Bei der Allerheiligenkirmes in Soest

Kirmes-Neuling aus Bangladesh bleibt die Spucke weg

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Na dann: Prost! Auf dem Rummel in Soest wird aus einem Neuling ganz schnell ein echter Soester.

Soest - Ein Nachmittag um halb vier in Soest: Gemeinsam mit Anzeiger-Redakteur Jürgen Vogt schwebt Anwar ganz seicht am Turm der Petrikirche vorbei. Der 43-Jährige Koch aus Bangladesh ist erst seit wenigen Monaten in Deutschland, ein Kirmes-Novize quasi. Seine Eindrücke.

Er hat längst sein Handy gezückt. Noch auf dem Weg nach oben zum Petrikirchturm hat er ohne Pause Fotos geschossen und Videos gemacht. Für die Familie zu Hause, in einem Dorf in der Nähe der Hauptstadt Dhaka. 

Doch angesichts von Turm, Fachwerkkulisse und eines sich weithin erstreckenden Meeres aus Karussells, Buden und Menschen vergisst er ganz oben doch glatt, auf den Auslöser zu drücken. Dafür hebt er den Daumen und sagt: „Soest ist schön.“ 

Ganz besonders angetan hat es ihm die grüne Landschaft, die sich rund um die Stadt erstreckt. Und die Kirmes? „Das meiste davon haben wir bei uns zu Hause auch“, meint Anwar. 

Und tatsächlich: Beim Bummel über den Rummel bringt ihn kaum etwas aus der Fassung. Erdbeeren mit weißer Schokolade? Gibt’s zu Hause auch; Schießbuden, Kinderkarussells, Ponyreiten oder Spiegelkabinett, Geisterbahn, Dosenwerfen? Alles ein alter Hut, den sie sich auch in Bangladesh längst aufgesetzt haben. Dann aber taucht der Stand auf, an dem Mutige mit einem Hammer schlagen und Frösche in sich drehende Eimer katapultieren. Fröschekloppen in Bangladesh? Unmöglich! 

Doch Anowar lacht nur nachsichtig, meint: „Sogar das gibt es bei uns!“ Was es nicht gibt: Karussells wie das „Infinity“, bei dem sich Menschen in Autobahngeschwindigkeit an den Fachwerkfassaden entlang schleudern lassen. Freiwillig. 

Anwar guckt – und schüttelt entschieden den Kopf: „Nein, das ist nichts für mich.“ 

So hat Anwar Soest noch nie gesehen 

Erst seit wenigen Monaten wohnt Anwar in Soest. Und – zugegeben – so hat er seine neue Heimat noch nie gesehen. Immer wieder nimmt er sich Zeit, um zu fotografieren: wie eine Gondel kurz vor einem Fachwerkhaus kehrt macht oder wie ein Kind mit einer riesigen Tüte Zuckerwatte daherspaziert. 

Beim Pferderennen legt Anwar alle Zurückhaltung ab, macht mit der Nummer neun ganz knapp das Rennen vor der elf. Der Lohn: ein Kuscheltier für seine Tochter. „Das bekommt sie, wenn ich sie im nächsten Frühjahr besuche.“ Kurz darauf wird der Neu-Soester zum Ehrenbürger: Mit Kirmes-Pin an der Jacke und einem Bullenauge in der Hand steht er ganz selbstverständlich an der Bierbude. „Prost“, sagt er, lacht, und kippt das Kultgetränk runter.

"Jetzt bin ich Soester"

„Jetzt bin ich Soester“, gibt er in die Runde – und fügt hinzu: „Das mag ich aber gerne!“ Am späten Nachmittag ist der Bummel zu Ende. Auf dem Weg nach Hause will er aber unbedingt noch ein Geschenk kaufen, für seinen kleinen Sohn zu Hause. 

Die Wahl fällt auf ein elektrisches Plüsch-Hündchen, das Geräusche macht und sich überschlägt. Kostenpunkt: zehn Euro. „Dafür bezahle ich bei uns zu Hause nicht mal einen Euro“, sagt Anwar. Doch das ist ihm egal. Wieso? „Weil hier in Soest alles ganz leicht ist“, sagt er. Klar: So ein Gefühl macht nur die Allerheiligenkirmes in Soest.

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