Gegründet 1836

Gravierender Wechsel in der ältesten Buchhandlung der Stadt - das sagt die neue Chefin

Rittersche Buchhandlung Siedler Rohe
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Die Rittersche, Soests älteste Buchhandlung, die fast 185 Jahre in Familienhand war, erfährt einen wichtigen Wechsel: Die langjährige Inhaberin Gundula Rohe (links) hat zu Jahresbeginn das Geschäft an Enneke Siedler (rechts) übergeben.

Seit 185 Jahren werden hier Bücher verkauft. Kaum ein Soester, der nicht schon auf der Suche nach Literatur über die knarzenden alten Eichendielen geschritten ist. Jetzt steht das Traditionshaus unter neuer Leitung.

Soest - Enneke Siedler hat seit dem 1. Januar die Rittersche Buchhandlung am Potsdamer Platz von der langjährigen Inhaberin Gundula Rohe übernommen. Soests älteste Buchhandlung wurde 1836 als Rittersche Buch- und Kunsthandlung P. G. Capell gegründet. Fast durchgängig war sie 185 Jahre in Familienhand. P. G. Capell war der Gründer und ist der Urgroßvater von Gundula Rohe.

Astrid Gunnemann sprach mit beiden Frauen, mit der, die die Buchhandlung mit viel Engagement geführt hat und nun die Leitung übergibt, und mit der, die mit Schwung und Tatkraft das Geschäft weiterführt. Gundula Rohe hat in den Jahrzehnten viel erlebt und organisiert im Buchladen, Trends in der Literatur erkannt und weitertransportiert. Enneke Siedler übernimmt die Buchhandlung nun – was hat sie für Träume und Ambitionen? Was will sie weiterführen, was neu anstoßen?

