"Soester Norden ist sensationell"

Interview: Gegen diesen Mann haben die Soester Bomben keine Chance

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Karl-Heinz Clemens (57) ist Kampfmittelentschärfer. Auch für ihn ist die Bombenfund-Serie in Soest nicht alltäglich.

Soest – Karl-Heinz Clemens kennt sich in Soest vermutlich besser aus als mancher Soester. Er ist der Mann, gegen den keine Bombe aus dem Soester Norden eine Chance hat.

Clemens arbeitet als Entschärfer beim Kampfmittelbeseitigungsdienst Westfalen-Lippe. 

Im Interview mit Anzeiger-Redakteur Daniel Schröder sprach der 57-jährige Detmolder über die Bombenfunde im Soester Norden und seinen spektakulärsten Einsatz in der Soester Innenstadt.

Die letzte Entschärfung in Soest liegt fast zwei Wochen zurück. Haben Sie schon Heimweh?

Karl-Heinz Clemens: Ich war am Dienstag noch in Soest. Auf der anderen Straßenseite des Feldes waren zwei Verdachtspunkte, die wir überprüfen mussten. Gefunden haben wir dort jedoch nichts. 

Das heißt, Sie sind auch in Soest tätig, wenn noch gar keine Bombe gefunden wurde?

Clemens: In diesem Fall ging es um eine konkrete Blindgänger-Einschlagstelle, da war ich am Ort, weil es an einem Verdachtspunkt eine etwas schwierige Situation gab. Da lagen Versorgungsleitungen im Bürgersteig- und Straßenbereich und wir mussten dazwischen bohren. Ich habe den Kontakt zwischen dem Ordnungsamt und der Firma, die die Arbeiten durchgeführt hat, hergestellt. 

Der Soester Norden gilt, was die Bombenfunde angeht, doch sicher als Ausnahme. 

Clemens: Das war bislang schon sensationell. Das muss ich wirklich sagen. Wir sind ja noch nicht ganz fertig. Für die zweite Aprilwoche sind noch vier Öffnungen geplant. Die sind etwas tiefer, deshalb müssen wir erst einen größeren Bagger ordern. Der Bagger, mit dem wir bislang gearbeitet haben, kommt nicht so tief. Ich denke, da werden wir an dem ein oder anderen Verdachtspunkt noch fündig. 

Wie kommt es zu dieser Vermutung?

Clemens: Das sind konkrete Bombenblindgänger-Einschlagstellen. Die sind im Vorfeld abgebohrt worden, und dort gab es ein Signal. Dieses Signal deutet auf einen Bombenblindgänger hin. Ob es dann wirklich einer wird, wissen wir, wenn wir dort sind. Da wir von Tiefen zwischen fünf und sieben Metern sprechen, müssen wir im Vorfeld erst abklären, ob wir dort beispielsweise mit Grundwasser zu tun bekommen. 

Sie haben das Wort „sensationell“ genutzt. Das bedeutet, das betroffene Feld ist für Sie keine Routine?

Clemens: Nein, Routine ist das nicht. Sensationell sage ich deshalb, weil da schon so viel gefunden wurde. Das ist echt extrem. Ich kann mich an kein Feld erinnern, wo wir so viele Bomben und Munition herausgeholt haben. 

Wie viele verschiedene Kampfmittel-Arten liegen dort?

Clemens: Wir haben dort Brandbomben, 50-Kilo-Bomben, 250-Kilo-Bomben und 500-Kilo-Bomben gefunden. 

Wie läuft eine Bomben-Entschärfung vom Fund bis zur Entwarnung ab? 

Clemens: Erst einmal wird der unmittelbare Bereich abgesperrt. Danach wird das Ordnungsamt benachrichtigt. Dem wird mitgeteilt, dass wir einen Blindgänger in Größe X haben. Dann legen wir den Evakuierungsradius fest: Bei einer normalen 250-Kilo-Bombe wären das 250 Meter. Liegt sie aber ziemlich oberflächennah, können das auch schon mal 300 Meter sein. Das hat damit zu tun, dass der Splitterflug bei einer Explosion bis zu 1000 Meter weit sein kann. 

Diese Analyse zeigt: In etwa 8 Metern Tiefe sind metallische Gegenstände zu finden – möglicherweise Bomben.

