Frage der Woche

Die Corona-Lage: Haben Sie noch den Überblick?

Rund 4000 FFP2-Masken und ebenso viele Corona-„Lollitests“ für die Selbsttestung werden hier im Soester „Haus des Handwerks“ von Mitarbeiterin Simone Musial verpackt.
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Rund 4000 FFP2-Masken und ebenso viele Corona-„Lollitests“ für die Selbsttestung werden hier im Soester „Haus des Handwerks“ von Mitarbeiterin Simone Musial verpackt.

„Täglich eine neue Lage – haben Sie noch den Überblick?“: So lautet unsere aktuelle Frage der Woche. Gemeint ist natürlich die Corona-Lage, die sich zumindest gefühlt andauernd anpasst und ändert.

Kreis Soest - Wir wollten wissen: Wie sehen Bürger, Ärzte, Polizei, Eltern und Schulen auf diese Lage? Sind sie verunsichert angesichts der Impf-Strategie, der Test-Strategie und der dauernd neuen Verordnungen angesichts der Inzidenzen? Wann kommt die nächste politische Runde und wer wird sich mit seinen Überlegungen durchsetzen?

Wissen alle, was in ihrem Ort eigentlich gilt? Weiß es die Polizei bei eventuellen Kontrollen? Und die Eltern schulpflichtiger Kinder: Wissen sie, wie Schule jetzt nach den Ferien weitergeht? Wie lief es bisher?

So unterschiedlich die Ausgangslage für die Einzelnen auch war und ist, zeichnet sich in allen Antworten ab, dass es nicht nur um Regeln und Verordnungen geht – sondern auch um Vertrauen und Zuversicht. Der Appell: Verlieren Sie weder das eine noch das andere.

Corona-Lage - haben Sie noch den Überblick? - Die Antworten

Michael Prünte

„Regeln helfen, Infektionen einzugrenzen“ - Michael Prünte, Leiter Marien-Gymnasium Werl

Natürlich hatte ich vor einem Jahr nicht gedacht, dass ich als Schulleiter Woche für Woche mit dem Team der erweiterten Schulleitung und dem Krisenbeauftragten Krisenmanagement betreiben muss. Das ist für alle Beteiligten eine große Herausforderung. Doch gerade jetzt gilt: Wer den Horizont sehen will, muss den Kopf hochhalten.

Zum Wohle der uns anvertrauten Schüler und Lehrer galt es, die Verordnungen gewissenhaft umzusetzen, immer auch Spielräume zu nutzen und früh zu handeln. Ein sachlicher Stil, die enge Kooperation mit Gesundheitsamt und Schulträger helfen dabei. Am Ende ist ein Schulleiter für Gelingen und Misslingen verantwortlich. Verantwortung kann nicht abgewälzt werden, wie wir es gerade in der Krise häufig erleben. Ich habe mich dabei auf Schüler, Eltern und Lehrer verlassen. Alle haben mitgemacht, sich auf die jeweils neuen Situationen gut eingestellt. So haben wir gemeinsam viel erreicht. Wenn wir ein Ereignis als Misserfolg abspeichern, leiden wir daran. Wenn wir etwas als Erfolgsgeschichte abspeichern, dann wachsen wir daran.

Wenn das unsere Erzählweise ist, dann werden wir als Schule gestärkt aus der Pandemie hervorgehen. Der Verlauf zeigt uns: Wir sind Corona nicht hilflos ausgeliefert. Durch Hygiene- und Abstandsregeln sowie Rücksichtnahme konnten wir in unserer Schule das Infektionsgeschehen eingrenzen. Das macht deutlich, wie wirkmächtig Verhalten und Verhaltensänderungen sind. Das ist ein Erfolgserlebnis, das uns auch helfen wird, nach den Osterferien verantwortungsvoll weiterzumachen und Schule weiterhin erfolgreich zu gestalten.

Fest steht: Wir werden in der Krise weiterhin eigene Akzente setzen. In jedem Fall bleibt das Marien-Gymnasium besonnen.

Heinz Ebbinghaus

„Schwierig, auf aktuellem Stand zu bleiben“ - Dr. Heinz Ebbbinghaus, Kontaktarzt für KVWL

Medizin ist ständig im Fluss: Selten war dieser Spruch so mit Wahrheit behaftet wie in dieser Corona-Pandemie.

Schnell und kurzlebige, sich ständig ändernde Coronaschutz,- Impfverordnungen, Testverordnungen, Rechtsverordnungen etc. sorgen bei allen Menschen für Unsicherheiten und Verwirrungen und tragen nicht zu einer stringenten und konsequenten Kursrichtung im Sinne der Bewältigung dieser Pandemie bei.

