Möglichst wenig Müll, aber: Ohne Plastik fällt der Alltag schwer

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Eine Familie macht mobil gegen Plastikmüll: Maja, Tanja, Boris und Jano Langerbein haben schon vieles umgestellt, gleichwohl gibt es noch viele Verpackungen, die der Familie ein ungutes Gefühl bereiten.

Wiltrop – Wenn Tanja (32) und Boris Langerbein (39) an die Zukunft ihrer Kinder denken, dann spüren sie ein Verantwortungsgefühl. Sie wünschen sich für die nächste Generation eine intakte Natur, nachhaltiges Wirtschaften – und viel weniger Müll. „Wir als Familie wollen den Raubbau an der Natur nicht länger unterstützen“, sagt Boris.

Weil das Ehepaar die eigene Verantwortung ernst nimmt, hat es inzwischen viele alte Gewohnheiten abgelegt: So gibt es keine Frischhaltefolien aus Plastik oder Alu mehr im Haushalt, Milch und Joghurt gibt es aus Gläsern und unterwegs gibt es Kaffee-to-go aus mitgebrachten Tassen. 

Doch der Alltag mit zwei kleinen Kindern setzt auch Grenzen in Sachen Müllvermeidung: So kommen Maja (5) und Jano (2) mit aufwendig verpacktem Plastikspielzeugen von Kindergeburtstagen zurück, scheiterte der Versuch mit Stoffwindeln an der eigenen Bequemlichkeit – und die Lust auf das Haarewaschen mit einem Stück Seife endete beim anschließenden Blick in den Spiegel. 

„Am Anfang war mir das alles viel zu komplex, ich hatte einfach keine Lust, mich mit dem Thema Müll auseinander zu setzen“, blickt Tanja zurück auf die Zeit vor den Kindern. Doch immer wieder sei sie auf das Thema gestoßen worden: beim Besuch eines Elendsviertels in Brasilien etwa, wo „der Umgang mit Müll viel krasser ist“; oder durchs Internet, wo sie aufmerksam wird auf „unvorstellbar viel Mikroplastik in den Weltmeeren“. 

Verantwortung übers eigene Wohl hinaus 

Auch Boris ist längst zu Hause beim Thema Müll vermeiden. Schon als Teenager engagierte er sich im Repair-Café, später unterstützte er mit dem Verein „Kleine Taten“ Projekte in Brasilien und Afrika“. „Wir haben eine Verantwortung über unser eigenes Wohl hinaus“, sagt er. Und: „Wenn nicht jetzt, wann sollen wir denn dann etwas ändern?“ 

Doch es ist eben dieses eigene Wohl, das der Familie immer wieder einen Strich macht durch die Müllvermeidungs-Rechnung. Sieben Monate lang wickelten die stolzen Eltern Maja mit Stoffwindeln. „Das ist mit viel Aufwand verbunden“, sagt Tanja.

Ein Beutel für die Schmutzwäsche und ein Waschlappen seien ständige Begleiter gewesen. Dann kam der Urlaub – und die erste Ausnahme. „Anschließend haben wir mit den normalen Windeln aus Bequemlichkeit einfach weiter gemacht“, räumt die Mutter ein. 

Überhaupt die Bequemlichkeit: Wegen des Mikroplastiks wusch Tanja die Kinder-Wäsche mit Plastikanteil in einem separaten Beutel. Das Ergebnis: Wenn die beiden so richtig herumgematscht hatten, gingen die Flecken nicht mit einem Waschgang raus. Experiment gescheitert. Oder die Sache mit der Seife: Um Plastikverpackung zu sparen, stieg Tanja vom Shampoo auf ein Stück Seife um. Damit konnte sie sich zwar auch die Haare waschen. Doch das Ergebnis war irgendwie zu „haarstäubend“. „Kurz vor Weihnachten habe ich mir dann ein Shampoo in der Plastikverpackung gekauft. Das nutze ich jetzt immer noch – und meine Haare sind wieder schön“, lacht sie. Die Folge: Experiment abgebrochen.