Ist der Evakuierungsradius festgelegt, kommen Stäbe aus Feuerwehr, Ordnungsamt und Polizei zusammen. Wenn die Evakuierung abgeschlossen ist, kann ich meiner Tätigkeit nachkommen. Bis dahin kann das im Einzelfall auch schon einmal Stunden dauern. Im Soester Norden ist das alles zum Glück sehr überschaubar. Da musste nur zwei oder drei Nachbarn Bescheid gegeben werden, und ein paar Straßen mussten gesperrt werden. Das Ganze in der Soester Innenstadt würde den Aufwand um ein Vielfaches vergrößern. 

In der Innenstadt waren Sie ja auch schon im Einsatz. Wie lief es da mit der Evakuierung?

Clemens: Das ist immer super gelaufen. Das haben Herr Grebe und Herr Märte vom Soester Ordnungsamt wirklich hervorragend organisiert. Auch bei der Vorgängerin, Frau Matteikat, lief das einwandfrei. 

Gibt es eine Blindgänger-Entschärfung aus Soest, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Clemens: Ja, da gab es mal eine Entschärfung in der Innenstadt. Da mussten wir einen Bagger mit einem Kran in einem Garten absetzen. Der Bomben-Blindgänger musste mit einer Trage durch das Wohnzimmer herausgetragen werden. Das ist, glaube ich, sieben oder acht Jahre her. 

Haben Sie ein Logbuch, in dem alle Ihre Einsätze festgehalten sind?

Clemens: Nein, ich führe keine Statistiken. Meine Familie sammelt zuhause jedoch alle Zeitungsberichte. Da kann ich auch mal nachschlagen. 

Das heißt, die Bomben-Entschärfungen sind zuhause auch Thema?

Clemens: Ja, aber meine Familie bekommt zuhause nicht immer alles mit. Wenn ich morgens zur Arbeit fahre, dann wissen die ja nicht, dass ich an dem Tag eine Bombe entschärfen muss. Die bekommen das nur dann mit, wenn ich anrufe und sagte, dass es heute später wird. Im vergangenen Jahr mussten wir in Paderborn eine HC4000 entschärfen. Da wurde ja bereits eine Woche vorher drüber berichtet. Da hatten auch meine Frau und meine Kinder andere Gedankengänge. 

Haben Sie Lieblingsbomben?

Clemens: Lieblingsbomben gibt es nicht, nein. Die Lage ist immer eine andere. Keine Entschärfung kann gespiegelt werden. Wenn ich zwei Bomben vom gleichen Typ entschärfen muss, kann das bei einer in 15 Minuten und bei der anderen erst in einer Stunde erledigt sein. 

Neben den "klassischen" Bomben werden auch andere Kampfmittel, sogenannte Kleinmunition, gefunden.

Falls das Zündsystem etwa gestaucht ist, dauert es länger, den Zünder zu beseitigen. 

Welche Zünder können kompliziert sein?

Clemens: Es gibt immer Zünder, die jederzeit hochgehen können. Manche Zündsysteme sind besonders reibungs- und stoßempfindlich. Es gibt auch Zünder, die mit einem vorgespannten Schlagbolzen arbeiten, da wissen wir manchmal auch nicht, ob der vielleicht schon teilweise ausgelöst hat. Manchmal reicht ein kleiner Stoß, um das ganze System zu aktivieren. 

Wie verrückt muss man eigentlich sein, um einen solchen Job auszuüben?

Clemens: Ich weiß nicht, ob man da verrückt für sein muss. Ich hab mir das im Vorfeld gut überlegt und bin mir auch der Verantwortung bewusst. Ich habe Kfz-Mechaniker gelernt und habe beim Katastrophenschutz gearbeitet. Zu diesem Zeitpunkt haben wir auch die Fahrzeuge des Kampfmittelbeseitigungsdienstes gewartet, dann hatte ich mit den Leuten zu tun, und als bei uns Stellen abgebaut werden sollten, wurden zeitgleich Mitarbeiter beim Kampfmittelbeseitigungsdienst gesucht. Da habe ich mich dazu durchgerungen, den Job zu machen. 

Wie abhängig ist man in Ihrer Branche davon, dass es Krieg gibt?

Clemens: Ich sag mal so: Wir sind ja aktuell noch mit den Altlasten beschäftigt. Und wenn man mal schaut, dass mehr als 70 Jahre nach Kriegsende noch Bomben und andere Kampfmittel geborgen werden, dann ist das schon der helle Wahnsinn. 

Also wird auch die Entschärfer-Generation nach Ihnen noch zu tun haben?

Clemens: Ich denke schon!

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