Drittes Geschlecht, dritte Toilette: Stellenausschreibungen bereits angepasst

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Herzchen statt M, W oder D: Auch so lassen sich Toiletten deklarieren.

Soest – In Bayern bekommen neue Grundschulen eine zusätzliche Toilette für das sogenannte dritte Geschlecht. Sollten in Soest Wünsche dieser Art kommen, werde man kooperativ reagieren, heißt es aus Schulen und Rathaus.

Dort übrigens werden seit ein paar Wochen alle Stellenausschreibungen neu gefasst und sowohl männliche, weibliche als auch „diverse“ Kandidaten gesucht. „Ganz ehrlich: Ich weiß noch nicht, wie wir damit umgehen sollen.“ Thomas Nübel als zuständiger Abteilungsleiter für Schule und Weiterbildung in der Stadtverwaltung hat die Berichterstattung aus Bayern verfolgt. Doch ob sie auf Soest ausstrahlt, ob hier etwas unternommen werden muss, darüber müsse er erst einmal nachdenken.

Die dritte Toilette 

Immerhin: „Ein einziger Fall“ ist ihm schon zu Ohren gekommen. Soester Eltern hatten sich an ihn gewendet und geschildert, dass ihr Kind divers sei, also sich weder als Mädchen noch als Junge fühle. „Da ging es gar nicht mal nur um die Frage nach einer Extra-Toilette, die Eltern sorgten sich, wie es um die Akzeptanz und den Umgang mit Lehrern und Mitschülern bestellt sei.“

Nübel setzte sich mit der betreffenden Schule in Verbindung, offensichtlich scheint alles reibungslos zu laufen. Jedenfalls sei er kein zweites Mal auf den Fall angesprochen worden. 

„Ich kann mir das noch gar nicht vorstellen“, entgegnet Andreas Dittmann, Rektor der Georg-Grundschule, wenn man ihn auf diverse Kinder anspricht. Es habe überhaupt noch keine Anfrage gegeben. Freilich bedeutet das im Umkehrschluss: Ob unter seinen 200 Kindern eines dabei ist, das betroffen ist, weiß der Schulleiter nicht. Mindestens wäre ja nicht auszuschließen, dass sich Eltern im Fall des Falles dazu entschieden haben könnten, die Geschlechterfrage für sich zu behalten. 

Dittmann: „Sollte so ein Kind bei uns sein, wäre ich der Letzte, der sich nicht um eine gute Lösung bemühen würde.“ Bis hin zur Toilettenfrage; ein WC lasse sich garantiert umbauen. 

In Bayern waren die Reaktionen zu den drei stillen Örtchen höchst kontrovers ausgefallen. Da gab es Psychologen, die bezweifelten, dass sich Sechs- bis Zehnjährigen die Geschlechterdifferenzierung überhaupt bewusst sei. Da gab es aber auch Erziehungswissenschaftler, die die dritten Toiletten als „Zeichen der Anerkennung“ für Diverse werteten, die neues Denken förderten und Diskriminierung vorbeugten. 

Ausschreibungen 

Auf Nummer Sicher geht die Stadtverwaltung seit kurzem, wenn sie Stellen ausschreibt. Wenn sie etwa Bedarf in der Abteilung Grünanlagen hat, suchte sie bislang „einen Gärtner / eine Gärtnerin“. Neuerdings heißt es „Gärtner (m/w/d)“. Die drei Kürzel hinter der Berufsbezeichnung stehen für männlich, weiblich, divers. 

„Wir finden das auch nicht wirklich schön“, sagt Ursula Gerke von der Personalabteilung im Rathaus. Doch man sei vorsichtig, nachdem der kommunale Arbeitgeberverband auf die neue Gesetzeslage hingewiesen und den Rathäusern geraten habe, „aus Gründen der Rechtssicherheit“ das dritte Geschlecht nicht unter den Tisch fallen zu lassen. 

Personalakten 

Noch hat sich niemand aus der Belegschaft in der Personalabteilung gemeldet und nach einer gesonderten Toilette gerufen, berichtet Gerke. Genau genommen wisse deshalb auch die Verwaltung nicht, ob sie einen oder mehrere diverse Mitarbeiter hat „Bisher haben wir beim Anlegen der Personalakte immer aus dem Vornamen geschlossen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt.“ 

Weil dieser Rückschluss bei Personen mit dem dritten Geschlecht nicht funktioniert, wird gerade überlegt, ob die Fragebögen für die neuen Mitarbeiter neben den herkömmlichen Kästchen für Mann und Frau nicht eben auch ein drittes Kästchen bekommen müssten.

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