Für Mediziner kein Zufall: Junge und fitte Leute sind die eifrigsten Karussell-Fahrer

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Kopfüber ist nur in einem gewissen Alter wunderbar. Kleinen würde schlecht, manchem Älteren schon beim Zusehen.

Soest - Die Jugend dürfte diese Woche den „Hard Rock Drive“, „Mr. Gravity“ und den „Ghost Rider“ unter sich ausmachen. Kleinkinder und Alte dagegen sind die große Ausnahme, wenn es um den Ritt auf den ganz wilden Karussells geht, die Halswirbel, Gleichgewichtssinn und Magen aufs Äußerte strapazieren.

Doch wie kommt das eigentlich, dass Karussellfahren fast immer eine Frage des Alters ist? Was macht da der Körper mit uns? Dr. Bertram Holinka ist Chefarzt für Neurologie am Klinikum Soest und hat ein paar Antworten.

 „Das kleine Kind kommt unvollkommen auf die Welt und bewegt sich scheinbar unkoordiniert“, sagt der Mediziner und fängt bewusst bei den Jüngsten an. In ihnen stecke zwar schon ein natürlicher Spieltrieb, aber sie müssten erst noch lernen und ihre Nerven und den Gleichgewichtssinn trainieren. 

Steckt man so einen Dötz in das „Big Monster“, würde dem Kleinen scheußlich übel. Selbst das gemächliche Autofahren verträgt nicht jedes Kind; es schaut zum Fenster raus, um eine optische Kontrolle über so viel Tempo und Bewegung zu erlangen. Im jugendlichen Alter klappt das dann umso besser. 

Für die Teens und Twens kommen nun die emotionalen Erlebnisse und die Selbststimulation hinzu, erläutert der Arzt. Reize weiten das Erlebnisfeld, aus Spiel wird Erleben. „Das passt zur Lebenssituation; Jugendliche müssen sich noch weiter entwickeln.“ Das alles fällt für die (meisten) Älteren weg. Sie haben ihren Platz in der Gesellschaft gefunden und sind nicht auf den letzten Kick oder Schrei angewiesen. 

Aber es ist nicht nur das gesellschaftliche Standing, das sie vielleicht vom Kettenkarussell oder vom „Techno Power“ abhält. Mit zunehmendem Alter kommen tatsächlich Defizite hinzu, die ihnen rasante Karusselltouren verleiden. Holinka: „Der eine trainiert mehr, der andere weniger; der eine wird Jet-Pilot, der andere ist mit dem Schreibtisch zufrieden.“ 

Auf jeden Fall wird bei vielen Menschen die Liste der Funktionsstörungen lang und länger: Wirbelsäulen-Verschleiß, Stress, Infektionen, angegriffenes Herz-Kreislauf-System, Schwindel. „Dieser Alterungsprozess spielt (beim Karussellfahren) eine große Rolle-.“ Wer auf seine Gesundheit pfeift, wer nicht trainiert und sich gehen lässt, wer ungesund lebt, wer geistig nicht gefordert ist, wird um so eher die „Jumper“ und „Break Dancer“ links liegen lassen.

„Der Mensch wird mit vielen Nervenzellen geboren, im Lauf seines Lebens werden es immer weniger“, sagt Holinka. Weniger Nervenzellen korrespondieren nicht selten mit einem Mehr an Pfunden. Das Tempo solcher Veränderungen freilich ist von Mensch zu Mensch höchst unterschiedlich. Deshalb dürften die Alten in den Karussells eher zu den körperlich wie geistig Fitten zählen, die ihre Gesundheit meistern – und diese Woche mit unbeschwerten Karusselltouren belohnt werden.

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