Keine Wohnung, kaum Geld: Immer mehr Menschen suchen Rat

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Das Team der Sozialberatungsstelle unter der Trägerschaft der Evangelischen Perthes-Stiftung (von links): Alice Christen, Sylvia Müller und Michael König.

Soest Die Zahl steigt ständig. Immer mehr Menschen gehen zur Sozialberatungsstelle, weil sie dringend Hilfe brauchen. Leiter Michael König spricht mit Blick auf die 775 Klienten im vorigen Jahr von der bisher höchsten Besucherzahl.

Ein Großteil der 442 Männer und 333 Frauen, die das Beratungsangebot nutzten, steht buchstäblich auf der Straße. Ein altes, dauerhaftes Problem, das die Mitarbeiter in ihrem Jahresberichten immer wieder klar beim Namen nennen. „Es gibt einfach zu wenig kleine, bezahlbare Wohnungen“, meldet das Team mit Michael König, Alice Christen und Sylvia Müller auch jetzt wieder bei der Vorstellung der aktuellen Zahlen. Für ihre Arbeit bedeutet das: Sie wollen sinnvoll helfen und schaffen das auch häufig – aber längst nicht immer. 

Ein Zuhause zu haben, dort mit der Familie zu leben, zu kochen, gemeinsam zu essen, im eigenen Bett zu schlafen und morgens ausgeruht zur Arbeit zu gehen – für viele eine Selbstverständlichkeit, auf die sie nicht verzichten möchten. Mehr als ein Drittel derer, die in der Anlaufstelle in der Postgasse um Rat baten, gaben an, sie verfügten über keinerlei gesicherte Unterkunft.

 Um die 100 Männer und Frauen berichteten, sie lebten bei Bekannten. Diese Umschreibung heißt in der Praxis: „Da kann ich abends hinkommen, darf im Keller übernachten und morgens duschen.“ Oder: „Ich schlafe im Sessel.“ Und: „Wenn er ins Bett geht, kann ich meine Isomatte bei ihm ausrollen.“ Immerhin erfreulich sei, dass 39 Klienten schließlich doch in eigene vier Wände ziehen konnten. Doch dagegen steht die – laut Jahresbericht – ernüchternde Nachricht: „Da wir aber von mehr Wohnungssuchenden frequentiert wurden, hat sich die Vermittlungsquote verschlechtert.“ 

Menschen in prekären Lebenssituationen – vom gerade Erwachsenen bis zum Rentner – hoffen, dass die Berater etwas für sie tun können. Sie alle stecken in prekären Situationen. Sie haben kaum Geld, drücken Schulden , sie finden keinen Job, können ihre Miete und die Energiekosten nicht mehr bezahlen. „Je länger die Arbeitslosigkeit dauert, desto komplexer werden häufig die Problemlagen“, wissen die Berater. Sorgen bereitet ihnen die enorme Quote jüngerer Klienten – „obwohl sie noch deutlich unter 30 Jahren sind, hat sich ihre Lebenslage oft in keiner Weise wirklich verbessert. Diese jungen Menschen machen mit 25 Prozent weiterhin einen großen Anteil an den Besuchern der Beratungsstelle aus.“ 

Die Mitarbeiter erfahren, wie schnell Hartz-IV-Empfänger in armutsbedingte Isolation geraten. Vor allem die Kinder seien es, die am stärksten unter der Ausgrenzung leiden müssten.

Angebot: Schlafplatz gegen Sex

Regelmäßig, „mindestens einmal im Monat“, erfährt das Team der Sozialberatungsstelle von wohnungslosen Klienten – sowohl Männer als auch Frauen –, dass sie nun vorübergehend eine Bleibe gefunden haben. Ihr Schlafplatzgeber verlange keine Miete, aber „sexuelles Entgegenkommen“. Einen warmen Platz im Winter gegen unbezahlte Prostitution – ein Thema, von dem die Mitarbeiter sporadisch, aber immer häufiger erfahren, wie sie in ihrem Jahresbericht festhalten.

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