Wenn aus einer Woche Jahre werden 

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Die kleine Nele hat seit vier Jahren Bindungen zu ihrer Pflegemutter aufgebaut und will nicht wieder weg aus der Pflegefamilie in Oestinghausen. 

Oestinghausen - Bereitschaftspflege-Familien, unter ihnen auch eine Mutter aus Oestinghausen, fordern in einer Petition eine kürzere Verweildauer für die Kinder, die sie betreuen. 

„Für eine Woche...“ Katja Jakob* hat die Worte noch im Ohr, mit denen das Jugendamt ihr damals die zweijährige Nele* übergab. Familie Jakob hatte sich gerade entschlossen, ihre Bereitschaftspflege anzubieten, das bedeutet: Sie nehmen Kinder auf die nicht mehr in ihren Ursprungsfamilien leben können, und betreuen diese so lange, bis die Zukunft des Kindes geklärt ist: Geht es zurück zu den leiblichen Eltern, wird es in einer Wohngemeinschaft, einem Heim oder einer Dauerpflegefamilie untergebracht? „Eine Woche“ sollte Nele bleiben.

Das war vor vier Jahren. Mittlerweile ist Nele sechs Jahre alt und wird im Sommer eingeschult. Sie geht in Oestinghausen in den Kindergarten, spielt mit den Nachbarskindern, ist bestens integriert. Marie (8)*, das jüngste Jakob-Kind, ist wie Neles große Schwester. Und Nele sagt: „Ich will nicht wieder umziehen.“ Sie will bei den Jakobs bleiben. 

Das ist genau der Punkt, auf den Katja Jakob, Tabea Pioch und andere Pflegemütter jetzt aufmerksam machen wollen: Kinder in Bereitschaftspflege bleiben dort oft viel zu lange, oft länger als zwölf Monate. Das ist ein Zeitraum, der die zeitliche Vorstellungskraft eines kleinen Kindes sprengt. Es sei gut und richtig, dass Entscheidungen über die Zukunft eines Kindes nicht hastig und leichtfertig getroffen werden, unterstreicht Tabea Pioch. Aber dennoch müsse es schneller gehen.

Kinder wie Pflegeeltern entwickeln Beziehungen und Bindungen. Wenn die Kleinen von jetzt auf gleich wieder weg müssen, entzieht ihnen die Trennung oft den Boden unter den Füßen. Alles, was für sie gewohnt und normal war, ist auf einmal wieder verschwunden. 

Gründe für diese langwierige Entscheidungsphase gibt es viele: Jugendamts-Mitarbeiter sind überlastet, haben zeitgleich zu viele Kinder und Familien, für die sie Entscheidungen treffen müssen. Dieses Argument bestätigt Martin Lengemann vom Sachgebiet Jugendhilfe-Planung beim LWL (Landschaftsverband Westalen-Lippe) in Münster. Manchmal müsse eine Fachkraft 60 Familien betreuen – auch wenn das Ausnahmen seien. Ein weiterer Grund: Amtsrichter haben zu viele Fälle auf ihrem Tisch, die sie bearbeiten müssten. Und Eltern, die oft viel wollen, scheitern an ihren eigenen Ansprüchen. Diesen Punkt kann Lengemann unterstreichen: Das Elternrecht sei sehr stark. Und, so hat der Fachmann beobachtet, immer mehr Eltern forderten dieses Recht ein.  Ob das im Sinne der Kinder ist, steht auf einem anderen Blatt. 

Katja Jakob aus Oestinghausen, Tabea Pioch aus Burscheid und ihre Mitstreiter haben jetzt eine Petition aufgesetzt, mit der sie eine „schnellere Entscheidung für das Kindeswohl“ fordern. Es müsse ja nicht erst etwas Schlimmes passieren wie zum Beispiel im ostwestfälischen Lügde, bevor Pflegeeltern und Öffentlichkeit aktiv werden. Für Nele geht die Sache gut aus. Sie hat ihrer Pflegemama klar und deutlich gesagt, dass sie nicht wieder weg will. Daraufhin gab es eine Familienkonferenz und die Jakob-Kinder waren, sich einig: „Nele soll bleiben.“ „Alle unsere Kinder in Bereitschaftspflege wissen, dass sie irgendwann wieder umziehen müssen“, sagt Katja Jakob. Als Nele erfuhr, dass sie bleiben darf, habe sie deutliche Veränderungen gezeigt, sei entspannter geworden. Ein gerichtliches Gutachten habe festgestellt, dass die Kleine nicht mehr in ihrer Ursprungsfamilie zurück, sondern in einer Wohngruppe oder einer Dauerpflegefamilie untergebracht werden soll. Katja Jakob beantragte die Dauerpflege für das Kind. Und die Chancen dafür stehen gut.

 *Die Namen wurden von der Redaktion geändert. Die Petition findet sich im Internet unter www.openpetition.de. Von der Startseite auf die Petition „schnellere-entscheidung-fuer-das-kindeswohl“ weiterklicken.

22 Bereitschaftspflege-Plätze im Kreisgebiet

Im Bereich des Jugendamtes Kreis Soest gibt es zurzeit 16 Bereitschaftspflegefamilien mit insgesamt 22 Plätze. Die durchschnittliche Verweildauer wird statistisch nicht erfasst. Sie ist sehr unterschiedlich und abhängig vom Grund der Unterbringung. Bei einem Krankenhausaufenthalt der Mutter könne sie eine Woche betragen, während in einem Fall mit familiengerichtlicher Klärung samt Gutachten die Unterbringung auch länger als ein Jahr dauern kann. Ende 2018 waren 212 Kinder des Kreisjugendamtes in Pflegefamilien untergebracht. Die Jugendämter arbeiten mit Trägern wie der Diakonie oder dem Friedrich-Wilhelm-Stift in Hamm zusammen, die Pflegefamilien pädagogisch und psychologisch unterstützen.

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