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Generationenwechsel bei der Feuerwehr Soest: Alter und neuer Chef im Interview

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Von: Daniel Schröder

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Christoph Blume (rechts) übernimmt das Amt des Leiters der Feuerwehr Soest von Jürgen Wirth.
Christoph Blume (rechts) übernimmt das Amt des Leiters der Feuerwehr Soest von Jürgen Wirth. © Daniel Schröder

Nach mehr als 18 Jahren übergibt Jürgen Wirth das Amt des Leiters der Feuerwehr an Christoph Blume. Wir sprachen mit beiden über die Herausforderungen, denen der neue Amtsinhaber gegenüber stehen wird und über den einprägsamsten Einsatz, der Jürgen Wirth bis heute nicht loslässt.

Soest – Außerdem verraten im Interview beide, warum es durchaus anstrengend sein kann, wenn man im Alltag ein Feuerwehrauto als „Dienstwagen“ fährt.

Herr Wirth, Sie wurden im September 2003 zum Leiter der Feuerwehr ernannt. Jetzt, 18 Jahre später, ist Christoph Blume zum Nachfolger bestellt worden. Wie haben sich die Aufgaben in diesem Amt im Laufe der Jahre verändert?

Wirth: Die eigentlichen Aufgaben der Feuerwehr – Brandbekämpfung und technische Hilfeleistung – haben sich nicht besonders verändert. Aber das Bürokratische ist immens angewachsen. Was wir teilweise für Stellungnahmen schreiben müssen, nimmt den Hauptteil der Arbeit in Anspruch. Das hat sich stark verändert.

Heute muss man Einsatzberichte sehr detailliert schreiben, weil Versicherungen dann später irgendwann den Einsatz nicht zahlen wollen – das ist ein Riesenaufwand. Hinzu kommen Haushaltsplanung, Personalplanung, Brandschutzbedarfsplanung. Früher gab es keine Brandschutzbedarfspläne, da wurde ein Auto gekauft – einfach weil es gekauft werden sollte. Das heißt nicht, dass es früher besser war, aber der Aufwand war deutlich geringer.

Die Auflagen der Bezirksregierung für die Ausnahmegenehmigung, dass die Stadt Soest keine hauptamtliche Wache vorhalten muss, nehmen ebenfalls einen großen Teil in Anspruch. Es ist unterm Strich sehr sehr viel mehr Bürokratie geworden.

Herr Blume, Sie sind jetzt 39 Jahre alt, seit 24 Jahren ist die Feuerwehr ein großer Teil Ihres Lebens. Wann gab es bei Ihnen den ersten Gedanken daran, dass Sie die Feuerwehr Soest einmal leiten würden?

Blume: Wann der Gedanke kam, das weiß ich gar nicht. Das kam irgendwann im Gespräch mit Jürgen mal auf. Woran ich mich aber gut erinnern kann: In der Löschgruppe Ampen sagte jemand immer zu mir, ‘ach irgendwann machst du das auch noch’. Da habe ich immer gesagt, ‘nein, das mache ich nicht’. Jetzt hat derjenige doch Recht behalten. Ich bin gespannt, wann ich ihn das nächste Mal treffe und was ich mir dann anhören kann.

Aber im Ernst: Ich glaube, dass wir acht Jahre lang, in denen ich den Stellvertreter-Posten hatte, ein gutes Team waren und ich mich immer weiter in das Aufgabenfeld einarbeiten konnte. Ich glaube, ich bin ähnlich Feuerwehr-verrückt wie Jürgen. Irgendwann gab es dann den Punkt, wo ich gesagt habe, dass ich meinen Hut auch für diese Stelle in den Ring werfen würde. Gefestigt hat sich der Gedanke dann in den letzten zwei Jahren, in denen ich mir natürlich auch Gedanken gemacht habe, wie sich diese Aufgabe mit dem persönlichen Umfeld vereinbaren lässt. Es lässt sich nicht von der Hand weisen, dass die Funktion ein großer Bestandteil des persönlichen Lebens, des Alltags und des persönlichen Umfelds ist. Da muss man sich klarmachen: Okay, ich habe diese Aufgabe, also muss ich an anderer Stelle ein paar Einschränkungen auf mich nehmen.

Was sind mögliche Einschränkungen?

Wirth: Du bist immer irgendwie präsent. Alleine durch dieses Auto. Ich stand mal mit dem Wagen vor einem Schnellimbiss, da kam ein älteres Ehepaar vorbeigefahren, die haben nur mit dem Kopf geschüttelt. Du hast immer eine Außenwirkung. Du kannst nicht in der Kneipe feiern gehen und dabei mal über die Stränge schlagen, weil jeder sofort sagt: ‘Guck mal, der Chef der Feuerwehr.’ Du bist einfach Teil dieser Stadt und viele kennen dich. Das schränkt dich in deiner Bewegungsmöglichkeit ein.

