Ein Australier auf der Soester Kirmes

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Lynn Schindler und Anthony Long mit einem veganen Bullenauge.

Soest – Eine Viertelstunde hat Anthony Long auf der Kirmes verbracht, da ist ihm bereits eines aufgefallen: „Schon das dritte Karussell, auf dem David Hasselhoff abgebildet ist!“, wundert er sich. „Das ist dreimal mehr als bei uns in Australien.“

Was eigentlich weniger auf eine ungebrochene deutsche Verehrung für den amerikanischen Serienstar zurückzuführen ist als darauf, dass einige Fahrgeschäfte und Buden einfach schon sehr alt sind. Dass Hasselhoff in Deutschland einen etwas höheren Rang genießt als andernorts, weiß Long, denn er kam 1989 erstmals nach Deutschland, also in jenen Jahr, als der Star aus „Baywatch“ vor der geöffneten Berliner Mauer sein „Looking for Freedom“ schmetterte. 

Als Austauschschüler verbrachte Long ein Jahr bei der Familie Schindler. Auf die Kirmes ließ die ihn damals aufgrund einer Knie-OP jedoch nicht. Als der Australier im vergangenen Jahr nach fast 30 Jahren sowie einem abgeschlossenen Studium in Germanistik und Geschichte erstmals wieder vor ihrer Tür stand, ging es mit ihm auf den Weihnachtsmarkt. 

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Doch die Kirmes ist nun ein Novum für ihn. Das wird ihm dadurch ermöglicht, dass er heute für das International Office der Uni Melbourne arbeitet und aktuell für drei Wochen die deutschen Partnerhochschulen besucht. Fünf Tage hat er sich freischaufeln können, um den ausgefallenen Kirmesbesuch seiner Jugend nachzuholen.

Vom Bahnhof aus geht es nun mit Gastgeberin Lynn Schindler in die Stadt. Schon nach wenigen Minuten ist ihm klar: „Die Preise an den Losbuden und die Musik sind genauso schlecht wie auf unseren Jahrmärkten“, sagt er lachend, während ein Fahrgeschäft die Gegend mit lautem Bumm-Bumm-Gedröhne beschallt. Doch schon wenige Minuten später geht Australien in Sachen Musik in Führung, als er auf Höhe des früheren Weka-Komplexes mit den Sangeskünsten von Imker Amelunxen konfrontiert wird: „Das ist mutig“, kommentiert er nur. 

Ein Pendant zum deutschen Schlager gebe es in seiner Heimat nicht. Der süße Likör hingegen schmeckt ihm. Ihm andere westfälische Spezialitäten zu kredenzen, ist nicht leicht: Der Mann lebt vegan. Immerhin, er gehört nicht zu jenen, die ein Problem mit der Ausbeutung der Honigbiene haben. Auch das Bier der Zwiebel kennt und schätzt er. Probleme gibt es beim Bullenauge: Die Sahne kommt ja aus der Kuh.

Also wird eigentlich mehr aus Spaß von daheim ein Päckchen Soja-Sahne mitgenommen. Die junge Kellnerin auf dem Mittelaltermarkt grinst. Und es schmeckt kein bisschen anders als normal. Kulinarisch bleibt für ihn auf der Kirmes nicht viel: Statt Grünkohl mit Pinkel und Currywurst eben Pilze und frittierter Blumenkohl. „Die Spezialität bei uns sind Deadwood Dogs“ erzählt er, „Würste, die auf Holzspießen frittiert werden, und Chicken Rolls. Das sind frittierte Teigrollen, und keiner weiß, was da wirklich drin ist.“ 

Ungewohnt ist für den 47-Jährigen der Charakter einer Innenstadtkirmes: „Bei uns findet so etwas ausschließlich auf einem Freigelände statt, für zwei Wochen. Den Rest des Jahres bleibt das Terrain ungenutzt. Und es kostet Eintritt, umgerechnet so um die 15 Euro.“ Zwei weitere Unterschiede: Daheim dürften die Menschen nicht auf offener Straße Alkohol trinken, und die Security und Polizei seien deutlich präsenter. 

Nach drei Stunden lautet sein Fazit: „Einfach riesig. Viel Kitsch -- aber es macht Spaß.“ Nun freut er sich aufs Wochenende und auf die jährliche Huldigung des Gurkenkönigs am Samstag ab 21 Uhr auf dem Mittelaltermarkt -- dieser schräge Sinn für Humor dürfte mit dem australischen kompatibler sein als der für Musik.

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