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Er hält seinem Schausteller seit Jahren die Treue - und ist damit einer von wenigen

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Von: Daniel Schröder

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Vasili hält dem Musikexpress seit sechs Jahren die Treue.
Vasili hält dem Musikexpress seit sechs Jahren die Treue. © Daniel Schröder

Der Aufbau der Kirmes läuft weiter an. Schon jetzt wachsen die Karussells in die Höhe. Die Schausteller kämpfen um Personal und müssen gleichzeitig darauf achten, dass alles auf den Zentimeter passt. Ein Besuch in der Altstadt.

Soest – Die Allerheiligenkirmes sorgt schon jetzt für leuchtende Kinderaugen, viele Karussells – vor allem die auf dem Markt – haben bereits Gestalt angenommen oder haben sogar den Anschein, bereits abfahrbereit zu sein. „Da will ich rein“, sagt ein kleiner Junge am Mittwochvormittag vor dem Musikexpress stehend zu seiner Mutter. Die muss ihn jedoch mit erklärenden Worten vertrösten. Bis die Karussells in der Soester Altstadt Fahrt aufnehmen, dauert es noch eine Woche. Bis dahin haben Michael Krause und seine Schausteller-Kollegen noch eine Menge Arbeit vor sich, um sich danach in eine 67 Arbeitsstunden umfassende Fünf-Tage-Woche zu stürzen.

Mittwochvormittag, 11 Uhr: Musikexpress-Chef Michael Krause gibt seinen Angestellten ein paar letzte Instruktionen, dann muss er den Lkw vom Markt wegkutschieren, den Platz brauchen wenig später die Leute vom „Hexentanz“, der bei der Allerheiligenkirmes neben dem Musikexpress stehen wird. „Es ist zeitlich alles exakt abgestimmt, die Lkw müssen rechtzeitig weg“, erklärt der Kirmes-Profi.

Allerheiligenkirmes Soest 2022: Zentimeterarbeit für schnelle Rettung

„Früher“, sagt Krause, habe es solchen exakten Zeitpläne für alles Mögliche noch nicht gegeben. „Da kamen wir auch miteinander klar. Doch rückblickend ist es gut, dass in dieser Zeit nichts passiert ist.“ Denn: Die Feuerwehr wäre bei dem damals „organisierten Chaos“ nicht mehr durchgekommen, wenn rund um den Markt ihre schnelle Hilfe gefragt gewesen wäre. Dass diese Rettungswege auch während des Aufbaus stets befahrbar sind, ist mittlerweile höchstes Gebot – verbunden mit viel Organisations-Aufwand. Beim Aufbau der Karussells muss „alles auf den Zentimeter genau passen“, betont Krause. „Die Brandschutzvorkehrungen sind extremer als früher, aber das ist natürlich berechtigt.“

Mit Computer und Messgerät kontrolliert Thomas Brinkmann alles auf seine Richtigkeit.
Mit Computer und Messgerät kontrolliert Thomas Brinkmann alles auf seine Richtigkeit. © Daniel Schröder

Dass wirklich alles auf den Zentimeter passt, kontrolliert und dokumentiert Thomas Brinkmann von der Stadt Soest. In der Verwaltung ist er unter anderem für Vermessungen zuständig. Und die führt er am Mittwochvormittag penibel mit Tablet-Computer und Messgerät durch, per Foto dokumentiert er alles. Wenn die Kirmes erst einmal gestartet ist, können die Karussells nicht mal eben so abgebaut und minimal versetzt werden, sagt er. „Man muss immer daran denken: In der Altstadt wohnen auch während der Kirmes viele Menschen. Da muss die Feuerwehr im Ernstfall mit ihren großen Fahrzeugen überall ungehindert hinkommen.“ Die frühzeitigen Vermessungen sollen ein böses Erwachen nach dem Startschuss am Kirmesmittwoch ausschließen.

Allerheiligenkirmes Soest 2022: Ohne treues Personal geht es nicht

Während Michael Krause den Truck aus der Altstadt manövriert, gehen die Arbeiten am Musikexpress weiter. Die Verantwortung liegt jetzt bei Vasili. Er ist einer von wenigen Angestellten, die ihren Schausteller-Chefs während der Corona-Zwangspause nicht den Rücken kehrten. Seit sechs Jahren arbeite er mittlerweile in Krauses Betrieb, berichtet Vasili. „In der Corona-Zeit haben sich viele andere Jobs gesucht, in denen sie die Möglichkeit hatten, zu arbeiten, beispielsweise in der Fleischindustrie. Doch Vasili ist geblieben“, erklärt Krause mit einem dankbaren Ton in seiner Stimme.