Auch ich habe im Januar letzten Jahres im Rahmen eines Vortrages noch verkündet: „Machen Sie sich keine Sorge, alles was aus China kommt, hält nicht lange!“ Vertan! Über ein Jahr ist vorbei, die dritte Welle da, die Menschen sind verunsichert und werden mürbe. Gab es vorher 80 Millionen Bundestrainer sind es nun 80 Millionen Virologen in Deutschland, die ihre Ansichten und vermeintlichen Strategien verkünden. So ist Inzidenz nicht gleich infiziert, infiziert heißt nicht immer, auch zu erkranken etc. Das Problem ist die nach wie vor bestehende mangelnde Ressource Impfstoff mit der daraus erforderlicher Konsequenz der Priorisierung von Impflingen. Es ist auch für uns Mediziner in diesem multimedialen Wirrwarr, in dieser Kurzlebigkeit von Informationen, nicht immer einfach, auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft zu bleiben. Die Kunst ist es, sich seriöser Informationen zu bedienen, jeden Tag und immer wieder aufs Neue.

Nur so und auf diesem Wege können wir uns bemühen, etwas Ordnung in diese Schnelllebigkeit zu bringen, unsere Patienten nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft zu informieren. Darüber hinaus appellieren wir an den gesunden Menschenverstand, Vertrauen zu ihren Ärzten zu haben.

Burkhard Tüllmann

„Lage für Eltern und Kinder ist unübersichtlich“ - Burkhard Tüllmann, Zweifacher Vater aus Lippetal

Obwohl ich beruflich täglich mit den Vorschriften zu tun habe, ist es schwer, den Überblick zu behalten. Direktorin und Kollegium der Grundschule unserer beiden Kinder haben sich zum Glück jeweils im Vorfeld der oftmals späten Veröffentlichungen des Schulministeriums schon Gedanken gemacht und konnten zeitnah ein Konzept präsentieren. Sie haben sich bei der Umsetzung sehr viel Mühe gegeben. Wenn man Schichtbetrieb (vormittags/nachmittags je halbe Klasse) und Samstagsunterricht o. ä. zugelassen hätte, wäre es vermutlich weniger aufwendig gewesen.

Distanz- ist nicht mit Präsenzunterricht gleichzusetzen: Wofür Lehrkräfte jahrelang studieren, sollen Eltern „nebenbei“ erledigen; das zehrt an den Nerven aller Beteiligten. Aus unserem Umfeld kennen wir leider Beispiele von Lehrkräften anderer Schulen, die die „Distanz“ bei der Schülerbetreuung zu wörtlich genommen haben. Kinder mit Forder- und Förderbedarf bleiben vielfach auf der Strecke.

Warum ist man für die Schulen so spät auf die Idee mit FFP2- bzw. medizinischen Masken für alle gekommen? Unsere Kinder kommen sehr gut damit klar. Warum wird in Schulen trotz Maskenpflicht bei einem Positivfall weiterhin eine ganze Klassen nebst Lehrer in Quarantäne geschickt, während man in der Arbeitswelt in einem solchen Fall als Kontakt 2. Grades gilt und weiter los darf?

Ob es nach den Ferien wirklich mit Wechselunterricht weitergeht, hat unsere Landesregierung auch schon wieder unter Vorbehalt gestellt. Das alles macht es für Eltern und Kinder noch unübersichtlicher.

Dr. Marouan Abou Hamed

„Vernunft und Vertrauen sind maßgeblich“ - Dr. Marouan Abou Hamed, Inhaber Sonnen Apotheke in Werl

Wir befinden uns nach wie vor in einer Pandemie-Situation, in der der Gesetzgeber schnell und flexibel mit neuen Verordnungen reagieren muss, um die Verbreitung weiter einzudämmen.

Die Verordnungen und Regeln auf meinem Gebiet als Apotheker sichern die Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln. Die verschiedenen Verordnungen, die das Gesundheitsministerium ausarbeitet (z.B. die SARS-CoV-2–Arzneimittelversorgungsverordnung, Coronavirus-Testverordnung, Coronavirus-Schutzmasken-Verordnung etc.) werden uns durch unseren Verband und die Kammer so schnell wie möglich mitgeteilt und dann von uns durchgeführt und kontrolliert. So behalten wir den Überblick. Jeder ist fokussiert auf seine Aufgaben und ich gehe davon aus, dass die Informationskette auf anderen Gebieten so ähnlich läuft.