Erfolge gibt es auch. Boris stoppt regelmäßig auf dem Weg zur Arbeit beim Bäcker in Oestinghausen, lässt sich dort Kaffee in seine mitgebrachte Tasse füllen und ein Brötchen in die eigene Edelstahl-Dose legen. Müll? Fehlanzeige. „Das war früher ein echtes Problem, inzwischen geht das reibunsglos“, sagt er. 

Stolz präsentiert das Paar seine Frischhaltefolie: ein Baumwolltuch mit Bienenwachs überzogen. Das sei antiseptisch und ersetze im Haushalt sämtliche Folien. „Am Anfang konnte ich mir ein Leben ohne Plastik- und Alufolien nicht vorstellen. Heute weiß ich, wie einfach das geht“, will Tanja auch anderen Mut machen zur Umstellung.

Wie es weiter geht im Hause Langerbein? Die verbliebenen Tetrapacks sollen ersetzt werden. Die mit der Hafermilch etwa, für die es noch keine anderen Verpackungen gibt. Boris plant einen Besuch im „Unverpackt-Laden“ in Paderborn. Außerdem will der Verein „Kleine Taten“ bald ein Repair-Café ins Leben rufen. Und die Abläufe sollen verbessert werden. „Wieso planen wir unseren Urlaub nicht so, dass wir schon vorher wissen, wo es welche Einkaufsmöglichkeiten gibt?“, fragt Tanja. Und Boris ergänzt: „Es stellt sich aber auch ganz grundsätzlich die Frage, ob wir all das, was wir uns leisten, auch tatsächlich brauchen.“ 

Brauchen wir das, was wir uns leisten?

Und: Was schon einmal den Weg gefunden hat ins Haus der Langerbeins in Wiltrop, das soll auch bleiben dürfen. So wie ein Tetrapack, der inzwischen zum Vogelfutterhäuschen umfunktioniert wurde; oder die beiden Plastikflaschen, die demnächst als Blumenvasen neue Aufgaben bekommen werden.

Viele Ausnahmen bei den Kindern

Spielzeug für Maja und Jano? Die gibt es bei den Langerbeins in der Regel vom Flohmarkt – oder aus dem Internet. „Bei gebrauchten Spielzeugen gibt es viel weniger Rückstände“, meint Boris. Die Ausnahme von der Regel beginnt spätestens da, wo Paten und Großeltern in die Geschenkekisten greifen. Dann landet aufwändig verpackte Knete eines Markenherstellers im Spielzimmer, „obwohl Knete selber zu machen viel mehr Spaß macht und außerdem ganz ohne Plastikverpackung geht“. Grenzen gibt es auch da, wo Werbung Einfluss nimmt. „Gehen Sie mal an der Kasse mit Kindern an den Überraschungseiern vorbei“, sagt Tanja. Dann könne sie zwar argumentieren, doch „selten, aber manchmal eben doch“ kaufe sie dann doch ein Ei, dessen Inneres spätestens nach 30 Sekunden langweilig und dessen Verpackung indiskutabel sei. 

Oder die Sache mit den Kindergeburtstagen: Regelmäßig gebe es dort als Geschenke für alle bunte und ziemlich groß verpackte Plastikspielzeuge und mehrfach verpackte Süßigkeiten für alle als Gastgeschenke. „Na klar könnten wir das bei uns anders machen und zum Beispiel selber etwas basteln“, sagt Boris. Doch am Ende komme eben auch seine Familie noch nicht vorbei an verpackten Süßigkeiten. Das gelte im Übrigen auch für die Zeiten außerhalb des Hauses. Unterwegs gebe es noch immer Kekse und andere kleine Leckereien, weil es einfach bequem sei. 

Die Diskussion um zu viel Müll trägt aber auch schon Früchte bei Maja. Die nämlich lenkt im Supermarkt inzwischen immer öfter ein, wenn es um zu viel Plastik geht. „Gut, Mama, dann nehme ich eben weniger“, sagt sie dann. Manchmal platzt der jungen Dame sogar der Kragen: Vor ein paar Wochen malte sie einen Fisch auf ein Blatt Papier, klebte dann kleine Plastikreste aus dem gelben Sack auf den Bauch und verkündete: „Ich gehe jetzt nach Berlin und mache ‘ne Demo.“

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