Bauern kritisieren Düngeverordnung

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Nitrat für die Pflanze, aber nicht fürs Grundwasser: Das punktgenaue und exakte Düngen wird gerade heiß diskutiert.

Kreis Soest – Wegen drohender Zwangsgelder aus Brüssel will die Bundesregierung die Düngeverordnung möglichst schnell novellieren. Ein wichtiges Ziel: Die Nitratwerte im Grundwasser sollen sinken. Betroffen sind auch viele Landwirte im Kreis Soest.

Im Kreis Soest gibt es unterschiedliche „Grundwasserkörper“. Das sind Gebiete, in denen das Wasser unter der Erde miteinander verbunden ist. Der größte dieser Körper befindet sich östlich von Soest, zieht sich von Bad Sassendorf über Lippstadt bis nach Geseke. In diesem Bereich sind in den letzten Jahren die höchsten Nitratwerte gemessen worden: Bei erlaubten 50 Milligramm pro Liter gab es in Lippstadt 2017 und 2018 Spitzenwerte von 128 und 115, also deutlich mehr als das Doppelte des Erlaubten. Auch in Erwitte (102 im Jahr 2017) und Bad Sassendorf (89 im Jahr 2017) lagen die Werte im deutlich erhöhten Bereich. Das dürfte Folgen haben. Denn weil mehr als 20 Prozent der Messstellen von erhöhten Werten betroffen sind, dürfen im gesamten Gebiet nach dem Willen der Bundesregierung in Zukunft nur noch 80 Prozent des bisher verwendeten Düngers eingesetzt werden.

Ein ähnliches Szenario droht in Lippetal, Welver und Werl. Nach Angaben von Dr. Harald Lopotz von der NRW-Landwirtschaftskammer seien die dortigen Grundwasserkörper derzeit in Prüfung. Es könne aber durchaus sein, dass sie am Ende herausgenommen würden. Im Klartext: Die Landwirte dort wären nicht von den Maßnahmen betroffen.

Josef Lehmenkühler als Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisverbands Soest hat zwar Verständnis für die Forderung nach sauberem Grundwasser, kritisiert die Methodik der Bundesregierung aber scharf: „Heute wird von jedem Bauern verlangt, eine Düngebedarfsermittlung zu errechnen. Die lehnt sich an die Erträge der letzten Jahre an. Das gilt auch für Jahre, in denen wegen der Wetterkapriolen weniger geerntet wurde. Die Folge davon kann eine Abwärtsspirale sein.“

Josef Lehmenkühler


Lehmenkühler hat besonders die beiden letzten Jahre im Blick, in denen wegen der Trockenheit und Hitze im Kreis Soest deutlich weniger Erträge verzeichnet wurden. „Natürlich ist da auch Dünger ins Grundwasser abgegangen, weil die Pflanzen das Angebot wegen der extremen Wetterlagen nicht aufnehmen konnten“, räumt er ein. Werden diese Erträge nun zu Grunde gelegt, sinke der Einsatz der Düngemittel ohnehin schon deutlich. Die Folge: Es gäbe künftig zu wenig Nährstoffe für die Pflanzen. Lehmenkühler: „Extrem formuliert muss man sagen, dass wir auf diese Weise den Boden langsam aushungern. Unsere Forderung ist es, die Pflanzen bedarfsgerecht zu düngen. Unter Bedarf, das kann doch nicht im Sinne des Ganzen sein.“

In den betroffenen Grundwasserkörpern würde diese Abwärtsspirale durch die neuen Vorgaben weiter verstärkt. Nach Ansicht von Lehmenkühler durch zwei weitere Umstände: Zum einen das geplante Verbot der Düngung von Zwischenfrüchten – „die dümpeln dann vor sich hin und erfüllen die Aufgaben nicht, weil sie gar kein Wurzelwerk ausbilden können“. Zum anderen durch die fehlende „Binnendifferenzierung“ in den Grundwasserkörpern. Weil nämlich durch die pauschale Dünge-Deckelung auch die Landwirte bestraft würden, „die mit ihren Flächen auf einem betroffenen Grundwasserkörper schon immer optimal gedüngt haben“, sei das geplante Regelwerk inkonsequent und ungerecht. Eine Differenzierung dagegen würde bedeuten, dass einzelne Ackerflächen untersucht und individuell eingestuft würden.

Mit „starken Argumenten“ wollen die Landwirte im Kreis Soest nun doch noch verhindern, dass die neue Verordnung kommt wie angekündigt. Die Forderungen: Schlechte Jahre müssten bei den Berechnungen herausgenommen werden, die Zwischenfrüchte müssten „angedüngt“ werden dürfen und die Binnendifferenzierung müsse doch noch kommen. Josef Lehmenkühler: „Dann könnten wir auch irgendwie leben mit den 20 Prozent Düngereduzierung. Schließlich sind wir auch interessiert an sauberem Grundwasser.“

Mindestens bei der Binnendifferenzierung brauchen die Landwirte allerdings einen langen Atem. Denn nach Angaben von Harald Lopotz steht die Umsetzung unter dem Vorbehalt der Zustimmung der Bundesregierung und der EU. Die Bauern müssen die guten Argumente also nicht in Düsseldorf, sondern in Berlin und Brüssel anbringen.

Gesetzeslage 

Ein Referentenentwurf für die angestrebte Novellierung der Bundes-Düngemittelverordnung liegt seit dem 17. Dezember vor. Voraussichtlich am 3. April wird sich der Bundesrat abschließend damit befassen. Danach haben die Länder drei Monate Zeit, um die Maßnahmen in Landesverordnungen umzusetzen.

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