Erinnerungen eines Zeitzeugens: So schlimm waren die Bombennächte im Wallbunker

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Udo Garbe zeigt in dem Durchlass vom Mühlenpättken, wo in etwa auf beiden Seiten die Eingänge in die Luftschutzstollen lagen. Nach baulichen Veränderungen ist von diesen Stollen heute von außen nichts mehr zu sehen.

Soest – Anfang Dezember 1944, die Sirenen heulen, wieder einmal Fliegeralarm. Wie schon so oft zuvor schnappt sich die Mutter von Udo Garbe das „Notfallpaket“ mit den wichtigsten Papieren, das stets griffbereit neben der Wohnungstür liegt. Gemeinsam mit ihren vier Kinder hastet Erna Garbe zu dem Luftschutzstollen, der am Mühlenpättken in den Wall getrieben wurde. So weit alles wie immer, aber dieser Angriff hat sich tief in der Erinnerung Udo Garbes festgesetzt. Die Detonationen der Bomben kamen immer näher heran, der Boden und die Bunkerwände zitterten und wankten wie bei einem Erdbeben. 

„Alle lagen auf den Knien und beteten, die Stollenwände knirschten und ächzten, das Licht flackerte, Staub hüllte uns ein, wir husteten.“ So eindringlich hat Udo Garbe die Erinnerung an dieses Erlebnis aufgeschrieben. Und auch dies, dass er trotz der dröhnenden Bomben, trotz der Todesangst über die hohe Fistelstimme eines Nachbarn lachen musste – was ein weiteres eindringliches Erlebnis nach sich zog: „Meine Mutter gab mir eine Ohrfeige, die spüre ich noch heute.“ 

Wie knapp die Menschen aus dem Stollen mit dem Leben davon gekommen waren, zeigte sich nach der Entwarnung. Eine der Bomben hatte den Wall denkbar knapp verfehlt. Sie war direkt vor dem Nebeneingang des Bunkers in der Wallstraße eingeschlagen und hatte einen vier bis fünf Meter tiefen Bombentrichter hinterlassen. Hätte die Bombe den Wall getroffen, davon ist Garbe überzeugt, hätte er selbst mit seiner Familie, hätten all die Menschen in dem Luftschutzstollen nicht überlebt. 

Nach dem Bericht über den Wallbunker Grüne Hecke hat sich Udo Garbe, 1938 in Soest geboren, beim Anzeiger als Zeitzeuge gemeldet. Die Familie Garbe wohnte seinerzeit Auf der Borg 33 in einem der kleinen Fachwerkhäuser, die inzwischen längst abgerissen sind. Vater Heinrich Garbe war Arbeiter in der Zuckerfabrik und 1944 als Soldat in Russland. Mutter Erna kümmerte sich um die vier Kinder, Tochter Erna, Jahrgang 1933, und die Söhne Heinz, Erwin und Udo, 1934, 1937 und 1938 geboren. 

Heute ist von den beiden Luftschutzstollen, die vom Durchlass am Mühlenpättken aus in beiden Richtungen etwa 60 Meter weit in den Wall getrieben wurden, äußerlich nichts zu erkennen, die beiden spiegelbildlich angelegten Anlagen müssen aber noch da sein, sagt Udo Garbe. Bis in die 1950er Jahre hinein seien sie offen gewesen, oft genug habe er mit anderen Kindern darin gespielt. 

Von dem Walldurchgang aus führten jeweils vier bis fünf Stufen nach unten und in die Stollen. Jeweils am Ende der Behelfsbunker gab es einen Nebeneingang, und der westliche bot Erna Garbe und ihren Kindern bei Fliegeralarm zunächst Zuflucht. 

Gesichert waren die Stollen durch Luftschutztüren, und den dumpfen Klang, der bei ihrem Schließen ertönte, hat Udo Garbe bis heute im Ohr. Wie beim Bunker Grüne Hecke gab es auch in den beiden Stollen am Mühlenpättken im Inneren versetzte Wände, um im Fall des Falles die Druckwelle einer Bombendetonation abzumildern. Die Stollendecke aus Beton und die Erdüberdeckung durch den Wall boten angesichts der intensiven Bombardierungen von Soest im Dezember 1944 jedoch keinen sicheren Schutz mehr. So erinnert sich Garbe daran, dass es in dem gegenüberliegenden Stollen nach einem Treffer Verschüttete gab, die durch Pioniere der Wehrmacht gerettet werden mussten. 

Aus Sicherheitsgründen, so Garbe, durften die beiden Luftschutzstollen am Mühlenpättken nicht mehr benutzt werden. Die Familie musste nun bei Fliegeralarm in den Hochbunker am Lütgen Grandweg flüchten. Diese Bunker waren zwar so konzipiert, dass sie den damaligen Bombentypen standhalten konnten. Der Weg zum Lütgen Grandweg war jedoch länger, so dass die Familie des Öfteren in dem Bunker übernachten musste. Ebenfalls ein Erlebnis, das sich in die Erinnerung eingebrannt hat. Udo Garbe: „Dort roch es ständig nach Erbrochenem, Kot und sonstigen Ausscheidungen.“ 

Zu Ostern 1945 wurde Erna Garbe mit ihren vier Kindern evakuiert. Mit hoch bepacktem Handwagen, Bettzeug und dem Nötigsten ging es nach Brüllingsen in die dortige Schule, berichtet Udo Garbe. Wenig später haben die Amerikaner Soest eingenommen. Der Krieg war aus, die Folgen wirkten aber noch lange nach. Gut erinnert sich Udo Garbe an die vielen Bombentrichter zwischen dem Hochbunker und dem Kützelbach. Die Kinder machten sich einen Spaß daraus, selbst vom Dach des Bunkers aus, die in dem Wasser der Bombentrichter treibenden Flaschen mit Steinen zu versenken. „Ähnlich“, so Garbe, „vertrieben wir uns die Zeit am Luftschutzstollen. Hier kamen noch ausgehängte Türen dazu, die als Flöße benutzt wurden. Dieser Stollen war nach dem Krieg lange Zeit ein beliebter Spielplatz.“

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