Ankommen in Soest: Ibrahim Mbaje will als Fußballtrainer Werte vermitteln

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Rastalocken, breites Lachen und viel Lust am Leben in Soest: Ibrahim Mbaje ist in seiner neuen Heimat längst angekommen.

Soest - Eigentlich wollte er Fußballprofi werden. Am liebsten in Frankreich. Heute arbeitet Ibrahim Mbaje als Lehrer in Wickede und als Fußballtrainer beim SVW Soest. „Das waren die besten Entscheidungen meines Lebens“, sagt der 40-jährige Senegalese. Warum er ganz in Soest angekommen ist, wieso er seiner Mutter sehr dankbar ist und weshalb er als Fußballtrainer viel mehr bewegen will als nur Punkte in der Tabelle, darüber sprach er mit dem Anzeiger.

„Ohne Fußball kann ich nicht leben“, ist Ibrahim Mbaje überzeugt. Kein Wunder: Schon als Kind in Dakar, der Hauptstadt des Senegal, dreht sich bei ihm und seinen Freunden alles um den Ball. Täglich wird gekickt, immer wieder organisieren die Jungs Spiele „Viertel gegen Viertel“. Der Traum von Ibrahim: eines Tages als Profi die große Karriere machen – und das große Geld. Tatsächlich schafft er mit 13 den Sprung ins Fußball-Internat des AS Monaco: Ganze 16 Jugendliche werden vor den Toren Dakars aufgenommen. 16 von 4000. 

Keine Schulpflicht und doch Abitur gemacht 

„Im Senegal gibt es keine Schulpflicht, deshalb haben die anderen alle mit der Schule aufgehört, als sie ins Internat durften“, erinnert sich Ibrahim Mbaje. Doch seine Mutter habe ihm das nicht erlaubt. Der Deal: Parallel zum Fußball wird das Abitur gemacht. Ibrahim Mbaje: „Dafür bin ich meiner Mutter heute unendlich dankbar.“ 

Das Abitur ebnet dem 22-Jährigen den Weg nach Deutschland. Weil er sich an einer Uni einschreiben kann und weil er parallel seine Profi-Karriere forcieren will. Dass er sich für dieses Land entscheidet, liegt an einem Freund. Der argumentiert, dass es in Deutschland weniger afrikanische Fußballer gebe als in Frankreich und zudem die Chancen im Studium besser seien.

 Am Ende reicht es nicht fürs Profigeschäft

Die Kehrseite der Medaille: Ibrahim Mbaje muss zunächst eineinhalb Jahre lang Deutsch lernen. „Ohne am Ende tatsächlich Lehrer werden zu wollen“ schreibt er sich fürs Lehramtsstudium ein. Und weil er während der Praktika dann doch die Liebe für den Beruft entdeckt, macht er sich am Ende nichts mehr aus seiner Überzeugung, dass „Lehrer sein total uncool ist“. Auch, weil es nach Stationen in der Regionalliga beim FC Oberneuland Bremen und Union Solingen am Ende doch nicht reicht für den Profifußball. 

Doch ohne Sport vergeht kein Tag im Leben des Ibrahim Mbaje. Nicht in der Sekundarschule in Wickede, wo er neben Französisch auch die Leibesübungen unterrichtet. Und nicht in Soest, wo er sich seit 2013 als Jugendtrainer beim SVW am Ardey engagiert.

Trainer sein für Jugendliche, das ist viel mehr für den 40-Jährigen als nur sportlichen Erfolg zu haben. „Ich gebe meinen Jungs die Chance, beim Fußball etwas zu erreichen. Das betrifft nicht nur den Sport, sondern auch das Menschliche: Respekt und Wertschätzung zum Beispiel sind Werte, die ich meinen Spielern immer wieder zu vermitteln versuche.“ Das macht der Mann, weil er selbst andere Erfahrungen gemacht hat als Spieler: Extremer Trainingsfleiß und dann die Ersatzbank ohne ein Wort des Trainers – so etwas soll es bei ihm nicht geben. 

Muslimischer Vater als Vorbild

Malte Wieling war bis zum vergangenen Sommer Kapitän der A-Jugend des SVW Soest, brachte unter Trainer Ibrahim Mbaje den Aufstieg in die Landesliga unter Dach und Fach. „Wenn jemand nicht gespielt hat, dann hat er uns immer die Gründe gesagt“, zollt Wieling seinem Ex-Trainer ein großes Lob. Viele Mannschaftsabende habe es gegeben, um den Teamgeist zu stärken. Zudem habe der Trainer darauf geachtet, dass es stets konzentriert zugegangen sei beim Training. Wieling: „Vom Charakter her ist das ein Super-Trainer, auch weil er so viel gesprochen hat mit uns.“ 

Ibrahim Mbaje ist angekommen in Soest. Doch so ganz wie die anderen Soester will er nie werden. „Mir ist es wichtig, einen Teil meiner Kultur auch hier zu leben“, sagt er. Dazu gehört die Religion. Als gläubiger Muslim betet er fünfmal am Tag, trinkt niemals Alkohol und befolgt die strengen Regeln des Ramadan. Überhaupt gilt sein muslimischer Vater ihm als Vorbild: weil er religiös lebt und weil er wichtige Werte wie Wertschätzung oder Respekt verkörpert. Dass er – wie im Senegal erlaubt und üblich – derzeit zwei Frauen gleichzeitig hat, diesem Vorbild will Ibrahim Mbaje in Soest allerdings nicht folgen.

 Volles Haus mit 19 (Halb-)Geschwistern 

Was dem längst Integrierten fehlt in Soest? „Ich vermisse meine Familie und das volle Haus, in dem ich aufgewachsen bin.“ Während es wegen seiner zwei Brüder und 17 Halbgeschwister im Senegal nie so etwas wie Ruhe im Haus gegeben habe, sei das hier anders: Erst allein, inzwischen mit seiner Frau, ist das Familienleben hier deutlich kleiner angelegt. Es sind die Aufgaben, Kontakte und Freundschaften, die das schnell wieder aufwiegen. „Ich will den Jungs beim Fußball die Chance geben, etwas zu erreichen“, sagt der Trainer aus Leidenschaft. Sportlich sieht das sehr gut aus im Moment. Seine A-Junioren kletterten nach dem Aufstieg in die Landesliga inzwischen bis auf Platz zwei der Tabelle. 

„Ich fühlte mich sofort zu Hause“

Was ist schön an der neuen Heimat? „Ich finde die Stadt gerade richtig: nicht zu groß und nicht zu klein.“ Übersichtlich möge er es, so Mbaje. Und familiär, so wie am Ardey. Überhaupt mache der Sport alles einfach: das Kennenlernen, die Integration, das Miteinander. Ibrahim Mbaje: „Ich fühlte mich sofort zu Hause hier. Und in keiner anderen Stadt hätte ich den Bürgermeister so schnell kennen gelernt wie hier in Soest.“ 

Ibrahim Mbaje ist angekommen in Soest. „Ganz gut vorstellen“ kann er sich, bis zur Rente hier zu bleiben. Mindestens. Ist der Mann also wunschlos glücklich? „Nein. Meine Frau und ich wünschen uns eigene Kinder“, sagt er. Auch, weil das bei einem guten Moslem gern gesehen werde. „Aber auch da gibt mir mein Glaube Halt, weil er mir eine feste Zuversicht mit auf den Weg gibt.“

Der Advent ist die Zeit der Ankunft. Wer kommt gerade in Soest an? Wer ist längst hier angekommen? Der Anzeiger wirft einen Blick auf Menschen und Ereignisse, die eine Ankunft in den Blick nehmen.

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