Es gibt viele Verordnungen und Regeln, die ich nicht kenne, die aber von anderen Berufsgruppen wie Polizisten, Ärzten, Lehrern, Ordnungsbeamten, Pflegepersonal etc. im Blick behalten werden und diese informieren uns Bürger dann in der jeweiligen Situation. Ich bin etwa Vater von zwei Kindern und werde regelmäßig von der Schule über die derzeitige Lage informiert, die Schule wiederum wird durch das Schulministerium informiert.

So bleibt unsere Gesellschaft als Ganzes handlungsfähig, auch wenn der Einzelne nicht alle Verordnungen kennt. Regeln und Gesetze ändern sich, wichtig ist, dass die Vernunft bleibt – und vor allem das gegenseitige Vertrauen!

Thomas Link

„Beamte sind immer aktuell informiert“ - Thomas Link, Polizeidirektor Kreis Soest

Die Verordnungslage ist regelmäßig sicherlich umfangreich, aber aus polizeilicher Sicht für unseren Kreis beherrschbar. Was die polizeiliche Arbeit sicherlich erschwert, sind die doch vielen unterschiedlichen Regelungen in anderen Gebieten, die über andere Inzidenzen verfügen und damit mehr oder aber auch weniger zulassen.

Das ist für die Bürger nicht ganz einfach zu durchschauen, was denn nun wo für wen gilt. Das macht es uns natürlich schwieriger, wenn wir aufgrund von „Corona-Verstößen“ einschreiten müssen. Allerdings gibt es im Kreis Soest kaum feststellbare Beanstandungen, was grundsätzlich dafür spricht, dass die aktuellen Regelungen zumindest in unserem Kreis vielen bekannt sind.

Weiterhin helfen während des definierten Zeitraums eines Lockdowns neuerliche Aufrufe der Politik zu vorzeitigen Veränderungen der Vorgehensweisen nicht unbedingt, wenn es um die aktuelle Verordnungslage geht. Hier sollten die Ergebnisse und Wirkungen der aufgerufenen Maßnahmen abgewartet und bewertet werden, bevor es zu angepassten bzw. neuen Einschränkungen kommt.

Letztendlich ist die Polizei im Kreis Soest immer gut informiert, wenn es um die aktuelle Corona-Schutzverordnung geht. Dazu setzt sie eine etablierte Informationssteuerung ein, sodass in möglichst kurzer Zeit alle Beamten über die gültigen Regelungen informiert werden. Und sie schreitet immer dann ein, wenn es erforderlich ist. Aber das war bisher nur sehr selten der Fall.

Die Spielregeln

Die „Frage der Woche“ greift ein aktuelles lokales Thema auf und richtet sich an Experten oder anderweitig Betroffene sowie lokale Entscheidungsträger, zum Beispiel Fraktionsvorsitzende oder Unternehmer.

Die „Frage der Woche“ erscheint in der Regel donnerstags.

Sie können sich beteiligen: Welches Thema würden Sie gern diskutiert sehen? Was brennt Ihnen auf den Nägeln? Schreiben Sie uns eine Mail an stadtredaktion@soester-anzeiger.de, Stichwort: Frage der Woche.

Silke Bahne

„Zu anstrengend, den Überblick zu behalten“ - Silke Bahne, Mutter aus Neuengeseke

Nein, ich habe keinen Überblick! Es ist mir aber auch viel zu anstrengend, den zu behalten! Corona ist eben noch nicht händelbar! Das braucht Zeit! Dass wir immer wieder vor neuen Regelungen stehen, bringt dieses Virus leider mit sich. Das nervt, und so langsam geht uns allen sicherlich die Puste aus.

Wichtig finde ich, dass wir durch Frust und Unzufriedenheit nicht beginnen, uns gegenseitig anzufeinden. Anstrengend finde ich auch die ewigen Kritiker, Nörgler und Besserwisser. Davon distanziere ich mich bewusst. Sicherlich könnte das eine oder andere besser laufen, aber tauschen möchte ich mit unseren Politikern auf keinen Fall.

Meine Kinder sind 7 und 14 Jahre alt, besuchen Grundschule beziehungsweise Gesamtschule! Ich versuche, sie positiv zu stimmen und zuversichtlich zu sein. Natürlich habe ich Bedenken, dass durch das Homeschooling so einiges an Lernstoff auf der Strecke geblieben ist, vor allem bei meinem 14- jährigen Sohn, aber wir haben die Situation bisher relativ gut gemeistert. Da gibt es sicherlich viele andere Menschen, die sehr viel massiver unter dieser Pandemie zu leiden haben.

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