Keine Probefahrten

Autos bleiben im Schaufenster - Verkauf läuft online

„Nur gucken, nicht probefahren“, heißt es derzeit in den Autohäusern der Region. Der Werkstattbetrieb läuft natürlich weiter.
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„Nur gucken, nicht probefahren“, heißt es derzeit in den Autohäusern der Region. Der Werkstattbetrieb läuft natürlich weiter.

Es gibt Waren, die kann man problemlos im Internet kaufen, auch beim örtlichen Händler. Und es gibt jene, die will man vorher mit eigenen Augen sehen. Sie testen. Das gilt wohl für kaum ein anderes Produkt so sehr wie für ein Auto.

Soest/Werl – Einen nagelneuen Mercedes der A-Klasse ohne Testfahrt kaufen? Auf die Idee käme wohl kaum einer. Das bestätigt auch Oliver Grewe, Betriebsleiter des Sternparks in Werl: „Die Kunden sind derzeit sehr zurückhaltend.“ 

Der Neukauf eines Wagens zählt nicht zur Grundversorgung. Insofern sind die Verkaufsräume der heimischen Autohäuser derzeit auch geschlossen. Bereits bestellte Wagen werden noch ausgeliefert – direkt an den Kunden, Selbstabholung ist ausgeschlossen. 

„Der Verkauf wurde uns ja auch untersagt“, betont Wolfgang Stahl vom Werler Autohaus Stahl. „Der findet nur online und telefonisch statt, die Verkäufer arbeiten vom Homeoffice aus – mehr ist nicht erlaubt.“ 

Die Werkstätten dagegen sind weiter geöffnet – letztlich muss ja jeder, der mit dem Auto zur Arbeit fährt, mögliche Schäden repariert bekommen oder seinen Termin beim TÜV wahrnehmen können. Insofern zählt diese Dienstleitung genau wie Tankstellen oder Lebensmittelläden zu den Einrichtungen der nötigen Grundversorgung, die von den staatlich angeordneten Schließungen ausgenommen sind – und sie sind für die Betriebe in der Krisenzeit eine wichtige, wenn nicht gar die einzige Einnahmequelle. 

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„Aber auch hier ist es deutlich ruhiger geworden“, meint Stahl. „Ab 15 Uhr wird es richtig leer.“ Je nachdem, wie lange die Krise andauere, drohe sogar das Geschäft mit dem Reifenwechsel auszufallen: Wer kaum fahre, würde im Sommer vielleicht erst gar nicht mehr wechseln und direkt auf den Winterreifen weiterfahren. Kurzarbeit hat Stahl bereits angemeldet, um kurzfristig reagieren und die Hälfte des Personals nach Hause schicken zu können, „denn wir wissen ja heute noch nicht, was schon in wenigen Tagen gibt. Vielleicht gibt es ja irgendwann sogar ein Fahrverbot, wer weiß?“ 

Auch wenn wenig los ist, der Stress sei schlimmer als sonst, meint Stahl, „es ist die nervliche Belastung. Wir haben ja auch eine Verantwortung für unsere 55 Angestellten. Ich kann mich nicht auf die faule Haut legen. Und man hat auch weiterhin seine laufenden Kosten.“ 

Coronavirus im Kreis Soest: Problemen nur bei kleinen Marken

Als Systempartner des ADAC hat die RK Autowelt mit ihren Standorten in Soest, Werl, Warstein und Ennigerloh zum Glück noch ein weiteres Standbein, „und da müssen wir auch weiterhin einsatzbereit sein, ganz gleich was passiert“, so Geschäftsführer Gerd Bollmeyer, das Gleiche gilt für den Fuhrpark der Behörden, für deren Wartung sein Unternehmen zuständig ist. Drei Viertel seiner Mannschaft im Servicebereich seien daher noch bei der Arbeit – aber aufgeteilt in zwei Gruppen, damit, sollte in der einen der Gruppe eine Infektion festgestellt werden, die andere weiterarbeiten kann. 

Probleme gibt es allenfalls bei „kleineren“ Marken wie Seat, die Bollmeyer in Ennigerloh verkauft: „Das kompensieren wir jedoch dadurch, dass dies früher ein VW-Standort war und wir dort noch einen großen VW-Kundenstamm haben. Dadurch und durch den ADAC haben wir die Bude voll. Müssten wir in Ennigerloh nur von Seat leben, hätte ich Bauchschmerzen.“ 

Auch bei ihm ist der Verkauf entsprechend eingebrochen, „nur der eine oder andere kauft übers Internet. Wir können nur hoffen, dass der Spuk in den kommenden vier bis acht Wochen vorbei ist. Denn länger wird das Land das nicht durchhalten. Wer danach noch krank wird, wird behandelt werden müssen. Zum Glück sind die Leute mittlerweile vernünftiger als noch vor wenigen Wochen. Immerhin steigert die Krise das Bewusstsein dafür, wie wichtig Arbeit ist.“ 

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Seine Mitarbeiter nehmen nur noch ihren Resturlaub, ab April werden nach den ersten Verkäufern wohl auch die ersten Mechaniker in Kurzarbeit gehen müssen. 

Auch Opel Jonas in Werl hat sein Verkaufspersonal bereits in Kurzarbeit geschickt, bestätigt Kai Jonas. Die Werkstatt hat ihre Öffnungszeiten angepasst: „Normalerweise öffnet sie von 7.30 bis 17.30, jetzt öffnet sie von 8 bis 16 Uhr, so der Betriebsleiter.

Auch die nicht an Autohäuser gebundenen Werkstätten machen weiter, so zum Beispiel Reifen Lütke in Werl. „Unser Betrieb ist weiter für Sie geöffnet“, verkündet ein Banner auf der Startseite des Unternehmens an der Hammer Straße, „wir bitten jedoch vorab um Kontaktaufnahme per Telefon und Email.“ 

Darüber, dass die Verkäufe nach Ende der Krise wieder normal anlaufen, macht sich Oliver Grewe nur überschaubare Illusionen: „Nach Kurzarbeit und finanziellen Einbrüchen werden die Kunden wohl andere Sorgen als den Kauf eines neues Wagens haben.“

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