White Horse Theatre befürchtet Brexit-Katastrophe

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Das White Horse Theatre zeigt in der neuen Saison „The Tyrant’s Kiss“. Theaterchef Peter Griffith hat das Shakespeare-Stück zu einem Flüchtlingsdrama aktualisiert.

Soest - Beim White Horse Theatre haben jetzt alle neuen Stücke Premiere, bevor sie auf Tournee durch Europa bis nach Fernost gehen - wie immer im Herbst. Doch diesmal hängt ein Damokles-Schwert über dem Theater: der Brexit. 

„The Green Knight“, basierend auf einem mittelalterlichen Gedicht, ist ein Stück, das in seinem britischen Humor typisch ist für seinen Autor Peter Griffith, Gründer und Chef des größten englischsprachigen Schultheaters Europa:. Ein ebenso verkalkter wie verspielter König Arthur lässt zwei seiner Tafelritter gegeneinander antreten, mit umgeschnallten Pferdeattrappen und wabbeligen Lanzen hoppeln die beiden jungen Darsteller über die Bühne, bevor einer der beiden zu einer großen Heldenreise aufbricht. Die Szenen wirken auch auf Erwachsene urkomisch, so grotesk sind sie. 

Dabei ist Griffith selber nicht zum Lachen zumute. Mittlerweile 67 Jahre alt, im ähnlichen Alter wie seine anderen Regisseure und ohne Nachfolger, sieht er sein Lebenswerk bedroht. Schuld sind einige Politiker in seiner englischen Heimat. Sie heißen Boris Johnson, Nigel Farrage und Theresa May. 

Sie sind die Verursacher oder die Verwalter des Ausstiegs Großbritanniens aus der EU, „und der Brexit ist für uns eine Katastrophe, wir wissen nicht, ob wir ihn überleben.“ Sozialabgaben steigen Denn die muttersprachlichen Darsteller kommen überwiegend aus Großbritannien. 

Abgesehen davon, dass auch sie nach dem Brexit allesamt Visa brauchen, leben und arbeiten sie elf Monate in Deutschland. Darum zahlen sie zwar hierzulande die Steuern auf ihre Gagen, nicht jedoch die Sozialabgaben. Diese Gelder entrichten sie bislang in England – 13 Pfund, also knapp 15 Euro im Monat. Nach dem Brexit dagegen müssen Sozialabgaben in Deutschland entrichtet werden, „und dann sind es im Monat und pro Kopf zwischen 200 und 300 Euro“, sagt Griffith. Diese Mehrkosten würden zwangsläufig an die Schulen weitergegeben, die das Theater engagieren. Ob sie dem „White Horse“ unter solchen Umständen die Treue halten, muss sich zeigen.

Man könnte meinen, dass Politkern daran gelegen sei, dass Kultur und Sprache ihrer Nation im Ausland vermittelt werden. Doch Griffith ist skeptisch: „Den Konservativen sind Kunst und Kultur relativ egal“, bedauert er, „selbst die BBC ist ihnen ein Dorn im Auge, weil sie ihnen zu sozialistisch ist. Sogar das British Council, das Gegenstück zum deutschen Goethe-Institut, muss immer neue Kürzungen hinnehmen.“ 

Eigentlich wäre der Brexit glatt ein Thema für eines seiner Stücke, greift Griffith doch gerne aktuelle Sujets auf – so wie in seinem anderen neuen Werk „The Tyrant’s Kiss.“ Er hat die Geschichte von Shakespeares selten gespieltem Drama „Perikles, Prinz von Tyrus“ aufgegriffen und auf die Flüchtlingskrise übertragen. 

Aus dem Titel gebenden griechischen Staatsmann Perikles, der vor König Antiochus flüchtet, wird der libanesische politische Flüchtling Perry, der nach dem Kentern des Schlepperbootes in der Türkei landet und erst bei einem untergetauchten Intellektuellen Unterschlupf findet. Letztlich wird er aber doch geschnappt. 

Er, seine Frau und ihr neugeborenes Kind halten einander – wie im Original – für tot und finden erst zusammen, als Perry nach 15 Jahren aus dem türkischen Gefängnis entlassen wird. Flüchtlingsdrama für den „Schlachthof“ Dass dieses Happyend unrealistisch ist, weiß Griffith, es ist der Vorlage des britischen Nationaldichters Shakespeare geschuldet. „Es ist Aufgabe der Lehrer, mit ihren Schülern zu diskutieren, welches Ende wahrscheinlicher wäre.“ 

In der Regel geht Griffith mit einem 90-minütigen Stück für die Oberstufe an einen Abend auch in den „Alten Schlachthof“. Dieser 60-Minüter verlangt danach, einem größeren Publikum näher gebracht zu werden, nicht zuletzt wegen der intensiven und mitreißenden schauspielerischen Leistung des Australiers Toby Martin als Perry. 

Das White Horse Theatre ist Europas größtes Schultheater in Englisch mit jährlich rund 400 000 Zuschauern. Der Schauspieler Peter Griffith gründete das Profi-Theater 1978. Drei Gruppen gehen jährlich in Deutschland, Frankreich, Japan und China und weiteren Ländern auf Tournee. Sie bieten professionelles Theater auf Englisch für alle Schulformen. Insgesamt werden 18 englischsprachige Theaterstücke in 23 verschiedenen Inszenierungen im jährlich wechselnden Spielplan fürs Grundschulniveau bis zur Klasse 13 geboten.

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