Musiker verzweifelt

Chorleiter nennt Corona-Lockerungen für Sänger eine "Lachnummer"

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Das ist der Chor des Städtischen Musikvereins mit fast 80 Sängern (vor Corona). Michael Busch leitet den Chor seit 2002.

„Für einen regelmäßigen Chorbetrieb bieten diese neuen Regelungen keine Alternative. Bis wir wieder richtig proben und Konzerte geben können, dauert es noch lange.“ So schätzt Paul Strumann, Vorsitzender des Sängerkreises Soest, die so genannten „Lockerungen“ der Corona-Auflagen ein.

Kreis Soest -   Weniger fein, sondern deutlich drastischer formuliert es Kirchenmusiker Franz-Werner Rupprath, der in der Werler Walburga-Gemeinde den Propsteichor und die Schola leitet: „Das ist eine Lachnummer!“. Da habe sich in Düsseldorf am Schreibtisch jemand etwas ausgedacht, der vom Chorgesang nicht die geringste Ahnung habe. 

Strumann und Rupprath wissen, dass nahezu alle Sangesfreunde ihrer Meinung sind. Laut Maßgabe der Staatskanzlei dürfen seit Mittwoch wieder alle Chöre, Ensembles, Musikvereine und Orchester im Land proben. Aber die Auflagen sind so abstrus, dass Gesamtproben de facto unmöglich werden. „Wie soll das gehen?“, fragt Strumann. 

Allein schon die geforderten drei Meter Abstand zum nächsten Sänger zu halten, sei bei einer normalen Probe unmöglich. Und auch unsinnig: „Die Sänger müssen sich doch hören können und brauchen sich gegenseitig als Stütze“, sagt Rupprath. Zwischen den Reihen sollen sechs Meter liegen, und jeder Sänger soll laut Verordnung bei einer Indoor-Probe zehn Quadratmeter zur Verfügung haben. „Der Musikverein-Chor hat mehr als 80 Aktive, das wären mehr als 800 Quadratmeter“, rechnet Michael Busch nach, der den großen Chor seit 2002 leitet. 

Coronavirus im Kreis Soest: Probe nur mit Einzelstimmen

Für Gesamtproben kämen also nur Stadthallen oder Fußballstadien in Frage. Betroffen von den neuen Regeln sind in der Region der Sängerkeis Soest mit 30 Chören, der Chorverband Haar-Börde mit 20 Chören, der Chorverband Niederbörde, etliche nicht organisierte Chöre und Kirchenchöre. Der Kreischorleiter kann in seinem Singkulturhaus „Almaviva“ zwar bereits wieder Unterricht erteilen, aber proben kann er nur mit seinen kleinen Gesangsensembles, und auch da nur mit Einzelstimmen, die bis zu drei Sänger umfassen: „So viel Platz hat unser größter Raum.“ Der Frauenchor, den Busch in Brilon leitet, habe gerade eine Anfrage an die Gemeinde gestellt, ob er in einer Schützenhalle proben könne. Die Antwort stehe noch aus. 

Erschwert wird die Chorarbeit dadurch, dass nach Auskunft von Strumann mindestens zwei Drittel aller Sänger der Risikogruppe angehören, sprich über 60 Jahre alt sind. „Ich kann verstehen, wenn die Leute Angst haben und sich nicht treffen wollen“, sagt auch Kirchenmusiker Rupprath. In der Werler Basilika schweigen der Kirchenchor ebenso wie die dreiköpfige Schola seit Wochen. „Wir haben die Informationen aus dem Chorverband an unsere Mitgliedschöre weitergegeben“, erläutert Strumann. Was die einzelnen Singegemeinschaften damit machen, kann der Vorsitzende des Sängerkreises nicht überprüfen, hat auch noch keine Rückmeldung. 

Wer mit den neuen Anweisungen proben wolle, könne das tun, müsse aber ein klares Konzept haben und eine offizielle Genehmigung einholen. Und der Chor müsse sich darüber im Klaren sein, dass Übertretungen der Regeln strafbar seien. Überhaupt kämen ständig neue Regelungen, denen man kaum folgen könne. Die neuen Anweisungen sollen zunächst bis zum 5. Juni gelten. „Hätte man doch am besten alles beim Alten belassen“, meint Hans-Werner Rupprath. „Derartige Auflagen auch noch als ,Lockerungen’ zu verkaufen ist nur peinlich.“

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