Vom Ermittler zum Betreuer

Albert Groß ist Opferschutzbeauftragter bei der Soester Polizei - ein Interview

+
Die Polizei als Freund und Helfer: Genau so sieht Albert Groß – hier im Gespräch mit Holger Strumann – seine Rolle als Opferschutzbeauftragter.

Soest – Noch ist der Täter flüchtig, der vor drei Wochen die Tankstelle am Overweg überfallen und die 21-jährige Kassiererin mit einer Pistole bedroht hat. Dem Räuber drohen, wenn er gefasst wird, Prozess und Gefängnis. Aber was wird aus dem Opfer? Mehr denn je kümmert sich die Polizei auch um die Leidtragenden der Verbrechen. 

Bei der Polizei in Soest sind zwei Beamte eigens als Opferschutzbeauftragte im Einsatz. Mit einem von ihnen, Albert Groß (59), sprach Holger Strumann. 

Herr Groß, haben Sie die junge Frau kennengelernt, die vor drei Wochen an der Avia-Tankstelle überfallen und mit einer Pistole bedroht worden war? 

Albert Groß: Ich habe mir ihr gesprochen; sie hat die Tat – in Anführungsstrichen – relativ locker weggesteckt. Ich habe ihr gesagt, dass sich der psychologische Dienst der Berufsgenossenschaft binnen drei Tagen bei ihr melden wird. Die Berufsgenossenschaften sind sehr gut aufgestellt. 

Ist die Frau auf Sie zugekommen? 

Groß: Nein, ich habe mich gemeldet. Wir schauen hier jeden Tag nach, welche Gewalttaten bei der Polizei in den letzten 24 Stunden angefallen ist, und sprechen die Opfer an. 

Andere Geschädigte stecken einen solchen Überfall nicht so leicht weg. 

Groß: Das stimmt. Da werden die Leute sofort krank geschrieben, weil sie einfach nicht in der Lage sind zu arbeiten. Da geht es um schnelle Hilfe. Unsere Erfahrung: Alle Berufsgenossenschaften sind auf dem Gebiet sehr gut aufgestellt. 

Wie wirken solche Opfer auf Sie? 

Groß: Fast handlungsunfähig, sie wissen nicht, was sie machen sollen, sind gefangen in ihrer Schleife, trauen sich nicht mehr nach draußen, sind total verängstigt. Da ist schnelle Hilfe vonnöten. Ist keine Berufsgenossenschaft zuständig, kommt das Opferentschädigungsgesetz zum Tragen, so dass wir sofort Kontakt zu Trauma-Ambulanzen in Dortmund und Paderborn herstellen können. Innerhalb einer Woche gibt es dort einen Termin. 

Gibt es andere Anlaufstellen? 

Groß: Wir sind hier im Kreis Soest sehr gut vernetzt. Eine Vermittlung an die Caritas, die Diakonie, die Lebensberatungsstelle klappt problemlos.

Können solche Opfer nach der Therapie wieder in ihren Beruf zurückkehren und das Leben führen, das sie zuvor geführt haben? 

Groß: In der Regel ist es so. Manchmal sind die Traumata aber so tiefgründig, dass die Betroffenen nicht mehr arbeiten können und eine Verrentung erforderlich wird.

Also, es kommt auch vor, dass so ein Überfall, ein anderes Verbrechen oder ein schwerer Unfall die Opfer für den Rest ihres Lebens aus der Bahn wirft?

Groß: Ja, absolut. Es sind Gott sei Dank wenige Fälle. 

Was ist das Ziel dieser Opferschutzarbeit? 

Groß: Das Ziel ist, genau das zu verhindern, was wir gerade besprochen haben. Wir wollen, dass die Geschädigten tatsächlich genauso wieder leben wie vor dem Vorfall. So will es auch das Gesetz: Der Staat war in dem Moment nicht da und konnte nicht aufpassen, als es passierte, er möchte wenigstens den Zustand an Leib und Seele wieder herstellen, wie er früher war. 

Zu zweit arbeiten Sie und Ihr Kollege als Opferschutzbeauftragter für den gesamten Kreis Soest. Wie viele Fälle kriegen Sie beide auf den Tisch? 

Groß: Bei der häuslichen Gewalt sind es im Jahr 220 Fälle, bei Raubdelikten an die 120 Fälle, zudem 60 bis 70 Sexual-Delikte von der sexuellen Belästigung bis zur Vergewaltigung. 

Trifft mein Eindruck zu, dass heute mehr auf Opfer geschaut und ihnen geholfen wird? Steckt dahinter womöglich ein Trend zu mehr Mitgefühl und Solidarität? 

Groß: Ich kann das nicht mit Zahlen untermauern, aber ich glaube: Wir sind auf einem guten Weg. Das war schon mal schlimmer. 

Sie haben, bevor Sie diese Aufgabe übernommen haben, 14 Jahre lang als Kripobeamter Rauschgift- und Jugend-Kriminalität verfolgt. Da rangierte der Opferschutz womöglich nur ferner liefen?

Groß: Neu ist: Opferschutz ist heute eine gesamtheitliche Aufgabe für die Polizei. Schon bei der Anzeigenaufnahme vor Ort sollen die Kollegen behutsam mit den Opfern umgehen. Opferschutz gibt es schon seit 1847, aber nicht in der Form, wie wir ihn heute erleben. Das hat ja was mit Bewusstsein, Einstellung und Sensibilität zu tun. 

Denkt die Gesellschaft heute anders? 

Groß: Auf jeden Fall. Als ich anfing bei der Polizei, sind wir zu häuslicher Gewalt – damals hieß das noch Familienstreit – gerufen worden. Da sind wir hingefahren, haben den Finger hochgehoben und gesagt: „Wenn wir noch mal wiederkommen, nehmen wir einen mit.“ Da mussten wir nicht mehr wiederkommen. Da gab’s keine Strafanzeigen, da wurde nicht richtig hinterhergeforscht. Das wollte die Gesellschaft auch nicht. Die Familie war heilig. Das ist heute anders. Gerade weil Frauen oft tatsächlich Opfer häuslicher Gewalt sind und ihre Rolle heute gestärkt ist, hat sich auch die gesellschaftliche Einstellung zu Opfern verändert. 

Wie ist das bei Ihnen gewesen: Wie sind Sie vom Ermittler zum Betreuer geworden? 

Groß: Ich war damals schon ehrenamtlich tätig und sozialer Ansprechpartner und Vertrauensmann bei der Polizei gewesen. Als die Stelle ausgeschrieben wurde, habe ich mich mit dem damaligen Opferschutzbeauftragen unterhalten und fand das sehr interessant. Als ich genommen wurde, habe ich mich erst mal auf den Hosenboden gesetzt und mich eingearbeitet. Denn das war nicht die Polizeiarbeit, die ich kannte. 

Wenn Sie auf die 13 Jahre zurückblicken: War es eine gute und lohnende Zeit? 

Groß: Eine tolle Zeit, ich kann die Polizei so leben, wie ich sie schon früher verstanden habe: Die Polizei – Dein Freund und Helfer. Hier kann ich wirklich helfen. Und freundlich sein. Ich mach das gerne, absolut. 

Greift es Sie womöglich psychisch an, dass Sie sagen: Ich habe inzwischen so viel Leid und Schreckliches zu Ohren bekommen – das Maß ist voll? 

Groß: Ich würde das merken. Ich kann es abladen über meine Funktion als soziale Ansprechpartner der Behörde; wir haben da Supervision. Toi, toi, toi: Bisher habe ich das alles so weit ganz gut im Griff.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf soester-anzeiger.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare