Wirtschaftsförderin beklagt Homophobie

Aufsichtsrat ist "erschüttert": Dobberstein-Eklat schlägt hohe Wellen

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Bürgermeister Eckhard Ruthemeyer wurde von Monika Dobberstein kalt erwischt.

Soest – Nach der abgelehnten Verlängerung ihres Vertrags hat Monika Dobberstein mit einem Interview über die offiziellen WMS-Kanäle gegen die Entscheidungsträger der Stadt ausgeholt. Die Sache könnte sich zu einem der größten Skandale des Jahres entwickeln.

„Tatkraft“ hatte sie sich selber zuvor bereits öffentlich bescheinigt, jetzt gab es dafür eine beeindruckende Kostprobe: Nur wenige Stunden, nachdem Prof. Monika Dobberstein am Montag vom Anzeiger schriftlich um eine Stellungnahme zu ihrer abgelehnten Vertragsverlängerung gebeten worden war, die sie unbeantwortet ließ, veröffentlichte die Geschäftsführerin der Wirtschaftsförderung (WMS) auf der offiziellen Facebookseite ihres Unternehmens ein langes Interview. In dem erhebt sie so schwere Vorwürfe gegen die Politik und eigene Mitarbeiter, dass ihr jetzt rechtliche Konsequenzen drohen.

Hinter den Kulissen, so war bereits seit einiger Zeit zu hören gewesen, hatte die 52-Jährige vehement um die Verlängerung ihres im September 2021 auslaufenden Vertrages gekämpft. Ausgezahlt hatte sich das nicht: Wie bei Personalangelegenheiten üblich, hatten Aufsichtsrat und Hauptausschuss hinter verschlossenen Türen beraten und entschieden. Das Votum war in beiden Fällen gegen eine Verlängerung ausgefallen. 

Weil das bereits durchgesickert war und sie ihre Persönlichkeitsrechte „aufs schwerste verletzt“ sah, müsse sie nun „proaktiv an die Öffentlichkeit gehen“, ließ Dobberstein die Ratsmitglieder noch am Montagabend wissen und lieferte auch gleich den Link zu ihrem Interview auf Facebook mit.

Darin erklärt sie ausführlich, was aus ihrer Sicht zu der für sie offensichtlich sehr schmerzhaften Entscheidung geführt habe. So hätte Homophobie dabei „eine wichtige Rolle“ gespielt, heißt es da. Die sei in den vergangenen vier Jahren „ständig mit Händen zu greifen gewesen“, so Dobberstein. Zum Hintergrund: Die Wirtschaftsförderin lebt mit ihrer Lebenspartnerin zusammen. 

"Schwerwiegende Probleme"

Außerdem hätten zumindest Teile der Politik wohl ein Problem mit ihrem Geschlecht: „Ich wurde nicht wiedergewählt, obwohl oder gerade weil ich eine starke Frau bin“, wird sie zitiert. Dagegen seien in der Vergangenheit Verträge mit männlichen Geschäftsführern von städtischen Tochterunternehmen immer wieder verlängert worden, „obwohl es gute Gründe gegeben hätte, sich von ihnen zu trennen“, so Dobberstein. Namen nennt sie keine. 

Ebenfalls vorgeworfen worden seien ihr in der Vergangenheit auch Probleme bei der Führung ihrer Mitarbeiter. Auch das weist sie in dem Interview zurück, räumt aber ein, bei ihrem Dienstantritt „einige schwerwiegende Probleme mit einzelnen Mitarbeitern“ vorgefunden zu haben. 

Beispiele führt sie anschließend auf, inklusive Beschreibungen dieser Mitarbeiter, von denen sie sich in einigen Fällen habe trennen müssen. Das habe natürlich „zu Unruhe“ geführt, so Dobberstein, sei aber unumgänglich gewesen. Inzwischen habe die Wirtschaftsförderung ein „weitgehend schlagkräftiges, hoch professionelles Team“. Sie verlasse im nächsten Jahr „ein gut bestelltes Haus“. 

Aufsichtsratschef "erschüttert"

In einer ersten Reaktion zeigten sich am Dienstag nicht nur einige Mitarbeiter, sondern auch der WMS-Aufsichtsratsvorsitzende Andre Hänsch „erschüttert“ über Dobbersteins Vorwürfe und nahmen dabei besonders Bezug auf den der angeblichen Homophobie. 

So versicherten sowohl WMS-Mitarbeiter, als auch Hänsch, dass solche Vorwürfe „kein einziges Mal“ in den vergangenen vier Jahren thematisiert worden seien. Weitere Details von Dobbersteins Aussagen wollte Hänsch unter Verweis auf die gebotene Vertraulichkeit bei Personalangelegenheiten nicht kommentieren. 

Bürgermeister weist Vorwürfe zurück

Kalt erwischt wurde wohl auch Bürgermeister Eckhard Ruthemeyer. Er gab gestern gegenüber dem Anzeiger eine Stellungnahme ab. Darin weist er es „schärfstens zurück“, dass Homophobie und Frauenfeindlichkeit bei der Entscheidung gegen Dobbersteins Vertragsverlängerung eine Rolle gespielt hätten. 

Vielmehr hätten sich „alle Beteiligten in der Vergangenheit um eine konstruktive und vertrauensvolle Zusammenarbeit“ mit ihr bemüht. Diesen Weg habe sie nun selber mit ihren Äußerungen verlassen. Die sind für Ruthemeyer nicht nur „beispiellos und unerhört“, sondern würden jetzt auch überprüft, um möglicherweise rechtliche Schritte einzuleiten.

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