Im Herbst kleine „Corona-Brände“ erwartet:

Mediziner mahnt zur Vorsicht

Schnelltests helfen: Ein Faktor, um das Infektionsgeschehen im Griff zu behalten, sind die Schnelltests.
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Schnelltests helfen: Ein Faktor, um das Infektionsgeschehen im Griff zu behalten, sind die Schnelltests.

Kreis Soest – Entspannte Gesichter, aber auch Sorgenfalten gab es bei der jüngsten Sitzung des „Ausschusses für Gesundheit, Demografie und Daseinsvorsorge“ des Kreises Soest. Der Grund: Dr. Ansgar Brockmann ließ das Pandemie-Geschehen seit dem Ausbruch im Frühjahr 2020 Revue passieren – und gab einen Ausblick auf die nächsten Wochen und Monate.

Mit eindrucksvollen Folien setzte der stellvertretende Leiter des Kreis-Gesundheitsamts die Anwesenden im Hof Haulle ins Bild „einer Pandemie, die sich vorher keiner so ausmalen konnte“. Eine gewissen Skepsis machte sich breit, als Brinkmann die Fallzahlen grafisch präsentierte: Ganz links zeigte sich das heimische Pandemie-Geschehen im Frühjahr 2020 verschwindend gering im Vergleich zu den Sieben-Tage-Inzidenzen des vergangenen Winters und des Frühjahres 2021. Wo Ende April 2020 bei Inzidenzen unter 5 ein harter Lockdown für eine Beruhigung des Geschehens sorgen sollte, zeigten die Spitzenwerte im Dezember mit mehr als 140 sowie im Ende April mit mehr als 130 ein deutlich dramatischeres Bild.

Wir werden im Herbst zwar keinen weiteren Flächenbrand, aber gerade in Betrieben, Schulen oder Kindergärten ein paar kleinere Brände erleben.

Ansgar Brockmann, stv. Leiter Kreisgesundheitsamt

Inzwischen liegt die Inzidenz zwar deutlich darunter. „Aber wir haben noch immer eine zehnfach höhere Inzidenz als im letzten Jahr, da müssen wir höllisch aufpassen“, so Brockmann. Von Entwarnung könne trotz und auch wegen der vielen Öffnungen jedenfalls nicht die Rede sein. Ob diese Öffnungen klug seien, das wolle er nicht bewerten, so der Mediziner. Mit den vielen Tests, weiteren Impfungen und den Hygieneregelungen sei er aber „gedämpft optimistisch“. Gleichwohl befürchtet der Amtsarzt für die Zeit nach dem Urlaub: „Wir werden im Herbst zwar keinen weiteren Flächenbrand, aber gerade in Betrieben, Schulen oder Kindergärten ein paar kleinere Brände erleben“.

Erst Ältere, dann Jüngere betroffen

Bei der Verteilung der Infektionen auf die Altersgruppen zeigte sich, dass zunächst die über 80-Jährigen deutlich betroffen waren (insgesamt 2,8 Prozent Infizierte und 577 Fälle), inzwischen aber die Kinder bis 9 Jahre (1,9 Prozent, 514) immer mehr aufholen. „Ganz klar wegen ihrer vielen Kontakte liegen aber die 20- bis 29-Jährigen mit 4,3 Prozent und 1411 Fällen ganz vorne bei den Infektionen“, so Ansgar Brockmann. Zudem seien auch die 50- bis 59-Jährigen wegen ihrer Kontakte in Beruf und Familie sehr belastet, hier zeige sich mit 1511 Fällen die höchste absolute Zahl.

Ich glaube, dass wir hier im ländlichen Raum von der weniger dichten Besiedelung profitiert haben. Zudem haben wir ein gutes Management bei der Kontaktnachverfolgung betrieben. Da haben wir eher vorsichtig agiert und die Menschen im Zweifel in Quarantäne geschickt.

Ansgar Brockmann, stv. Leiter Kreisgesundheitsamt

Als der Amtsarzt die Folien mit den Vergleichszahlen zwischen dem Kreis Soest und NRW auflegte, glätteten sich viele Sorgenfalten. Fast immer zeigte sich die heimische Sieben-Tage-Inzidenz unter dem Landeschnitt. „Wir hatten zeitweise nur die Hälfte der Landeszahlen“, so Brockmann. Und in nur ganz wenigen Ausnahmen habe man über dem Landeschnitt gelegen. So wie aktuell wegen des Ausbruchs in der JVA in Werl. „Da erwarte ich in den nächsten Tagen aber auch einen starken Rückgang bei diesem isolierten Infektionsgeschehen.“

8628 Infizierte seit Pandemie-Beginn

2,86 Prozent der Bevölkerung oder 8628 Menschen haben sich nach Angaben des Kreisgesundheitsamtes seit Beginn der Pandemie im Kreis Soest mit dem Corona-Virus infiziert. Damit weist der Kreis Soest nach Münster und dem Kreis Coesfeld die drittniedrigste Quote in NRW auf. Aktuell (Stand 8. Juni) befinden sich 639 Personen in Quarantäne.

Wieso der Kreis Soest vergleichsweise gut durch die Pandemie gekommen ist? „Ich glaube, dass wir hier im ländlichen Raum von der weniger dichten Besiedelung profitiert haben. Zudem haben wir ein gutes Management bei der Kontaktnachverfolgung betrieben. Da haben wir eher vorsichtig agiert und die Menschen im Zweifel in Quarantäne geschickt.“ Als dritten Faktor gibt Brockmann das Legionellen-Geschehen in Warstein aus dem Jahr 2013 an: Da habe man bereits gelernt, mit einer Krise zu leben und die entsprechenden Mechanismen aufgebaut.

Vergleich zu anderen Kreisen positiv

Es gab noch mehr Folien, die für Entspannung sorgten: Bei der Krankenhausbelegung sei man im Winter zwar auch ziemlich belastet gewesen, im Vergleich zum Märkischen Kreis oder zum Kreis Hagen aber sei man doch vergleichsweise gut durch diese Phase gekommen. Aktuell seien die Intensivstationen zwar ziemlich voll, es gebe aber keinen einzigen Corona-Patienten. Klar: Die Krankenhäuser beginnen nun damit, verschobene Eingriffe nachzuholen, stehen so vor einer neuen Welle.

Apropos neue Welle: Dass ein Mann wie Ansgar Brockmann das Wort „Corona“ nicht zu seinem Lieblingswort erklärt, ist verständlich. „Ein solches Plateau über Wochen und Monate intensivster Arbeit, das hatte ich noch nie“, blickt er zurück auf die Pandemie-Belastung im Gesundheitsamt. Was passiert, wenn die Pandemie tatsächlich abebbt und verschwindet? „Dann müsste ich eigentlich Urlaub und Überstunden abbauen. Doch dann kommt die nächste Welle auf uns zu, weil wir all die Gutachten schreiben müssen, die wir zurückgestellt haben.“

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