Blume: Wenn du mit dem Dienstwagen unterwegs bist, ist das einfach schon ein prominenter Eyecatcher. Das sind oft ganz banale Situationen: Du fährst mit dem Fahrzeug zum Supermarkt, bist in deiner privaten Kleidung, stellst die Einkäufe hinten rein und darfst dir einen Spruch anhören: ‘Ach, mit dem Feuerwehrauto zum Einkaufen fahren oder was?’ Man merkt oft, dass viele Leute nicht wissen, was dahintersteckt: Klar bin ich mit diesem Fahrzeug unterwegs, aber ich bin damit auch jederzeit greifbar, wenn der Melder geht.

Eine Frage an Sie beide: Das Amt der Leiters der Feuerwehr ist wie andere Aufgaben in der Freiwilligen Feuerwehr ein Ehrenamt. Ein Ehrenamt mit einer Verantwortung für rund 50.000 Soester. Warum übernimmt man solch eine Aufgabe überhaupt, was ist der Antrieb?

Wirth: Ich glaube, es gibt gar keinen richtigen Antrieb. Als ich in die Feuerwehr eingetreten bin, habe ich ja nicht gesagt: Ich will mal Leiter der Feuerwehr werden. Du gehst in die Feuerwehr, irgendwann sagt einer: Willst du auf den Gruppenführer-Lehrgang gehen? Dann gehst du dahin, gehst auf den Zugführer-Lehrgang, irgendwann stellt sich die Frage: Wer wird jetzt Nachfolger? Vielleicht kommt noch der Gedanke: Willst du dir das antun? Dann wird gesprochen, was alles hinter dieser Aufgabe steckt. Wenn danach noch einer bereit ist, das zu tun, kann man davon ausgehen, dass das funktioniert. Aber es wird keiner in die Feuerwehr eintreten und sagen, dass er Chef werden will. Das ergibt sich in der Regel automatisch im Laufe der Jahre.

Blume: Das ist ein Prozess: Wenn man die Stellvertreter-Position einige Jahre besetzt hat, ergibt sich das irgendwann. Man muss sich bewusst sein: Klar, hat man die Verantwortung für eine imposante Einwohnerzahl. Aber du hast auch eine riesige Personalverantwortung. Wenn man sich die gesamte Struktur mit Einsatzabteilung, Jugendfeuerwehr, Musikzügen und Ehrenabteilung ansieht, hat man ein großes Unternehmen unter sich.

Wirth: Da reden wir von 800 Leuten ungefähr. Du hältst ein rund 800-köpfiges Unternehmen am Laufen – für eine Aufwandsentschädigung.

Blume: Neben deinem eigentlich Hauptberuf.

Herr Wirth, was war für Sie der einprägsamste, beeindruckendste oder belastendste Moment als Leiter der Feuerwehr?

Wirth: Da kann ich so eigentlich gar nicht sagen. Das was die Menschen draußen erleben vom Eindruck her, nehmen wir ganz anders wahr. Der Brand der Strabag-Halle war spektakulär für die, die außen standen und sahen: Das Gebäude steht in Vollbrand und die Feuerwehr löscht mit ganz vielen Drehleitern. Für uns bedeutete das im Grunde genommen nur: Jede Menge Wasser drauf und am Ende zwei Tage Nacharbeit, weil die Fahrzeuge wieder aufgerüstet werden mussten.

Für mich war es immer tragisch, wenn Angehörige zu Einsatzstellen gekommen sind, an denen Menschen verstorben sind oder schwer verletzt wurden. Das haben wir in einigen Fällen gehabt. Heutzutage geht das durch die Kommunikation über die sozialen Medien noch schneller. Da werden frühzeitig Fotos herumgeschickt und die Eltern erkennen darauf das Auto ihres Sohnes.

Einen Fall gab es, der ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben: Ein junges Mädchen hatte sich das Leben genommen. Unsere Aufgabe war die Bergung der Leiche. Einige Monate später meldeten sich die Eltern und baten um ein Gespräch. Sie wollten den Ort sehen, wo wir tätig waren, und über die ganzen Umstände reden. Das war ein Morgen, der für alle Beteiligten auf der einen Seite am Anfang sehr belastend war. Aber als wir im Gespräch waren, ist die Anspannung nach und nach abgefallen. Das war sehr einprägsam.

Was Brände angeht, war für mich von Anfang an klar: Wenn du zu einem Wohngebäude kommst und das Ding steht in Vollbrand, dann kannst du nichts mehr daran ändern. Wenn du aber aus welchen Gründen auch immer nicht von der Wache loskommst, weil beispielsweise der Verkehr zu dicht ist, und es brennt erst nur eine Mülltonne, dann das Carport, dann das Auto und dann das ganze Wohnhaus – das ist das denkbar schlechteste Szenario.

Was mich auch immer fasziniert hat, waren Katastrophenschutzeinsätze, bei denen aus dem ganzen Bundesgebiet Einheiten vor Ort waren. Die Kräfte kannten sich zu großen Teilen überhaupt nicht, haben aber so gut zusammengearbeitet, als wenn sie sich schon Jahre kennen. Da gab es kein Meckern oder irgendwelche Leute, die keine Lust hatten, sondern da wurde alles getan, was erforderlich war und das bis an die Leistungsgrenze.

