Nach Kindheit in Soest: Kanadier kehrt zur Kirmes zurück

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Peter Biesterfeld und seine Frau Diane Duff auf der Soester Allerheiligenkirmes. Der 71-Jährige hat viele Erinnerungen an die Kirmestage seiner Kindheit in den 50er-Jahren. Seitdem ist er jetzt das erste Mal wieder in Soest.

Soest - Peter Biesterfeld und seine Frau Diane dürften zu den Besuchern der Allerheiligenkirmes gehören, die den längsten Anfahrtsweg hatten – dabei ist es für den 71-Jährigen eine Rückkehr in die Kulissen seiner Kindheit: Bevor der damals Zwölfjährige Ende der 50er Jahre mit seiner Mutter und derem neuen Ehemann in dessen Heimat nach Kanada auswanderte, war Peter in den Ruinen des von Bombardierungen verwüsteten Soest aufgewachsen.

Apropos Kulissen: Der Besuch in der alten Heimat hat nicht ausschließlich nostalgische und sentimentale Gründe. Aus dem völlig mittellosen Jungen, der viele seiner ersten Lebensjahre in Betreuungseinrichtungen verbrachte, weil ihn seine Eltern schlicht nicht mit dem Nötigsten versorgen konnten, wurde in Kanada ein Film- und TV-Regisseur, Autor und Produzent.

Immer wieder hat er in den vergangenen Jahrzehnten die Möglichkeiten des Internets und Kontakte zu alten Freunden in der Stadt dazu genutzt, um mehr zu erfahren über die Geschichte und Entwicklung der Stadt, die ihm trotz großer Distanz in Raum und Zeit nie wirklich fremd geworden ist.

Die vier Tage, die er mit seiner Frau während der Kirmes in Soest verbringt, sollen der Auftakt weit intensiverer Recherchen für ein Buch- und ein Dokumentarprojekt werden. Peter Biesterfeld ist ein einnehmender Erzähler, er malt Wortbilder von Erinnerungen an sein Leben und die Kirmes in Kindertagen. So beschreibt er den Lehrer an „seiner“ Patroklischule, der Chips und Tickets für Fahrgeschäfte aus einem großen Umschlag heraus an die ärmsten seiner Schüler verteilte – die einzige Möglichkeit für Peter und viele andere Kinder, in einem der Karussells eine kostbare Minuten lange Fahrt in eine vergnügte bunte Welt voller Lachen zu unternehmen.

Faszination Boxbude

Weit weg von den Müll- und Schrotthaufen, wo sie an den anderen 361 Tagen im Jahr spielten. „Am Montag nach der Kirmes haben wir begonnen, uns auf die im nächsten Jahr zu freuen“, erinnert er sich. Aber noch mehr als jedes Karussell zogen den Jungen die Boxbuden an, die damals noch zu jeder Kirmes gehörten.

Hinein durfte er noch nicht, aber die Posen und Rituale der Kämpfer, die zahlungskräftige Kundschaft anlocken sollten, die konnte er auch von draußen sehen. Und manchmal, nur manchmal, tat sich in dem schweren Vorhang hinter ihnen für einige Augenblicke eine Lücke auf und gab den Blick frei auf Männer mit freien Oberkörpern, die sich aufwärmten für einen bevorstehenden Kampf.

Ein einziges Mal durfte der kleine Peter dann aber doch hinein: Ein Boxer bescherte ihm eine Erinnerung für ein ganzes Leben, als er den Jungen mit den großen leuchtenden Augen seinen schweren Mantel halten ließ, während er selber sich auf die Waage stellte, die das Kampfgewicht maß.

Kein Alkohol in der Öffentlichkeit

Heute, auf der 681. Allerheiligenkirmes im Jahr 2018, sind es andere Bilder, von denen der Tourist aus Kanada erzählt: Eine Altstadt wie aus dem Ei gepellt; mittendrin die Kirmes, die mit Lichtern und Musik in jeden Winkel vorzudringen scheint; viel mehr sichtlich angeschlagene Opfer des Alkohols als daheim in der Kleinstadt Petawawa in Ontario, wo das Trinken in der Öffentlichkeit verboten ist; aber auch eine Atmosphäre der Freude und Freundlichkeit, ausgelassen feiernde oder still genießende Menschen aller Couleur und Generationen.

Alles zusammen, das immer noch Vertraute wie das unerwartet Neue, haben ihm und Diane am Ende ihrer dreiwöchigen Reise durch mehrere europäische Länder in Soest ein Gefühl von Willkommensein gegeben – sie werden wiederkommen. Sehr bald. Und sehr gerne.

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