Interview mit Maike Rademacher

Probleme im Homeoffice: Alleinerziehende Mutter aus Soest fühlt sich im Stich gelassen

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Maike Rademacher mit ihrer vierjährigen Tochter Emma im gemeinsamen Homeoffice.

Soest – Die Soesterin Maike Rademacher (41) ist alleinerziehend, in Vollzeit berufstätig und lässt ihre Tochter Emma normalerweise 45 Stunden pro Woche in einem Awo-Kindergarten betreuen. Von einem Tag auf den anderen war es nun vorbei mit der Betreuung. Jetzt sitzt sie mit der Kleinen im Homeoffice.

Haben Sie gerade Zeit für ein Gespräch?

Ja, ich habe Emma mit einem Kinder-Tablet und einem Wecker in ihr Zimmer geschickt und ihr gesagt, sie darf wieder zu mir kommen, wenn der Wecker klingelt. 

Wo sitzen Sie jetzt?

 Ich habe ein eigenes Büro, in dem mittlerweile auch ein kleiner Schreibtisch für Emma steht. Dort hilft sie mir schon mal bei der Arbeit, stempelt mit Begeisterung Briefe an Kunden und klebt Briefmarken auf. Ansonsten malt und bastelt sie dort. 

Was machen Sie beruflich und wie ist Emmas Betreuung geregelt?

Ich arbeite in Vollzeit für eine amerikanische Firma im zahnmedizinischen Bereich und bin in weiten Teilen von NRW und darüber hinaus täglich beratend in Zahnarztpraxen unterwegs. Emma ist ein Einzelkind, vierdreiviertel Jahre alt, wie sie selbst sagt, und besucht 45 Stunden pro Woche einen Awo-Kindergarten. Dort bekommt sie auch Frühstück und Mittagessen. 

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Wie sieht es jetzt aus? Was hat sich durch die Corona-Pandemie geändert?

 Mein Arbeitgeber hat uns beauftragt, nur noch Homeoffice zu machen. Die Zahnärzte haben im Moment andere Sorgen, als sich über unsere Produkte beraten zu lassen. Außerdem darf man jetzt auch nicht mehr in die Praxen, das sind Hochrisikobereiche. Ich wohne in Sichtweite des Kindergartens und dort hing an dem besagten Montagmorgen ein Schild, dass er wegen Corona geschlossen ist und nur die Kinder von Eltern in Schlüsselposition betreut werden. Es gab bisher keinerlei Stellungnahme des Trägers dazu. Ich habe dann bei der Stadt angerufen und dort wusste man zu dem Zeitpunkt nicht, ob die Kitagebühren und das Essensgeld – insgesamt 320 Euro – weiter gezahlt werden müssen. 

Haben Sie die Möglichkeit, Ihre Tochter irgendwo anders unterzubringen?

Nein, meine Eltern sind 70 und 75, mein Vater gehört leider zu den Gefährdeten. Meine Schwester wohnt weit weg, hat zudem selbst drei Kinder, ist vollzeitarbeitend und wir sind erst vor kurzem in unser neues Haus eingezogen. Hier wohnen einige ältere Leute, gegenüber auch ein Lehrerehepaar, mit deren Sohn Emma schon mal spielen kann – aber nur unter Einhaltung des Sicherheitsabstands. Erklären Sie das mal einer Fünfjährigen. Es ist schwierig. 

Wie sieht Ihr Alltag denn jetzt aus?

 Ich stehe morgens früh auf, gegen 6.30 Uhr, setze mich im Schlafanzug an den Computer und arbeite ein wenig, so lange Emma noch im Bett ist. Sie darf dann ausnahmsweise fernsehen. Danach wird es schwierig: Ich bekomme noch mein volles Gehalt, muss mindestens acht Stunden am Tag am Computer sitzen. Zurzeit bringen wir unsere Kundendatenbank auf Vordermann und ich erhalte viele Online-Schulungen und zwei Mal die Woche haben wir eine Videokonferenz mit allen Mitarbeitern, aber Emma kommt alle fünf Minuten zu mir ins Büro und fordert meine Aufmerksamkeit und ich habe das Gefühl, ich schaffe nichts. 

Was ist mit Emmas Vater?

 Ich habe das alleinige Sorgerecht und es gibt eine Umgangsregelung. Er nimmt sie zurzeit öfter als er muss – von Samstag bis Montagmittag. Diese Zeit und abends, wenn Emma wieder im Bett ist, nutze ich und arbeite für die Woche vor, aber inzwischen gehe ich ziemlich auf dem Zahnfleisch. 

Coronavirus im Kreis Soest: "Fühle mich in der Pflicht"

Woran liegt das?

 Ich fühle mich in der Pflicht und will allen gerecht werden – der Firma, die mir mein volles Gehalt zahlt und sagt, dass wir uns, so wie es momentan aussieht, bis Ende des Jahres keine Gedanken machen müssen. Aber ich habe gerade ein Haus gekauft, da macht man sich schon Sorgen, zumal Emmas Vater selbstständig und ebenso von der Krise betroffen ist. Seine Mitarbeiter wurden mittlerweile fast alle in die Kurzarbeit geschickt. Und dann will ich Emma auch noch gerecht werden: Ich habe neue Spiele für die Straße und den Garten gekauft, wir fahren zusammen Rad, basteln, malen und kochen gemeinsam, aber trotzdem ist die Situation unbefriedigend. Ich vermisse auch den Kontakt zu meinen Kunden, zu meinen Freunden und Verwandten. Und vom Staat fühle ich mich etwas im Stich gelassen. 

Warum?

 In den Medien wird immer davon geredet, dass den Familien geholfen wird. Von den Alleinerziehenden redet niemand. Ich finde es ungerecht, wenn Eltern mit nur einem Partner in einer Schüsselposition ein Betreuungsrecht zugestanden wird, alleinerziehenden Vollzeitkräften aber nicht. Ich würde mir wünschen, dass uns zumindest eine Halbtagsbetreuung angeboten wird. 

Können Sie der Corona-Krise irgendetwas Positives abgewinnen?

 Durchaus. Nach ein paar Tagen zu Hause entschleunigt sich vieles. Die Zeit wird anders genutzt. Ich sehe viele Leute spazieren gehen, sogar ganz junge Pärchen. Und fremde Leute grüßen sich plötzlich auf der Straße (man hört Emma im Hintergrund). Oh, ich muss mich jetzt wieder um Emma kümmern. Ich habe ihr versprochen, jetzt mit ihr zu spielen und danach wollen wir Waffeln backen.

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