Wetterphänomene in der Börde

Trockenheit geht an die Substanz: So stellen sich Landwirte auf das Wetter ein

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Dürre setzt Landwirtschaft zu

Soest - Nach dem Dürrejahr 2018 fehlt noch immer jede Menge Wasser im Boden - Bauern kaufen schon andere Getreidesorten.

Ganz egal, ob es dieses Wochenende noch den ein oder anderen Regenschauer gibt: Die Bördeböden sind ausgetrocknet, und der Regen im Januar und März hat längst noch nicht das Manko aus 2018 wettgemacht. 

Inzwischen bestellen die Bauern bereits resistente Getreidesorten, die schon in Osteuropa in Dürrezeiten einigermaßen Erträge gebracht haben. 

Es fehlen 250 Liter pro Quadratmeter

Andreas Horstmann ist Versuchstechniker für Pflanzenbau auf Haus Düsse. Und er ist seit 25 Jahren der Wettermann in der Versuchsanstalt, kennt den Boden und die Wasserstände aus dem Effeff. „Eine solche anhaltende Trockenheit wie im vergangenen Jahr habe ich in all den Jahren noch nicht erlebt“, sagt der Experte.

 Weil er alles genau misst, kann er seine Aussage mit exaktem Zahlenmaterial belegen: „Noch immer fehlen 250 Milliliter.“ Klingt nicht nach viel, bedeutet aber im Klartext: Auf jeden Quadratmeter Boden müssten 250 Liter Regen mehr gefallen sein. Natürlich wisse niemand, ob 2019 – wie gerade in den Netzwerken rauf- und runtergebetet – wiederum ein Dürrejahr wird, sagt Horstmann. „Das wäre reine Spekulation.“

 Doch schon die ersten drei Monate des neuen Jahres verheißen nichts Gutes. Januar und März lagen regenmäßig im langjährigen Mittel, mehr aber auch nicht. Der Februar schaffte nur die Hälfte des Solls (siehe Infobox). Der gerade zu Ende gehende April dürfte den meisten als ein wunderbar sonniger, trockener und eher windiger Monat in Erinnerung bleiben.

Voller See ist kein Widerspruch

Wie passt denn das alles zu dem randvollen Möhnesee? „Das ist kein Widerspruch“, erläutert der Fachmann. Die Regenschauer im Januar und März sind über die Felder und Flüsse im Sauerland nun in der Talsperre gelandet, wo sie gestaut werden. Ein durchlaufender Posten, wenn man so will. Stichwort durchlaufen. 

Selbst kräftigste Sturzregen und Überschwemmungen würden am Wasserhaushalt der Böden nichts ändern. Ein kräftiger Platzregen dringt nur wenige Zentimeter in den Boden ein, die große Masse rauscht übers Feld, reißt womöglich frisches Saatgut mit sich und landet in Flüssen und Kanälen, bisweilen auch in Kellern und Wohnungen. „So ein Sturzregen macht nur Ärger“, so das Urteil des Fachmanns. Helfen würde nur der mäßige, aber lang anhaltende und unbeliebte „Landregen“. 

In der Tiefe fehlt das Wasser

„Die obersten 30 bis 50 Zentimeter der Ackerböden sind feucht“, erläutert Horstmann. Doch darunter bis in anderthalb Meter Tiefe fehlt die Nässe. Erst in noch größeren Tiefen stößt man aufs Grundwasser. Weil aber Getreide bis zu zwei Meter tief wurzelt und sich von dort unten Wasser und Nährstoffe zieht, wird schnell klar, was die staubtrockene Mittelschicht anrichtet.

„Dabei leben wir in der Börde, vor allem im nördlichen Bereich an der Lippe, noch auf einer Insel der Glückseligen“, sagt Horstmann. In den Niederungen entlang des Flusses stimme der Wasserhaushalt halbwegs. „Die Landwirte haben längst reagiert“, erzählt Josef Lehmenkühler, der Chef des landwirtschaftlichen Kreisverbands.

Robuste Getreidesorten

Sie bemühen sich um robuste Getreidesorten, die mit wenig Wasser auskommen, im Gegenzug aber nicht so viel Ertrag bringen. Und sie gewöhnen sich gerade ab, den Acker vor der Aussaat zu pflügen; es würde dem trockenen Boden nur weitere Restfeuchte entziehen, erst recht bei sonnigem und windigem Wetter wie in den vergangenen Tagen. 

Stattdessen fährt der Bauer nur einmal mit seinem Grubbler übers Feld, damit der Mais in diesen Tagen in den Boden kommen und aufgehen kann. Hobbygärtner würden in einer solchen Situation zur Gießkanne greifen. Doch die Landwirte sind nach Auskunft Lehmenkühlers dazu nicht in der Lage: Kaum einer hat noch einen Brunnen, um Wasser zu schöpfen. 

Bäche sind tabu

Genehmigungen zum Abpumpen aus Bächen und Flüssen sind die Ausnahme. Denn auch die sind im vergangenen Jahr oft genug trocken gefallen – sehr zum Leidwesen der Fische. Schließlich: Die Dürre ist für Bördebauern noch ein recht junges Phänomen. „Jahrzehntelang hatten wir mit der Nässe zu kämpfen und mussten zusehen, spätestens bis Oktober die Ernte einzufahren – um nicht im Matsch zu versinken“, schildert Lehmenkühler. 

Doch genau das alles zeichne Landwirtschaft und ihre Akteure aus, sagt der Vorsitzende. „Sich immer wieder neuen Gegebenheiten anzupassen, liegt den Bauern im Blut.“ Gerade weil es in vielen anderen Regionen im Land und auf der Erde noch viel trostloser aussieht, wolle man hier in der Börde die Landwirtschaft hochhalten.

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