu agieren und am gesellschaftlichen und beruflichen Leben teilzunehmen. Poggel: „Studenten kommen ebenso zu uns wie über 70-Jährige.“ 

„Ich habe viel Leid hinter mir. Nichts hören zu können, das ist einfach furchtbar. Ein Schock ohne Ende“, stellt Franz Poggel dar, was er durchmachte und wie er es mit eisernem Willen geschafft hat, den Kampf zu bestehen. Der Schicksalsschlag traf den selbstständigen Kaufmann nach einem Unfall. Er gab nicht auf und stellte sich der Herausforderung, die Erfahrungen, die er sammelte, möchte er weitergeben. Viele Jahre hat er sich deshalb auf Landesebene ehrenamtlich in der Vorstandsarbeit engagiert, und weil es sich bestens mit der Materie auskennt, trieb er auch im hiesigen Bereich die Gründung einer Gruppe voran. „Wir wollen gesellig und fröhlich beisammensein, über Erlebnisse hören und berichten, uns austauschen und andere zum Wohle daran teilhaben lassen.“

 Seine Motivation erklärt er so: „Durch meine erfolgreiche Implantation habe ich viel Lebensqualität und Selbstbewusstsein bekommen. Deshalb möchte ich helfen.“ Der Werler hat vor vielen Jahren in bewegenden Worten seine Geschichte aufgeschrieben und dafür das Pseudonym Kaspar Hauser gewählt. Warum gerade den Namen des rätselhaften Findelkindes? Er antwortet: „Ich habe mich in den ganzen Jahren meiner zunehmenden Schwerhörigkeit immer als Außenseiter gefühlt.“ Nicht hören zu können, das trenne Menschen und isoliere, hat er festgestellt. Als Experte in eigener Sache sieht er es als Herzensangelegenheit an, Brücken zu schlagen und Barrieren abzubauen. Deshalb ist er aktiv und lässt nicht nach, andere mitzuziehen.

Informationen

Zum CI-Treff gehören Träger des Implantates, Hörgeschädigte, deren Angehörige und Freunde. Initiator Franz Poggel: „ Durch die Gemeinschaft fällt vieles leichter. Herzlichkeit, Aufmerksamkeit, Initiative und großes Engagement sind nur einige Attribute, die den CI-Treff auszeichnen.“ Die Gruppe trifft sich wieder am 3. August und am 16. November im Haus der Diakonie, Wiesenstraße 15, in Soest. Ansprechpartnern sind Franz Poggel, Telefon 02922 / 2393, und Bernadette Weibel, Telefon 02365 / 66589.

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