Blick hinter die Kulissen: Wie Schausteller wirklich leben

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Schausteller Michael Krause gehört der Musikexpress auf dem Marktplatz.

Soest - Sie reisen das ganze Jahr von Kirmesplatz zu Kirmesplatz, schlafen in Wohnwagen, ihre Kinder werden privat unterrichtet oder wechseln ständig die Schulen und wenn die Saison vorbei ist, machen sie mehrere Wochen Urlaub. So stellen viele sich das Leben eines Schaustellers vor. Wir wollten von den Schaustellern wissen, wie es wirklich ist.

„Ich besitze ein Häuschen und ein Grundstück und war in einem Internat. Und auch meine Tochter wird ganz normal eingeschult werden“, sagt Michael Krause. Dem 47-jährigen Bielefelder gehört der Musikexpress am Marktplatz. In der Saison von März bis November war er in diesem Jahr auf rund 20 Volksfesten. Jede Nacht im eigenen Bett zu schlafen, schafft der Familienvater zwar nicht, doch „mindestens einmal in der Woche fahre ich nach Hause, um meine Tochter zu sehen“.

Ein Stadtteil auf Zeit. 1000 Schausteller „leben“ gerade auf dem alten Strabag-Gelände zwischen Teinenkamp und Bahnhof. Die meisten kaum mehr als eine Handvoll Tage. Denn spätestens in der kommenden Woche dürften die meisten abgerückt sein. Über 300 Wohnwagen hat der Platzmeister gezählt. Damit hier keiner verdurstet oder sich nachts den Kopf stößt, sind Wasserleitungen und Stromkabel verlegt worden. Alles – wie gesagt – nur für die fünf tollen Soester Tage.

Die anderen Tage übernachtet er im Wohnwagen. Viel Zeit verbringen die Schausteller in ihren mobilen Unterkünften aber nicht. „Im Schnitt schlafe ich während der Allerheiligenkirmes fünf Stunden die Nacht.“ Denn bevor die Kirmesbesucher wilde Runden im Musikexpress drehen können, muss jede Schraube kontrolliert werden. Und das jeden Tag. Und auch nach jedem Kirmestag wartet noch Arbeit auf die Schausteller.

Höchste Konzentration gefragt

„Es ist kein leichter Job. Es ist körperliche Arbeit und viel Verantwortung. Wenn ich hier am Pult sitze, bin ich für die Fahrgäste verantwortlich“, erklärt Krause. Denn über die Knöpfe und Schalter werden nicht nur die lustig-lockeren Ansagen, Töne und Lichteffekte gesteuert, auch die Geschwindigkeit der Wagen liegt unter den Fingerspitzen des Schaustellers. „Da ist höchste Konzentration gefragt.“ Beim Auf- und Abbau und den Ticket- und Sicherheitskontrollen unterstützen ihn die Saisonkräfte, die jedoch immer schwerer zu finden seien.

Und das trotz angemessenen Gehalts – wie alle Schausteller zahlt Krause den Mindestlohn, der Netto etwa dem unteren Gehalt eines Bürokaufmannes entspricht. Krauses Jobbeschreibung ist vielfältig: Schwertranssportfahrer, Elektriker, Schreiner, Schweißer, Kaufmann, Organisator, Karussellfahrer, DJ...

Gutes Personal ist schwer zu finden

Den Personalmangel spürt auch Schaustellerkollege Willy Kebben III. Er steht mit seinem Wurst-Imbiss in der mittlerweile dritten Generation an der Wiesenstraße. „Es ist immer schwerer, gutes Saisonpersonal zu bekommen und natürlich ist auch die Konkurrenz auf der Kirmes größer geworden. Jugendliche stehen auf Abwechslung, sie kommen nicht mehr jedes Jahr an die selbe Bude“, so der Schausteller.

Willy Kebben ist mit seinem Wurst-Imbiss in dritter Generation auf der Allerheiligenkirmes.

Auch er lebt mit seiner Familie in einem Haus, schläft nur im Wohnwagen, wenn die Kirmes weiter entfernt ist. Während der Allerheiligenkirmes leben er, seine Frau und die Saisonkräfte im Hotel. Für andere Veranstaltungen besitzt der Schausteller aber auch Wohnwagen.

Neben seinen drei Kirmes-Imbissen hat Kebben seit einem Jahr auch ein zweites Standbein. Seine Wurst-Produkte werden in unterschiedlichen Supermärkten angeboten. Urlaub ist bei beiden Schaustellern nur im Frühjahr möglich. Für Kebben geht es dann in die Sonne, Krause bleibt am liebsten Daheim, bei seiner Familie.

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