Was war rückblickend die beste Entscheidung Ihrer Laufbahn?

Wirth: Vorweg muss ich sagen, dass ich die Entscheidungen nie alleine getroffen habe. Wir haben immer im Team gearbeitet. Die beste Entscheidung war wohl, in Abwandlung des damals geplanten Brandschutzkonzeptes den Brandschutzbedarfsplan so aufzustellen, dass die örtlichen Löschgruppen gestärkt werden.

Wir haben dabei festgelegt, was ein einzelner Löschzug alles können muss und im Anschluss alle Züge so ausgerüstet, dass sie Schwerpunktfahrzeuge und Spezialgerät haben. So hat jeder Außenzug neben der technisch einheitlichen Ausstattung auch eine Spezialisierung erfahren. Das hat zum einen für die Feuerwehrleute mehr Arbeit und zum anderen eine Entlastung für die beiden Züge der Innenstadt gebracht. Auch entstand dadurch für die Verwaltung der Nachweis, dass wir die Außenzüge unbedingt brauchen.

Das, was in den Außenzügen an Spezialisierung vorherrscht, kann die Innenstadt gar nicht leisten. So haben wir es gut hinbekommen, die Feuerwehr so zu strukturieren, wie sie im Moment ist. Mit den Neubauten der Feuerwehrhäuser in Ampen und Deiringsen und dem Umbau in Meckingsen haben wir für eine sachgerechte Unterbringung gesorgt, der Umbau in Ostönnen ist vorgeplant. Zudem wurden für die Ortsteile 14 Fahrzeuge neu beschafft, Fahrzeug Nummer 15 für Ostönnen befindet sich im Zulauf.

Herr Blume, was werden in den nächsten Jahren Ihre größten Herausforderungen?

Blume: Die Feuerwehr muss immer weiter auf dem aktuellen Stand gehalten werden. Vor allem muss dafür gesorgt werden, dass immer eine gefestigte Personalstruktur da ist. Natürlich ist es schön, wenn wir auf der Jahresdienstbesprechung 40 neue Leute begrüßen können - doch genauso wichtig ist es, dass die, die schon jahrelang ihren Dienst hier leisten, auch weiterhin kommen und motiviert bleiben. Die Mitglieder-Neugewinnung und Mitglieder-Haltung wird ein großer Punkt für die Zukunft sein.

Wenn man guckt, wie wir bei der Hilfsfrist aufgestellt sind, sind wir wirklich spitze. Das muss mit allen Mitteln weiter verfolgt werden. Außerdem muss das zwischenmenschliche Miteinander abseits des Einsatzalltags stimmen. Mit der Aufstellung des aktuellen Brandschutzbedarfsplans und dem damit verbundenen Investitionsplan stehen wir für die nächsten Jahre sehr gut da. Das gilt es natürlich, weiterzuentwickeln. Unter dem Punkt Nachwuchsförderung und -Gewinnung werden wir uns in den nächsten Jahren mit dem Thema Kinderfeuerwehr beschäftigen müssen. 

Herr Wirth, als wir im Mai über Ihren bevorstehenden Abschied als Leiter der Feuerwehr gesprochen haben, sagten Sie, dass sie 50 aktive Jahre in der Feuerwehr vollmachen wollen. Das wäre 2023 soweit. Wird man Sie bei den Einsätzen in der Zukunft weiterhin an der Front oder eher im Hintergrund sehen?

Wirth: Eher im Hintergrund, mal schauen, was die Zukunft bringt.

Herr Blume, in welchen Momenten werden Sie froh sein, Ihren Vorgänger um Rat bitten zu können?

Blume: Wo er immer ein richtig gutes Händchen hatte, ist der rechtliche und verwaltungstechnische Aspekt neben der Einsatzführung. Da werde ich mit Sicherheit noch mal drauf zurück kommen. Wir werden auf jeden Fall weiter im Austausch bleiben.

Wirth: Er kann mich gerne fragen, aber nicht so oft. Wichtig ist, dass Christoph seinen eigenen Weg geht und das wird er tun.

Blume: Man darf das Ganze nicht um 180 Grad umkehren. Aber jeder bringt seine Handschrift ein. Die Führung der Feuerwehr Soest wird bis zum Frühjahr einmal komplett mit neuen Gesichtern besetzt sein und wir werden gemeinsam unsere Linie finden und weiterentwickeln.

Herr Wirth, was ist Ihr größter Wunsch, den Sie Herrn Blume mit auf den Weg geben?

Wirth: Wenn er das Ganze so weiterführt, mit dem Gedanken, dass die Freiwillige Feuerwehr ein hohes Gut ist, dann ist er auf dem richtigen Weg. Es gibt keinen Grund, warum wir hier eine hauptamtliche Wache vorhalten sollten. Wir haben super Hilfsfristen, die Leute sind motiviert, wir haben eine Top-Fahrzeugausstattung – warum sollte man versuchen, daran etwas zu ändern? Das gilt es, für die Zukunft weiterzudenken.

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