Bei diesen Rosen geht es nicht um Liebe: Soester Hebamme Mena van Damme über Gewalt in Kreißsälen

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Mena van Damme ist eine der erfahrensten Hebammen im Kreis Soest und Mitorganisatorin des Red Roses Day.

Wenn Frauen am Mittwoch, 25. November, am weltweiten „Roses Revolution Day“ Rosen vor Kreißsälen ablegen, ist das keine Geste der Liebe. Der Aktionstag will vielmehr die Aufmerksamkeit darauf lenken, dass Frauen bei der Geburt ihrer Kinder Gewalterfahrungen machen. Wie die aussehen können, wie sie entstehen können und was dagegen getan werden kann, darüber sprach Achim Kienbaum mit Mena van Damme, die die Aktion im Kreis Soest organisiert und einst in Soest das Geburtshaus gründete.

Gewalterfahrungen bleiben für die Opfer nie ohne Folgen. Gibt es Besonderheiten bei solchen Erfahrungen, wenn sie im Zusammenhang mit einer Geburt gemacht werden? 

Ganz sicher. Eine schwangere Frau vertraut sich Menschen an, die ihr dabei helfen sollen, ihr Kind auf die Welt zu bringen. Und dann läuft etwas schief. Das können viele Dinge sein, immer aber sind es Situationen und Handlungen, die von der Frau als übergriffig oder gewalttätig empfunden werden. Das geschieht in einer extrem intimen Situation, was erklärt, warum diese Gewalterfahrungen besonders tragisch sind und lange nachwirken.

Bei der Geburt ist eine Frau doch von kompetenten Fachleuten umgeben, die ihr in aller Regel nicht fremd sind … 

Zumindest Letzteres ist längst nicht immer der Fall. Viele Frauen kommen bei der Geburt in eine Klinik und wissen nicht, wer sie dort erwartet, wer sie bei der Geburt begleiten wird und sich um sie kümmert. Dabei muss eine Frau bei einer Geburt ja in sehr kurzer Zeit ein Vertrauensverhältnis zu den sie dabei begleitenden Personen aufbauen. Jeder wird aber aus vielen alltäglichen Situationen wissen, dass die Chemie zwischen Menschen manchmal einfach nicht stimmt. Vertrauen lässt sich ja nicht erzwingen.

Gewalt kann physisch ausgeübt werden oder mit Worten oder Verhaltensweisen. Wo fängt Gewalt für Sie persönlich an im Kreißsaal? 

Gewalt beginnt da, wo ich Äußerungen tätige, die Frauen verletzen. Das können sehr kleine Bemerkungen sein, wie: Wir haben doch im Kurs schon alles besprochen, hast du das denn jetzt alles vergessen? Jedes Wort ohne Empathie mit der Frau, die mich ja braucht in der Situation, ist falsch und für mich eine Form der Gewalt.

Was sind aus Ihrer Erfahrung Gründe dafür, dass Frauen während einer Geburt überhaupt Gewalt erleben? 

Da gibt es viele Gründe, immer aber ist es eine Überforderung der Mitarbeiter im Kreißsaal. Die kann unter anderem dadurch entstehen, dass eine Geburt innerhalb des Systems Krankenhaus geschieht. Sie ist da auch eine wirtschaftliche Größe, und zwar eine, die sich, wenn sie normal läuft, für das Krankenhaus nicht rechnet. Geburtshilfe bringt für ein Krankenhaus keinen Gewinn, sondern ist ein Zuschussgeschäft. Das hat mit der Gesetzgebung zu tun, wo Hebammenverbände schon sehr lange Korrekturen fordern.

Wieso entsteht dadurch Druck für die Mitarbeiter in den Kreißsälen? 

Durch den Kostendruck wird natürlich am Personal gespart. Da kann es durchaus passieren, dass eine Hebamme mehrere Frauen gleichzeitig bei ihren Entbindungen betreuen muss. Natürlich kommt eine Hebamme in so einer Situation an ihre Grenzen, das ist eine enorme Belastung. Da geht es dann darum, hart gesagt, eine Geburt, die nicht ins Zeitraster passt, passend zu machen. Das hört sich schlimm an, und ist es auch. Aber das ist die Realität. Und das sage ich in dem Wissen, dass in unseren Krankenhäusern wirklich sehr gute Kolleginnen arbeiten.

Zeit ist also Geld? 

