Ein schwerer Schritt

Nach über 30 Jahren: Dieser Kiosk schließt jetzt seine Türen

Betty Michaelis im Kiosk am Deiringser Weg
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Für Betty Michaelis geht mit der Schließung ihres Kioskgeschäftes am Deiringser Weg ein Lebensabschnitt zu Ende. Kein leichter Schritt, aber einer, der nicht mehr zu vermeiden war. 

So richtig glauben kann der junge Mann nicht, was er da am kleinen Fenster des Kiosks am Deiringser Weg hört – und das geht Betty Michaelis durchaus ähnlich: „Wir haben geschlossen und werden auch nicht mehr öffnen“, erklärt sie dem Mann aus der Nachbarschaft, der wie so oft zuvor ein Paket abgeben und ein paar belegte Brötchen für die Arbeit mitnehmen wollte.

Soest –  Nach 14 Jahren gibt sie ihren Kiosk auf – ein Schritt, der schmerzt, aber auch einer auf dem Weg in ein neues Leben.

So richtig glauben kann sie es selber noch nicht, schon lange bevor die heute 58-Jährige das kleine Geschäft am Deiringser Weg 2007 übernahm, war sie mit Leib und Seele „Kiosk-Frau“. Seit den 80er Jahren hatte sie den in Körbecke betrieben – als ihr Bruder, ebenfalls in der Branche, das Ladenlokal im Wohngebiet südlich des Rings aufgab, übernahm seine Schwester den Kiosk am Deiringser Weg. „Viele Menschen können sich nicht vorstellen, wie viel Arbeit da drin steckt“, sagt sie, wohl auch als Erklärung dafür, warum sich jetzt, als sie eine Nachfolge suchte, keine Interessenten fand.

Diese Arbeit begann meistens mitten in der Nacht: Um 5 Uhr öffnete der Kiosk, da waren die Brötchen aber schon frisch belegt und vieles andere vorbereitet, damit die ersten Kunden aus dem umliegenden Wohngebiet nicht hungrig und durstig zur Arbeit fahren mussten – und ein freundliches Wort gab‘s sowieso kostenlos dazu. Ein Stamm von bis zu zehn Mitarbeitern unterstützte die Chefin in dem kleinen Supermarkt, der erst spät am Abend schloss – um nur wenige Stunden später schon wieder zu öffnen.

„Ihr Kiosk“ gehörte für viele Menschen in der Nachbarschaft, aber auch Passanten auf dem Weg in die Stadt oder aus ihr heraus, einfach zum Viertel – entsprechend viel Betrieb war vor den Türen und innendrin im kleinen Ladenlokal. „So einen Kiosk macht ja nicht nur aus, dass man da Kleinigkeiten kaufen kann, die man spontan braucht“, erklärt Michaelis. „Mindestens ebenso wichtig waren wir als sozialer Treffpunkt. Die Gespräche, die ich hier bei einem Kaffee mit so vielen Kunden geführt habe, die einfach auch jemanden zum Zuhören brauchten, haben ihnen genau so gut getan wie mir.“

Und warum dann jetzt die Schließung? „Es gibt Gewinner und Verlierer bei der Pandemie. Wir gehören zu den Verlierern“, gibt sie mit leiser Stimme einen ersten Hinweis – und dann mit zeitweise feuchten Augen weitere.

„Das Kioskgeschäft ist schon seit einigen Jahren schwieriger geworden. Das hat damit zu tun, dass die großen Supermärkte mit ihren riesigen Sortimenten ihre Öffnungszeiten immer mehr verlängert haben.“ Und dann kam Corona – und mit der Pandemie massive Auswirkungen auf das Geschäft und die gewohnten Strukturen im Kiosk.

„Unter normalen Umständen kamen die Leute regelmäßig auf dem Weg zur Arbeit, in ihrer Mittagspause oder nach der Arbeit zu uns. Und die Kinder nach der Schule. Am Wochenende kamen sie vorbei, auf dem Weg in die Stadt oder um sich beim Ausflug mit einer Stärkung einzudecken. Für ein gemeinsames großes Frühstück auf der Arbeit, Seminare, Fortbildungen oder besondere Anlässe haben wir gerne Brötchenplatten gemacht“, erklärt Michaelis.

All das fiel zu großen Teilen weg, als Kontaktbeschränkungen, Homeoffice und Online-Unterricht von der Ausnahme zur Regel wurden. „Die Menschen waren plötzlich weniger mobil und zusammen, sie haben sich im Vorfeld gut eingedeckt und mehr selbst versorgt. Man spürte auch, dass manche von Kurzarbeit oder ausbleibenden Einnahmen betroffen sind und an allen Ecken und Enden sparen müssen“, erklärt sie. Und: „Unseren Kiosk durfte nur noch eine Person gleichzeitig betreten. Da brauchte man viel Geduld beim Warten, bis man an der Reihe war.“

Weitere Einschränkungen kamen dazu: „Es war es nicht mehr möglich, Speisen bei uns zu verzehren oder einen Kaffee zu trinken. All das zusammen bedeutete für uns geringere Einnahmen bei fortlaufenden Kosten. Wir haben versucht, uns diesen Herausforderungen zu stellen, aber irgendwann musste ich einsehen, dass es nicht mehr geht.“

30 Jahre gab es den Kiosk am Deiringser Weg insgesamt – ob er eine Zukunft mit einem neuen Betreiber hat, ist völlig unklar.

Betty Michaelis fällt es noch schwer loszulassen, Mitarbeiter und Kunden wurden zu einem Teil ihrer Familie – viele Freundschaften wurden geschlossen. Da ist es erst einmal ein schwacher Trost, dass sie jetzt endlich auch mal etwas Freizeit haben wird, länger schlafen kann, ohne die Sorge darum, wie es weitergeht mit ihrem Unternehmen.

„Seit zwei Jahren hatte ich keinen einzigen Tag frei“, sagt sie – und weiß noch nicht so recht, ob sie sich jetzt darüber freuen soll oder nicht, dass das ab sofort anders sein wird.

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