Hitzige Diskussionen und kühle Köpfe: Soester diskutieren über den Klimanotstand

Zwei Stunden lang ließen sich viele Soester nicht lange bitten und redeten mit Anzeiger-Redakteuren über einen Klimanotstand für Soest.

Soest – Prima Klima in Soest? Nein! So lautete die fast einhellige Antwort auf die Frage, die der Anzeiger beim ersten „Markt der Meinungen“ in diesem Jahr gestellt hatte. Etliche Soester kamen am Samstagvormittag an den Stand auf dem Markt, um ihre Meinung zum Thema „Klimanotstand“ zu sagen und ins Gespräch zu kommen. Schnell kristallierten sich zwei Standpunkte heraus: „Unbedingt müssen wir den Klimanotstansd ausrufen“, lautete der eine. „Notstand? Das ist etwas ganz anderes, wir haben hier keinen Notstand“, der andere. 

Wieland Schmied spottete: „Notstand? Gehen dann die Sirenen an? Muss ich Lebensmittel horten?“ Er findet es nicht in Ordnung, dass die Diskussion „nur in eine Richtung“ geht, warnt vor „billigem, absolutem Aktionismus“. Ähnlich sieht es Hans-Ulrich Hensche: „Für mich ist der Begriff Klimanotstand falsch. Und ich finde es falsch, quasi ökodiktatorisch etwas rücksichtslos durchzusetzen. Das muss innerhalb unseres demokratischen Systems passieren, ich bin sicher, dass es das hergibt. Generell müssen wir weg vom Weg des Wachstums, stattdessen zurück zu mehr Effizienz. Und mir ist Transparenz wichtig: Wer hat welche Interessen bei dem Thema?“ 

Auch Karola Thürmann unterstrich: „Ich mag den Begriff Notstand nicht – das ist etwas ganz anderes. Den haben wir nicht in Soest. Wer den hier erklären will, sollte darüber nachdenken, was das für eine Außenwirkung hat. Schließlich ist der Tourismus wichtig für Soest. Ich würde mir eine ruhige und ernsthafte Diskussion wünschen.“ 

Ganz anders die Meinung von Kerstin Werner und Heike Ellersiek von „Parents for future“ Soest“: „Der Klimapakt reicht uns nicht, weil es zu wenig ist, sich nur auszutauschen. Wir brauchen neue Gesetze, in denen alle Maßnahmen der Klimafrage untergeordnet werden.“ 

Auch trafen kontroverse Ansichten aufeinander, etwa beim Thema Elektro-Mobiltät. Während Günter Kükenshöner eine rasche Umrüstung der Busse auf E forderte und China als gutes Beispiel hervorhob, wo in Großstädten bereits Zehntausende E-Busse führen, hielt Burkhard Pepinghege dagegen: „Die Herstellung der Batterien ist doch ein Wahnsinn für die Umwelt! Wasserstoff ist der Antrieb der Zukunft.“ 

Einigkeit herrschte weitgehend darin, dass etwas passieren muss, und dass der Einzelne durchaus in der Lage ist, etwas zu verändern. Anja und Reent Salomon aus Ampen haben ihren Alltag umgestellt: „Wir fahren 90 Prozent aller Strecken mit dem Fahrrad und haben für den Rest ein Hybridauto“, berichtet sie. Er ergänzt: „Wir verzichten auf Flüge und vermeiden Plastik, wo es geht.“ 

Bernd Ellersiek sprach mit seinem Ja zum Klimanotstand vielen aus der Seele: „Es geht darum, verbindliche Maßnahmen festzuschreiben. Die Ausrufung des Klimanotstandes ist ein Signal, aber ein wichtiges. Eine Idee für Soest wäre ein neues Fahrradkonzept, in dem der Rad-Verkehr konsequent bevorzugt wird.“ 

Überhaupt: Es gab viele konkrete Vorschläge. Horst Braukmann macht sich für ein Baumallee in der Fußgängerzone stark und für Bäume auf dem Parkplatz am Hotel am Wall. Für diesen und andere Parkplätze hat Eckhard Wolf einen anderen Vorschlag: „Sie müssen überdacht werden – und mit Solarplatten versehen. Ebenso wie die Dächer aller öffentlichen Gebäude.“ Bis 2030 wäre man so vom Kohlestrom unabhängig. 

Michael Berentzen würde „Steingärten verbieten, den Ardey öffnen und die 1000 Bäume in der City pflanzen, nicht außerhalb.“ Ulrich Eschmann will den Verkehr aus der City heraushalten, „wie in Weimar“, Dorothee Magin wünscht sich, „dass die Verwaltung ganz konkrete Projekte angeht. Zum Beispiel könnten Hausbesitzer angeschrieben und über die Möglichkeiten von alternativen Gartengestaltungen informiert werden.“ 

Um Kommunikation ging Teilnehmern wie Andre Gramsch: „Für mich gehört zu dem Begriff Klima auch das Gesprächsklima, also die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen. Das wird nämlich auch Einfluss auf die Ergebnisse haben.“

Kritik an Bürgermeister, Politik und Verwaltung

Ganz konkret wurde Luise Draber mit ihrer Kritik: „Bei uns in der Thomästraße soll eine große Rotbuche gefällt werden. Für ein weiteres Haus, das geht gar nicht!“ Alle, die sich am Stand äußerten, drängen auf mehr Grün und mehr Bäume in der City. Svantje Hüttemann beklagt, dass ehemalige Gärten „einfach nicht mehr da sind“, die Stadt heize sich „unerträglich“ auf. Ellen und Theo Schauff: „Es muss aufhören, dass in der Stadt alles zugebaut wird und immer mehr Bäume gefällt werden.“ Anja Omahen ergänzt: „Wenn der Bürgermeister nicht einsteigt, dann gibt es hier bald echte Demos, dann geht es in die Vollen“. Auch andere sehen die Politik in der Pflicht, sich stärker um das Thema zu kümmern. Renate Michel-Thyssen etwa: „Der Bürgermeister hält sich zu viel heraus, und die Verwaltung muss beginnen, auf Sachverständige zu hören. Die hatten davor gewarnt, den Windkanal am Ardey zu schließen, er ist trotzdem dicht.“ Klaus Schedtmann erhebt schwere Vorwürfe gegen die Verwaltung, gegen die Politik und gegen den Bürgermeister, weil nicht nach dem Klima-Aktionsplan von 2008 gehandelt worden sei. Ursula Müller-Frieding betont: „Politik und Verwaltung sind gefragt.“ Hans Olmer, SPD: „Wir müssen den Notstand ausrufen und das dann unterfüttern. Wo können wir Ausgleiche schaffen?“ Jutta Maybaum, Grüne: Die Ausrufung des Klimanotstandes finde ich wichtig. Der Begriff ist richtig. Wir müssen unsere Klimaziele überdenken und als Politik nochmal nachdenken.“

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