Was halten Sie vom ESC?

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Das Duo "S!sters" vertritt Deutschland beim Eurovision Song Contest 2019 

Soest - Wie viele Leute heute ab 20.15 Uhr  vor den Fernsehern sitzen, wenn der 64. Wettbewerb live aus Tel Aviv in der ARD übertragen wird, sagt morgen die Einschaltquote. Wie die Leute über den ESC denken, wollte der Anzeiger schon vorab wissen und befragte bekannte Musiker aus Soest.

Die durchgängige Meinung: So richtig begeistert ist eigentlich niemand vom ESC. 

Kulturhaus

Thomas Wachtendorf und seine Mannschaft vom Kulturhaus „Alter Schlachthof“ fanden es abwechslungsreich, sich statt mit Rock, Jazz oder Comedy mal mit Schlagern zu beschäftigen. Sie meinen: Die Niederlande holen den Sieg, der australische Beitrag trifft so gar nicht ihren Geschmack. Ihre Punkte würden sie an Tschechien (12), Malta (10 ) und Armenien (8) vergeben. Der ESC sei „ein musikalischer Querschnitt des europäischen Mainstream-Pops“. Als europäisches Gemeinschaftsprojekt sei er eine schöne Idee, weil er die Musik als verbindendes Element ins Zentrum rücke. Aber: „Letzthin ist der ESC bedauerlicherweise zunächst kommerzialisiert, dann bagatellisiert und nun wieder kommerzialisert worden.“ Und wie schneidet Deutschland ab? „Wie üblich nicht gut, vielleicht unteres Mittelfeld. Das Lied ist zu sehr bemüht und entsprechend metaphorisch überladen.“

Claudia Hirschfeld

So richtig vom Hocker gerissen hat mich eigentlich kein Song“, bekennt die populäre Organistin Claudia Hirschfeld, nachdem sie das Youtube-Video gesehen hat, auf dem sich die ESC-Teilnehmer vorstellen. Dennoch: Sie würde ihre 12 Punkte an Spanien, zehn an das United Kingdom und acht an Belgien geben. So richig üerzeugt ist sie allerding nicht. Für sie, sagt die Praktikerin, sei Musik eine Symbiose von Melodie, Harmonie und Rhythmus. Aber die bleibe bei vielen ESC-Beiträgen einfach auf der Strecke. Und sie urteilt noch härter: Die Zeiten hätten sich geändert, die Musik sei anders, aber ihres Erachtens nach nicht unbedingt besser geworden. Schon lange sei der Contest kein Kompositionswettbewerb mehr, eher ein Politikum, einige gegenseitige Beweihräucherung einiger Länder, Geldmacherei, aber trotz alledem sicherlich auch eine „Riesen-Show“! Früher, gibt Claudia Hirschfeld zu, habe sie dem Event auf dem Bildschirm immer entgegengefiebert. Aber was dem Zuschauer heute zugemutet werde, sei zum Teil haarstäubend: „Von depressiv-jammernd über schrill transsexuell nach Kampfschrei-brüllend ist alles dabei, nur kein guter Gesang mehr.“ Eigentlich verfolgt sie den Wettbewerb nur noch oberflächlich .Am schlimmsten findet sie diesmal die Songs von Australien und Österreich, mutmaßt aber: „Wahrscheinlich sind das dann die Gewinner...“. Auf den Sieger ist Claudia Hirschfeld „schon sehr gespannt".

Thomas Fachner

Thomas Fachner, Musikfan, DJ, und Tanzlehrer bei Kickelbick, weiß, von er spricht. Jeden Tag arbeitet er mit ähnlichen Songs, wie sie beim ESC präsentiert werden. Acht Punkte würde er an Zypern geben, zehn Punkte bekäme der weißrussische Beitrag. Und 12 Punkte vergibt Fachner an seinen Favouriten John Lundvik mit „Too late for love“ aus Schweden. Die moderne Mischung aus souligem Gospel und melodiösem Pop gefalle ihm „ausgesprochen gut“. Nur beim deutschen Beitrag wolle der Funke auch auch nach mehrfachem Hören nicht überspringen, bedauert der Tanzlehrer. Der Song wirke irgendwie belanglos und habe keine Chance. Andererseits sei der ESC stets für eine Überraschung gut. An vielen Titeln gebe es handwerklich nichts auszusetzen, aber nur wenige haben nach Fachners Ansicht Ohrwurmcharakter. Als Musiker und DJ freue er sich, dass es den Wettbewerb gibt. Leider sei das Interesse beim jungen deutschen Publikum gering. Sein Tipp: „Wir haben unglaublich erfolgreiche Produzenten in Deutschland. Künstler wie Robin Schulz, Felix Jaehn oder Zedd, die weltweit Stadien füllen, könnten sicher helfen, den Wettbewerb auch aus deutscher Sicht attraktiver zu gestalten.“ Frankreich werde oben mitspielen, schätzt Fachner. Der Beitrag von Portugal aber sei die reinste Freakshow. „Irgendwie seltsam, dass so etwas durchgewunken wird.“ „Australien steuert eine Art moderne Operninszenierung bei“, sagt der Tanzlehrer. Das funktioniere aber bei ihm beim besten Willen nicht.