Frau Siedler, geben Sie unseren Lesern kurz ein paar Daten über sich und ihr Leben preis.
Siedler: Geboren bin ich 1972 in Berlin, aufgewachsen jedoch in München. Nach dem Abitur habe ich in Bamberg Germanistik und Literaturvermittlung studiert. Außerdem bin ich in Lippstadt ausgebildete Zeitungs-Redakteurin und konnte meinen Abschluss als Buchhändlerin in Freiburg im Breisgau machen. Meinen Mann, einen echten Soester, habe ich in Bamberg kennengelernt. Gemeinsam sind wir häufiger umgezogen, haben uns jedoch 2016 bewusst entschlossen, von München nach Soest zurückzukehren und Wurzeln zu schlagen. Unsere Drillinge hatten keine Einwände und den Traum vom eigenen Hund konnten wir uns hier ebenfalls erfüllen!
Was hat Sie dazu bewogen, die Rittersche Buchhandlung zu übernehmen? War es immer schon Ihr Traum, eine eigene Buchhandlung zu leiten?
Siedler: Tatsächlich kam bereits während des Studiums der Traum von einer eigenen Buchhandlung in mir auf. Während meiner diversen Stationen in verschiedenen inhabergeführten Buchläden verstärkte sich dieser Wunsch, es selbst in die Hand zu nehmen, eine Buchhandlung zu führen. Es muss etwa 1997 gewesen sein, als ich das erste Mal in Soest zu Besuch war und bei einem Bummel die Rittersche Buchhandlung entdeckte. Inhaberin so eines traditionsreichen Ladens zu sein, wäre ein Traum, dachte ich bei mir. Als wir 2016, kurz nach unserer Rückkehr nach Soest, die Rittersche besuchten, kam ich mit Frau Rohe ins Gespräch und sie teilte mir ganz nebenbei mit, dass sie in ein paar Jahren aufhören wolle. Das konnte kein Zufall sein! Zur rechten Zeit am rechten Ort. Seitdem bin ich mit Gundula Rohe im Gespräch geblieben und habe ihr meine ernsthaften Ambitionen deutlich gemacht. Bis wir uns schließlich sehr schnell über alle wichtigen Dinge verständigt und den 1. Januar 2021 als Übergabedatum festgelegt haben. An dieser Stelle möchte ich es nicht versäumen, Gundula ausdrücklich für ihr Vertrauen zu danken, dieses Geschäft, das viel eigene Familientradition atmet, nun in meine Hände zu geben.
Was haben Sie für die Rittersche Buchhandlung in den kommenden Jahren vor? Was war die erste Tat in Ihrem Geschäft?
Siedler: Zunächst einmal steht für mich und das Team weiterhin die Beratung, das persönliche Gespräch und unser Service an erster Stelle. Veranstaltungen möchten wir natürlich auch wieder anbieten, aber nur, wenn es die Lage zulässt. Mein Ziel ist es, dass die Rittersche Buchhandlung ein „dritter Ort“ für Menschen jeden Alters wird, ein Ort neben der Arbeit und dem Zuhause, den sie regelmäßig gerne aufsuchen, weil sie sich dort wohlfühlen und inspiriert werden. Der erste, sichtbare Schritt auf diesem Weg ist das neue Logo für die Buchhandlung. Es greift die Blumen auf, die links und rechts des Eingangs bzw. der Schaufenster an der Hausfassade als Zierelemente zu sehen sind. Für mich ein eindeutiges Erkennungsmerkmal für das Haus der Ritterschen. Mit einer Blume kann man jedoch auch Blätter, Blüten, Schönheit, Seiten, Vielfalt, Anregung der Sinne assoziieren – alles was man in Büchern und in einer Buchhandlung finden sollte. Nachdem wir Anfang Januar bereits ein Warenwirtschaftssystem und eine neue Kasse eingeführt haben, soll es im Laufe des Jahres ein paar weitere behutsame Veränderungen geben. Das Licht möchte ich optimieren und den Wänden einen neuen Anstrich geben. Weitere Pläne und Ideen liegen bereits in der Schublade. Aber alles hat seine Zeit. Stück für Stück kann sich die Rittersche wandeln, ohne dass ihr besonderer Charme und das außergewöhnliche Ambiente verloren gehen.
Die Übernahme haben Sie sich bestimmt anders vorgestellt, als die Buchhandlung im Lockdown zu leiten. Wie kommen Sie damit zurecht? Wie sieht der Alltag zurzeit in der Ritterschen aus?
Siedler: Natürlich habe ich mir meinen Start als neue Inhaberin anders vorgestellt. Wir vermissen die Kundschaft im Laden und das persönliche Gespräch. Aber alles hat zwei Seiten. Wir haben momentan noch viel zu tun mit unseren technischen Umstellungen. Es gibt viele kleine und größerer Baustellen bei so einer Betriebsübernahme. Erfreulicherweise haben wir gut zu tun mit der Bestellabwicklung über Telefon und Webshop. Da geht es uns besser als vielen anderen Branchen. Der Dank gilt unseren treuen Kunden! Wir freuen uns sehr, dass unsere Kundschaft uns so rege unterstützt mit vielen Buchwünschen. Wir sind von morgens bis abends im Geschäft, telefonieren, beraten, bestellen, liefern nach Hause und geben die Ware kontaktlos an der Tür heraus.