Ja natürlich. Und eine Geburt dauert ihre Zeit. Bei ihrer ersten Geburt kann eine Frau, wenn es dann wirklich losgeht und sie einschließlich der Vorbereitung der Geburt ins Krankenhaus kommt, das Kind kaum innerhalb von neun Stunden bekommen. Aber jede Stunde, die eine Frau im Krankenhaus ist, kostet Geld. Also ist es nicht ungewöhnlich darauf zu drängen, dass eine Geburt beschleunigt wird. Dann werden Medikamente benutzt, um die Geburt einzuleiten. Das ist wirtschaftlichem Druck geschuldet, aber nicht unbedingt dem Willen der Frau.

Wenn das Ausüben von Gewalt Ausdruck einer Überforderung ist, was geschieht dann mit den Mitarbeitern in der Geburtshilfe, wenn ihnen eine rote Rose vor die Füße gelegt wird?

Das ist für die allermeisten natürlich schrecklich. Stellen Sie sich so einen Fall vor, wo eine Hebamme in einer Nacht vier Frauen bei deren Geburten betreut und eine von ihnen ihr später zu verstehen gibt, dass sie es als übergriffig empfunden hat, dass die Hebamme sie für eine Weile sich selbst überlassen hat, weil sie bei einer der anderen Frauen dringender benötigt wurde. Das ist für die Hebamme dann wirklich bitter, mit so einer Reaktion fertig zu werden. Sie hat ja selber die Situation in dem Moment ganz anders empfunden. Und natürlich reagieren Frauen ganz unterschiedlich auf die Belastungen während der Geburt. Es ist wirklich schwierig für eine Hebamme, Äußerungen und Reaktionen der ihr anvertrauten Frauen immer richtig wahrzunehmen und einzuordnen.

Da sollten dann aber nicht nur Rosen sprechen, sondern auch die beiden Frauen miteinander… 

Ein Gespräch miteinander zu suchen ist ja auch das eigentliche Anliegen dieses Aktionstages. Am besten wäre es natürlich, wenn Frauen, die sich schlecht betreut gefühlt haben bei der Geburt, so ein Gespräch möglichst zeitnah suchen würden. Das geht aber oft nicht. Dieser Aktionstag kann aber ein Anstoß sein, das nachzuholen.

Was haben Frauen von so einem Gespräch, was bringt ihnen das? 

Gewalterfahrungen bleiben für immer mit der Erinnerung an die Geburt verbunden. Mit der Rose soll auch ein Brief oder eine Karte vor dem Kreißsaal abgelegt werden, auf der die negative Erfahrung beschrieben wird. In vielen Krankenhäusern wird aus Anlass dieses Aktionstages dort, wo die Rosen abgelegt werden, auch ein schriftlich formuliertes Angebot an die Frauen gemacht, das Gespräch zu suchen.

Gibt es so ein Angebot auch in der Geburtshilfe im Soester Klinikum? 

Das weiß ich nicht. Aber ich glaube, dass die leitende Hebamme dort sehr offen für diese Anliegen ist und ebenso offen dafür, mit Frauen über ihre Erfahrungen bei der Geburt zu reden. Schließlich ist das auch eine Möglichkeit für Hebammen und die gesamten Teams in den Kreißsälen, ihre Arbeit zu reflektieren und sich ja möglicherweise zu fragen, wie solche negativen Situationen in Zukunft zu vermeiden sind. Es geht ja beim Roses Revolution Day nicht um Anklagen, sondern darum, dass alles getan wird, um die Bedingungen dafür, dass Frauen solche Erfahrungen machen, zu ändern.

Eine Rose und anschließende Gespräche werden das System, in das Geburten eingefügt sind, nicht verändern. Was tun Hebammen an den anderen 364 Tagen im Jahr gegen Gewalterfahrungen von Frauen während einer Geburt? 

Im Kreis Soest sind wir vergleichsweise viele Hebammen und haben sogar eine Whatsapp-Gruppe mit 67 Mitgliedern, in der wir uns austauschen und gegenseitig unterstützen. Da wird natürlich auch über diesen Aktionstag gesprochen. Klar ist, dass wir Frauen für das Thema sensibilisieren und auch ermutigen möchten, aktiv zu werden, wenn sie Gewalt erfahren haben. Und natürlich wird da auch immer wieder die Forderung gestellt, dass eine Hebamme bei einer Geburt nur eine einzige Frau betreuen sollte. Und dann haben wir noch ein weiteres Ziel: Zwei Kreißsäle in einem Krankenhaus. Einer von Hebammen geleitet für unkomplizierte Geburten und wenn die Frau dort ihr Kind zur Welt bringen möchte. Und ein zweiter, möglichst nebenan, in dem ärztliche Begleitung von Anfang an zur Verfügung steht für die Fälle, wo Komplikationen zu erwarten sind oder Frauen das wünschen. Das gibt es zum Beispiel in Holland und in einigen Fällen auch in Deutschland. Wir wollen so etwas auch im Kreis Soest haben.

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