Rio  the Voice of Elvis

„Rio – the Voice of Elvis“ hat seinen Namen nicht von ungefähr: Wenn er auftritt, meint man den „King“ zu erleben. „Der ESC ist auf dem modernsten Stand mit allen Finessen der Technik für die Stimmen und für die Instrumente, was aber nicht automatisch heißt, dass es gut ist“ Rio bedauert, dass nicht alles „live“ gespielt wird und der Grundgedanke, dass sich ein Land mit persönlicher Note vorstellt, verloren gegangen ist. Die wenigsten Interpreten singen noch in ihrer Muttersprache. „Kollektiver Einheitsbrei mit viel Show“, nennt Rio den ESC und fügt hinzu: „Obgleich jedes Jahr aufs Neue die Diskussion auflodert, dass die Punktevergabe zum Abwatschen der jeweiligen Politik im Lande dient, so können wir uns in diesem Jahr aber getrost darauf verlassen, dass wir aufgrund des nichtssagenden Beitrags ziemlich weit hinten platziert sein werden – mir persönlich gefällt das Lied des Duos ,S!sters’ gar nicht.“ Das klingt ironisch. Schließlich fügt er hinzu: „Die Beiträge aus Belgien, Dänemark und Ungarn waren ok … und die Niederlande haben eventuell einen Ohrwurm kreiert."

Frauke Geisweid-Kröger

Frauke Geisweid-Kröger, Lehrerin am Archi und Mitglieder der „Saxophonics“ verteilt die Punkte ruck, zuck: zwölf für Spanien, zehn für Schweden, acht für die Schweiz. Und sie weiß: „Die Sympathie zu diesen Songs entsteht natürlich auch aus der Stimmung heraus, in der ich mich gerade befinde!“ Bei den Beiträgen ongs aus Spanien oder der Schweiz kann sie sich sogar vorstellen, dass sie Sieger werden. Ansonsten stellt die Musikerin fest, hebe sich keiner von von den anderen ab, alles sei sehr ähnlich vom Sound oder der Gesangsweise, Nichts Peppiges, Spannendes oder Witziges sei dabei.

Reimund "Ferdi" Eberth

Reimund Eberth, Bluesmusiker, Steeldrum-Spieler und Bandleader ist pessimistisch: „Deutschland landet irgendwo im hinteren Mittelfeld.“ In seinen Augen ist der ehemalige Kompositons- und Komponistenwettbewerb, bei dem es früher um den besten Song ging, zu einer reinen „Bombast“-Bühnenshow mutiert. Teilweise zählten Effekte mehr als der gesungene Ton.  Wer den Sieg holt, lasse sich im Vorfeld überhaupt nicht sagen, meint Eberth. Die große Unbekannte in der Abstimmung seien die Publikumsstimmen, obwohl manche Juryentscheidungen auch nicht nachvollziehbar seien. Das müssten sie auch nicht sein, sagt der Musiker. Das Ganze sei eh eine „Riesenshow“ und wolle lediglich das Publikum unterhalten. Trotzdem: Wäre er Juror, bekäme Irland 12 Punkte, Großbritannien zehn Punkte und Moldawien acht Punkte. Alles in allem bedauert der Musiker – frei nach Loriot: „Früher war mehr E-Gitarre.“


 „Dare To Dream!“ heißt diesmal das Motto, auf Deutsch: „Wage zu träumen!“. Wettbewerb produziert jede Menge Ohrwürmer Für Deutschland tritt das Duo „S!sters“ mit dem Titel „Sister“ an. Carlotta Truman und Laurita Spinelli starten von Platz vier in den Wettbewerb. Als Special Guest will Madonna zwei Songs auf der Bühne performen. Das bisher erfolgreichste Teilnehmerland ist Irland mit sieben Siegen, in den Jahren 1992 bis 1994 sogar drei in Folge. Viele Songs wurden zu Evergreens, auch wenn sie teilweise keine ersten Plätze bei dem Wettbewerb erreichten. Dazu gehörten „Nel blu dipinto di blu“ (Volare) und „Piove“ (Ciao ciao bambina) von Domenico Modugno, die später von Dean Martin und Paul Anka adaptiert wurden. Ohrwürmer sind noch immer „Puppet on a string“ von Sandie Shaw, „Save your kisses vor me“ von „Brotherhood of Man“ und „Waterloo“, der Kracher von ABBA. Auch das rasante „Dschingis Khan“ von „Dschingis Khan“ und das verträumte „Ein bisschen Frieden“ von Nicole kann fast jeder auf Anhieb mitsingen. Für manche Interpreten wurde die Teilnahme am Song Contest zum Beginn einer Weltkarriere, etwa für ABBA, die im Jahr 1974 mit „Waterloo“ starteten, und für Celine Dion im Jahr 1988, die damals für die Schweiz antrat.

Information Wer sich schon vor der Live-Übertragung heute Abend über die 26 Titel und ihre Interpreten informieren möchte, die in Tel Aviv antreten, kann das tun über ein Video bei Youtube.

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