Thema Lesen: In der Corona-Krise sprechen viele von einem Comeback des Buches. Was ist dran – wie sehen Sie es? Oder anders ausgedrückt: War das klassische Buch jemals wirklich out?
Siedler: Das Buch war niemals out, es konkurriert heute nur mit einer Vielzahl an medialen Verführungen. Dabei zieht die Lektüre, für die man Zeit, Ruhe und Muße haben muss, meist den Kürzeren. Hinzu kommen viele andere Freizeitbeschäftigungen, die Menschen vom Lesen abhalten können, aber die fallen momentan alle weg. Umso schöner ist es zu sehen, dass die Menschen (endlich) wieder Zeit zum Lesen finden und sie sich auch nehmen. Es ist doch eine der wunderbarsten Beschäftigungen überhaupt! Zurzeit greifen die Leser nicht nur zu den Neuerscheinungen, auch die Klassiker werden wieder gelesen; Kunden bestellen jetzt Bücher, die schon lange auf der persönlichen Leseliste standen. Wir hoffen natürlich sehr, dass das Buch auch nach der Pandemie bei vielen den Stellenwert behalten wird, den es sich gerade zurückerobert.
Frau Siedler, haben Sie ein Lieblingsbuch? Welche Autoren lesen Sie besonders gerne?
Siedler: Eine Buchhändlerin kann aus meiner Sicht unmöglich nur ein Lieblingsbuch haben. Zu bunt und reizvoll ist der Strauß an Geschichten, die der Buchmarkt bietet. Nach meiner Erfahrung verändern sich Lektüre-Vorlieben mit den Stufen des Lebens. Aber gerne greife ich „Die Pfaueninsel“ von Thomas Hettche heraus. Zu den Autoren, die ich sehr schätze, gehören Richard Yates, Michael Köhlmeier, Peter Stamm und Jane Gardam.
Frau Siedler: Welchen Lesetipp haben Sie für unsere Leser?
Siedler: Eines unserer Lieblingsbücher aus dem Herbst ist „Alte Sorten“ von Ewald Arenz. Im März erscheint der neue Roman des Nürnberger Autors mit dem Titel „Der große Sommer“, auf das ich mich schon sehr freue. Eine Geschichte über das Erwachsenwerden, die erste Liebe, Freundschaft und Familienbande. Eine beglückende Lektüre!
Frau Rohe, bestimmt übergeben Sie die Buchhandlung mit einer dicken Portion Wehmut. Seit wann haben Sie die Rittersche Buchhandlung geführt? Und was hat Sie damals dazu bewogen, das Geschäft zu übernehmen?
Rohe: Nein, Wehmut verspüre ich nicht: Eine große Freude, dass es mit der Ritterschen weitergeht und auch schon einen gewissen Stolz, dass ich eine gut aufgestellte Buchhandlung übergeben kann. Und nun kann ich mich auf ein neues Kapitel in meinem Leben freuen. Ich habe die Buchhandlung im Januar 1991 von meiner Tante Dorothee Merseburger-Zahrnt übernommen. Ich bin ja gar keine gelernte Buchhändlerin – habe nach dem Abitur 1974 am ehrwürdigen Mädchen-Gymnasium noch nicht genau gewusst, was ich beruflich gerne machen möchte: vielleicht Journalistik, vielleicht Literatur und Geschichte, vielleicht etwas mit Sprachen. Da bin ich erst einmal ein halbes Jahr nach Frankreich und ein halbes Jahr nach England gegangen, jeweils als Au-pair mit nachmittäglichen Möglichkeiten zum Besuch einer Sprachenschule. Dann habe ich in Köln Bibliothekswissenschaften studiert und bin nach dem Abschluss an der Uni-Bibliothek in Dortmund angefangen: Da gab es einen neuen Modell-Studiengang Journalistik, der eng mit dem WDR und den westfälischen Zeitungen kooperierte. Da dachte ich: Ich leite die Bibliothek und kann vielleicht auch noch gleichzeitig studieren. Das klappte natürlich nicht, besonders, da ich dann „hochgelobt“ wurde und die gesamte Fachbibliothek Geschichte und Literatur übernehmen sollte. Dann gab es die ersten Gespräche und Überlegungen, ob ich denn nicht Lust hätte, in den Buchhandel und in die Rittersche zu gehen. Ich habe dann in Bielefeld bei einer großen Buchhandlung einen quasi zweijährigen Kompakt-Durchgang absolviert und richtig Lust auf Buchhandel bekommen. Und so kam ich im Herbst 1985 nach Soest in die „Rittersche“. Ich hatte großen Respekt, in welche Fußstapfen ich treten würde: Dorothee Merseburger-Zahrnt hatte die „Rittersche“ schon zu einer feinen Adresse in der Buchhandelslandschaft gemacht. Aber wir – die Kunden und ich – hatten Zeit, miteinander vertraut zu werden. Und vielleicht konnten sie meine Begeisterung für Bücher und deren Vermittlung an den Leser spüren, sie haben mich respektiert und angenommen.
