Rätsel um Wand-Spruch ist gelöst

Bunker unterm Soester Wall - Achtjähriger saß mit Mutter und Schwester drin: "Wer lebt draußen noch?"

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Hier fanden im Krieg Soester Schutz vor den Luftangriffen: Bunker im Wall.

Soest – Das Rätsel um den Spruch im jetzt (wieder) entdeckten Schutzbunker unter dem Wall ist gelöst. „Gott bewahre uns vor Wetter und Wind und vor Kameraden, die keine sind“, steht da mit Bleistift geschrieben an den nackten Wänden.

Martin Mönnighoff aus Welver hatte keine Mühe, die alte Kurrent-Schrift zu entziffern. „Ich habe mir die selber beigebracht, um eben alte Dokumente zu lesen.“ Das Schriftbild dieser schönen Handschrift gefällt Mönnighoff sehr; er bedauert, dass die Nazis damals im Krieg diese Schrift verboten hatten.

Zu den vielen hundert Soestern, die hier unterm Wall Schutz gesucht haben, zählt auch der frühere Georg-Schulleiter Manfred Bauss, Jahrgang 1939. „Der Bunker gehörte für meine Mutter, meine Schwester und mich und für die Menschen in der Umgebung zum nächsten Ort, der uns bei Fliegerangriffen Schutz bot“, schildert Bauss.

Bunker unterm Wall: Nach Fliegeralarm gab es nur zwei Fragen

Sobald es Fliegeralarm gab, seien nur diese beiden Fragen den Menschen durch den Kopf gegangen: „Wann sind die Flieger da?“ Und: „Wo finden wir Schutz?“ Der nächste Schutzraum war für Familie Bauss der zusätzlich mit Stützmauern und schweren Türen gesicherte Kellergang, dann der Bunker unterm Wall „Grüne Hecke“, und erst danach die großen Bunker am Bahnhof und im Grandweg. 

„Je nach Geräusch wussten meine Mutter und die Soester alle, wann die Flieger da waren“, schildert der 80-Jährige. Auf engstem Raum hätten sie mit anderen um ihr und das Leben der anderen gebangt. Bepackt waren die Erwachsenen mit kleinen Koffern und Taschen (mit dem Wichtigsten) und Decken, weil es kalt und nass war in den Bunkern. 

Mit der Entwarnung und dem entsprechenden Sirenen-Signal sei die Ungewissheit gekommen: Wer lebt da draußen nicht mehr, was ist alles zerstört worden? Heute fragt sich Bauss, ob er noch einmal den Bunker von innen sehen möchte. Schließlich wird gerade überlegt, ihn für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Bauss zögert: „Da ich nur bruchstückweise Erinnerungen habe, sage ich im Augenblick Ja. Ich kann mir aber vorstellen, dass ich vor dem Eingang wieder umkehre. Möge es uns erspart bleiben, noch einmal dort Schutz suchen zu müssen.“

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