Dombaumeister: "Schäden an der Wiesenkirche sind brutal"

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Unterhalb der Balustrade hat Jürgen Prigl Experten der Denkmalschutzbehörden das Ausmaß der Schäden gezeigt.

Soest - Jürgen Prigl ist ein Freund klarer Worte. Deshalb fällt seine aktuelle Einschätzung zu den im Sommer festgestellten Schäden an der Traufengesimszone der Wiesenkirche (wir berichteten) auch direkt aus: „Das ist brutal. Das ist wirklich brutal. Wir müssen handeln und zwar sofort.“

Im Zuge der Fensterrestaurierung waren die Schäden im Juni erstmals entdeckt worden. Den Sanierungsbedarf in diesem Bereich hatte der Dombaumeister damals mit „deutlich im Millionenbereich“ beziffert. Bereits kurze Zeit später sind Sensoren installiert worden, die nun jede Veränderung im brüchigen Mauerwerk protokollieren. „Die Schäden arbeiten weiter und nehmen zu“, formuliert Prigl die ernüchternde Erkenntnis aus diesen Aufzeichnungen. 

Mit dem bloßen Auge wird das an Stellen sichtbar, wo Mörtel herausgebrochen ist. An anderen Stellen sind Steine buchstäblich gespalten, bauchen dadurch aus und werden irgendwann herunterfallen. Ein Szenario, das es unbedingt zu vermeiden gilt. Prigl: „Da dürfen wir nicht zugucken, sondern müssen handeln.“ 

Das sieht man auch in Düsseldorf so. Ina Scharrenbach, Ministerin im Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalen, hat bereits finanzielle Unterstützung in Form einer Soforthilfe in Aussicht gestellt, bzw. gewährt. „Dafür“, so Prigl, „sind wir natürlich sehr dankbar, denn alleine können wir das nicht stemmen.“ 

Schritt für Schritt vorarbeiten

In einer Art Sofortmaßnahme soll noch in diesem Jahr eine große Stahlstütze angebracht werden, die die bröselnde Balustrade sichert und verhindert, dass Passanten von herunterfallenden Stücken getroffen werden. Knapp 28 Meter wird die lang sein und im Boden fest fundamentiert. Prigl ist zuversichtlich, dass das erst einmal helfen wird: „So bekommen wir das in einen sichernden Griff und können uns mit diesem Stützpfeiler Schritt für Schritt vorarbeiten.“

Auch die kleinen Fialen sind betroffen. Bei dieser etwa ist ein komplettes Element herausgebrochen.

Erst nach Installierung der Stütze kann der betroffene Bereich „geöffnet“ werden, weil man erst dadurch das wahre Ausmaß der Schäden wird einschätzen können. „Wir müssen in die Traufe reinsehen können“, erklärt Prigl. Fest steht, dass dieser Bereich, der in den 30er-Jahren aus einer Mischung aus Stein, Beton und Eisen konstruiert worden ist, den Anforderungen, die dort oben durch Wind und Wetter herrschen, nicht gewachsen ist. „Das ist Pfusch am Bau“, hatte Prigl bereits im Juli kritisiert. 

Deshalb muss der komplette Bereich saniert werden. Vermutlich wird die Balustrade dazu in voller Länge abgetragen und neu aufgebaut. Dass das zusätzlich Zeit und Geld kostet, ist klar. Vor diesem Hintergrund hat Prigl, der die Sanierung der Wiesenkirche seit 26 Jahren verantwortet, zugesagt – eventuell in einem Ehrenamt – , weiterhin mit Rat und Tat zur Verfügung zu stehen. Ursprünglich hatte der 58-Jährige sein Dienstende für den Sommer kommenden Jahres angekündigt. 

Mammutaufgabe bei engem Budget

Mit Diplom-Ingenieur Gunther Rohrberg, Steinmetzmeister Daniel Müller (Leiter Dombauhütte) und Bärbel Cöppicus-Wex (Geschäftsführung Westfälischer Dombauverein) ist bereits ein Triumvirat installiert, das sich die Arbeit, die Prigl in der Vergangenheit alleine bewältigt hat, künftig teilen wird. Dabei wird es grundsätzlich auch bleiben. Die künftige Mammutaufgabe werde sein, sowohl die eigentlichen Sanierungsarbeiten am Nordturm nicht zu vernachlässigen und gleichzeitig die neuen Arbeiten voranzutreiben – und das alles mit den aktuell vier Mitarbeitern der Dombauhütte. Aufgrund des ohnehin schon engen Budgets scheint es ausgeschlossen, die Dombauhütte personell aufzustocken, ergänzt Prigl. 

Deshalb wird die Zusage des versierten Dombaumeisters, sich weiterhin einzubringen, von allen Seiten begrüßt. Prigl: „In so einer Situation geht man nicht einfach. Das macht man nicht.“

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