Wie haben Ihre Stammkunden darauf reagiert, dass Sie sich zurückziehen werden?
Rohe: Natürlich hat sich über die 35 Jahre meiner Arbeit in der Ritterschen, 30 Jahre nun genau als Inhaberin, ein besonderes Verhältnis zu vielen Kunden aufgebaut – da kenne ich den Geschmack und kaufe sicherlich auch daraufhin auf den Messen ein. Und über die Bücher hat sich auch oft Persönliches ergeben. Aber da ich ja noch nicht ganz weg bin, an festen Tagen weiterhin in der Ritterschen mit aushelfe und begleite – Frau Siedler zählt ja schon seit letztem Jahr zum festen Mitarbeiterinnenstamm – wird es ja auch einen sanften Übergang geben. Und für die Stammkunden ist es das Entscheidende, dass es die Buchhandlung weiterhin gibt. Das ist ja nicht selbstverständlich, es gibt viele Beispiele von Kollegen, die ihre Buchhandlung schließen mussten, weil sie keinen Nachfolger fanden. Und das bewährte Team ist noch mit dabei, also werden sie die vertrauten Gesichter weiterhin vorfinden.
Was war für Sie besonders schön in den vergangenen Jahren?
Rohe: Es war eine Freude, schöne Bücher einkaufen zu dürfen und sie an neugierige, offene, erwartungsvolle Leser vermitteln zu können. Es war eine Freude, von den Kunden wertgeschätzt zu werden, das haben ich und meine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gerade in dem letzten, schweren „Corona-Jahr“ erfahren dürfen. Es war eine Freude, mit anderen Soester Institutionen und Geschäften zusammenarbeiten zu können: Lesungen zu veranstalten, Büchertische anzubieten, Anregungen auszutauschen, Straßenfeste zu organisieren. Es war eine große Freude, mit einem tollen Team eine Buchhandlung zu gestalten: denn die „Rittersche“ ist eine Team-Leistung.
Sicherlich gab es auch mal nicht so tolle Zeiten – worunter hatte die Buchhandlung besonders zu leiden in der Vergangenheit?
Rohe: Wermutstropfen war sicherlich die Schließung der Ritterschen in Körbecke. Mit viel Liebe und Aufwand haben wir diesen „Ableger“ aufgebaut, hatten tolle Mitarbeiter vor Ort und hatten auch einen sehr erfreulichen Start. Doch leider wurden die Zahlen immer schlechter und wir mussten dann nach 20 Jahren im vergangenen Jahr schließen. Aber viele der Möhneseer sind uns treu geblieben und nutzen einen Soest-Besuch dann mit einem Besuch im Stammgeschäft. Und da haben wir das Glück, am Potsdamer Platz mit seinen lebendigen, vielseitigen Geschäften zu liegen: Für uns allein würde sicherlich kaum ein Kunde aus dem Umland nach Soest kommen, aber die Vielfalt, der besondere Mix machen es. Um so wichtiger ist es daher, dass die Stadtverwaltung und -marketing die angeblichen Randgebiete mit in ihre Planungen einer lebendigen Innenstadt einbeziehen.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft, auch für die Rittersche?
Rohe: Wie ich die Zukunft sehe: sehr optimistisch, auch wenn es augenblicklich wegen Corona wirklich sehr schwierige Startbedingungen sind. Schon oft ist das Buch totgesagt worden, aber es lebt – und wie. Trotz E-Book, trotz der elektronischen Medien – austauschbares Lesefutter wandert vielleicht in den E-Book Bereich, aber ein gut gestaltetes, besonderes Buch bleibt als gebundenes Buch bestehen. Und eine Buchhandlung, die mehr ist als eine Buchverkaufsstelle, muss auch nicht um ihre Existenzberechtigung fürchten: Ein Ort, an dem Menschen und Bücher zusammenkommen und ein lebendiger Austausch stattfindet, ist wichtiger denn je.
Haben Sie für unsere Leser noch einen besonderen Buchtipp?
Rohe: Da schließt sich dann wieder der Reigen: Im Oktober 2011 hatten wir eine tolle Lesung in der völlig überfüllten Buchhandlung mit dem damals 27-jährigen Benedict Wells aus seinem dritten Roman „Fast genial“. Allen Lesern und Leserinnen möchte ich seinen neuen Roman „Hard Land“ ans Herz legen, ein Buch, das ich in einer Nacht wie süchtig verschlungen habe und nun zum zweiten mal lese, um die wunderbaren Sätze, den eigenen Tonfall zu genießen – auch das ein Vorteil des Rentnerdaseins, ein Buch zweimal lesen zu dürfen! Wermutstropfen für die zukünftig Süchtigen: Sie müssen noch bis zum 24. Februar warten, dann erst wird der Roman erscheinen.

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