Fahrt zum Mond überlebt und in der „Raupe“ geküsst!

Manfred Such

SOEST ▪ Zwar lebt Manfred Such mittlerweile in Dänemark, und er hat sich auch von der politischen Bühne zurückgezogen, doch im Herbst denkt der ehemalige Bundestagsabgeordnete gern an Soest, an die Karussells und den Lichterglanz.

Als er jetzt im Anzeiger den Aufruf las, unvergessliche Kirmeserinnerungen aufzuschreiben, da zögerte der 68-Jährige nicht lange und setzte sich gleich an den Computer. Hier sein Bericht:

Nach Schulschluss Aufbau beobachtet

Von der Lavauengasse, in der ich in den 50er Jahren wohnte, war es nur ein Katzensprung in den Soester Kirmestrubel. Ich lebte in den ersten Novembertagen quasi auf der Kirmes, und die Tage vor dem Beginn waren von einer Unruhe und der Sorge geprägt, es könnte alles nicht rechtzeitig bis zum Mittwoch aufgebaut sein. So streiften wir Jungen nach Schulschluss oder später in der Lehre nach Feierabend durch die Stadt, um den Aufbau zu beobachten, neue Fahrgeschäfte zu entdecken und um hier und da, wegen der Sorge um den Kirmesbeginn, unsere Hilfe beim Aufbauen anzubieten. Dafür erhoffte man sich natürlich auch Freikarten für ein Fahrgeschäft. Dadurch konnte die Kirmeskasse, die durch Ansparen des Taschengeldes oder durch Schrottsammeln und -versilbern‚ beim Schrotthändler Wigge in der Ritterstraße, einen oft ansehnlichen Betrag enthielt, entlastet werden. Beliebt war es auch, mit einer Harke weggeworfene Weinflaschen aus dem Soestbach zu fischen. Dafür gab es beim Obstwerk „Trudewind und Peus“ am Oelmüllerweg Pfandgroschen.

Unsere beliebtesten Fahrgeschäfte waren „Die Raupe“ und „Fahrt zum Mond“ auf dem Markt. Hier gab es die beste Musik und immer ein Wunschkonzert. Die Musik an den beiden Karussells unterschied sich eigentlich nicht. Ganz unterschiedlich war jedoch die Atmosphäre an den beiden Fahrgeschäften. An der „Fahrt zum Mond“ standen wir dicht gedrängt auf der schiefen Ebene der Karussellplattform, hörten die neusten Schlager und bewunderten mehr oder weniger akrobatische „Reisende“ auf der Fahrt zum Mond. Die kleinen, numerierten silberfarbenen Raketenwagen mit ihren roten Kunstledersitzen waren eigentlich viel zu eng, um darin bequem sitzen zu können. So hockten fast alle auf den kleinen Brüstungen der Wagen, obwohl das verboten war, und man lehnte sich mit dem Oberkörper, der Fliehkraft entgegen, zu einer sich im Zentrum des Karussells in entgegen gesetzter Richtung drehenden stilisierten Himmelsscheibe.

Auf dieser Scheibe kam den „Mondfahrern“ eine kleine Rakete entgegen, auf der die Figuren eines Mondtouristen mit wehendem Bart und Kamera vor dem Bauch sowie seinem mitreisenden Jungen auf dem Sozius, angebracht waren. Haarscharf am Kopf der auf der Brüstung der Raketenwagen liegenden Jugendlichen vorbei!

Vor der Kassen- und Steuerkabine unter einer Mondlampe an der höchsten Stelle der „Fahrt zum Mond“ bildete sich immer ein größerer Stau. Hier konnten wir beim „Chef des Karussells“ unsere Musikwünsche für uns oder für jemanden im Wagen Numero soundso anmelden, die dann hoffentlich in Erfüllung gingen. Er (ein früher Diskjockey?) legte die Scheiben auf. Häufig war das mit einer spöttischen Ansage oder mit einem hämischen Lachen des Publikums auf dem Karussell verbunden:

„Teddy Bear“ für die nette Dame in Wagen Nr. 7

„Für die nette Dame im Wagen Nr. 7 wünscht sich der junge Mann im Wagen 13 den Titel „Teddy Bear“ von Elvis Presley. – „Er wär’ so gern, ihr Teddy Bear…ha, ha ha.“ Das mussten dann Wagen 7 und 13 einige Runden aushalten, bis die Karussellsirene die Höchstgeschwindigkeit ankündigte und die Fahrt zu Ende ging. Wenn man sich mochte, gingen 7 und 13 gleich nur wenige Schritte rüber zur Raupe.

Das Gedränge war das gleiche, die Musik sowieso. Es gab allerdings unterschiedliche Fans. Da waren einmal die, die amerikanischen Rock’n’ Roll hören wollten und Elvis, Bill Haley, Buddy Holly, Paul Anka oder Little Richard favorisierten und durch die Musik des kanadischen Senders im Werler Stadtwald geprägt waren. Die wollten mit der „Peter Kraus/ Conny Froboess-Fraktion“ also wirklich nichts zu tun haben. Die Kleidung dieser „Rock’n’Roller“ – Halbstarke nannten die Erwachsenen uns – unterschied sich allerdings nicht. Die ersten Jeans, sie hießen damals noch Nietenhosen, wurden beneidet. T-Shirts gab es noch nicht. Jungen trugen das Unterhemd mit dem höheren Rückenteil nach vorne unter dem Oberhemd, so dass es am Halsausschnitt sichtbar wurde.

So ähnlich sah es wohl bei den kanadischen Soldaten aus, die in Soest stationiert waren. Mädchen: Petticoat und Pferdeschwanzfrisur! Jungen: Elvis-Tolle und viel Pomade, Metallkamm in der Gesäßtasche!

Zum anderen gab es auch noch die aus der „Vor Rock’n’Roll-Zeit“, die noch auf Gerhard Wendland, Catarina Valente, Vico Torriani oder Margot Eskens standen. Eine bunte Mischung also. Das Vergnügen war, gemeinsam die neuesten Schlager zu hören, sich zu zeigen, zu poussieren (heute heißt das flirten oder anmachen) oder einfach nur Spaß zu haben und eine Runde mit „Wunschkonzert“ in der Raupe zu fahren. Die Fliehkraft sorgte für Annäherung.

Besuch in der alten Heimat

Wenn ich in diesem Jahr, wie immer, zur Kirmes nach Soest komme, stehe ich sicher wieder mit schönen Erinnerungen am Markt vor dem Musikexpress, der die „Fahrt zum Mond“ verdängt hat. Oder ich freue mich, an der Stelle am Markt, wo früher die Raupe stand, vor einem Hightech-Fahrgeschäft darüber, dass wieder junge Leute ihren Spaß haben.

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