Vasili kennt die Handgriffe, weiß, wo was montiert werden muss, worauf es zu achten gilt und leitet seine Kollegen an. „Wir, die Schausteller, leiden unter einem gewaltigen Personalmangel. Vor einer Woche hatte ich nur zwei Mann“, erklärt Krause. Kurzfristig konnte er noch drei weitere Mitarbeiter gewinnen. „Vier braucht man mindestens, mit drei Leuten hätten wir an allen Kirmestagen von morgens bis abends durcharbeiten müssen“, sagt er. Auch der Mitarbeiterschutz gewinne eine immer größere Bedeutung.

Die Arbeit „mit Technik aus den 1970er-Jahren“ sei „sehr Körper-intensiv“, betont Schausteller Krause. Noch schneller als sein Musikexpress, der bei Höchstgeschwindigkeit 14 Umdrehungen pro Minute schafft, drehe sich das Personalkarussell: „Bei jedem zweiten Aufbau habe ich frische Leute im Team. Die Mitarbeiter müssen immer wieder aufs Neue eingewiesen werden.“

Michael Krause ist ein Urgestein der Soester Kirmes.
Michael Krause ist ein Urgestein der Soester Kirmes. © Daniel Schröder

Die Sicherheit spiele die größte Rolle: „Beim Aufbau werden sicherheitsrelevante Dinge immer doppelt oder sogar dreifach kontrolliert. Und sie werden von niemandem erledigt, der nicht weiß, was er tut“, betont Krause. Über die Frage, ob die Mitarbeitersuche mittlerweile anstrengender sei als die Arbeit auf der Kirmes selbst, muss er lange nachdenken. „Die Kirmes ist sicherlich anstrengend, macht aber eine Menge Spaß. Im Hintergrund muss ich zusehen, dass ich immer neue Mitarbeiter bekomme. Das ist genauso anstrengend, macht aber keinen Spaß. Und das geht schon das ganze Jahr so.“

Allerheiligenkirmes Soest 2022: Schausteller hoffen auf Gesetzesänderung

Das Problem sei, so seine persönliche Meinung, „ein Politikum“. Es könne erst gelöst werden, wenn die Zuwanderungsgesetze es beispielsweise auch Menschen aus Afrika oder Asien leichter möglich machen würden, als Hilfsarbeiter nach Deutschland zu kommen. Ähnliches sagte bereits Schaustellerbund-Präsident Albert Ritter gegenüber unserer Redaktion.

„In den 1980er-Jahren habe ich in der Schule gelernt, dass es etwa vier Milliarden Menschen auf der Welt gibt. Jetzt leben auf ihr knapp acht Milliarden. Es gibt definitiv genug Menschen, die arbeiten wollen. Doch wegen der aktuellen Gesetzeslage dürfen sie es bei uns nicht.“ Dass die Mitarbeiter von Schaustellern ausgebeutet werden sollen, lässt Michael Krause nicht gelten: „Bei mir wird das Personal akkurat bezahlt. Es gibt Mindestlohn. Wer länger da ist, bekommt mehr – und das als ungelernte Kraft.“

Auf dem Markt nimmt die Kirmes mit Musikexpress, „Nessy“ und Co. Form an.
Auf dem Markt nimmt die Kirmes mit Musikexpress, „Nessy“ und Co. Form an. © Daniel Schröder

Trotz aller Schwierigkeiten freue sich Krause auf die Allerheiligenkirmes ganz besonders: „Sonst sind wir Woche zu Woche woanders. Doch die Trage vor der Allerheiligenkirmes halten wir uns frei, um hier rechtzeitig aufbauen zu können. Die Kirmes hat eine besondere Attraktivität. Mein Großvater ist gebürtiger Soester, wir kommen seit Generationen hier her.“ Der wirtschaftliche Faktor könnte, so Krauses Vermutung, auf dem derzeit laufenden Bremer Freimarkt noch besser sein – „bei 16 Tagen bleibt unterm Strich mehr“. Aber: „Zur Allerheiligenkirmes hat man eine ganz andere Verbundenheit.“

Allerheiligenkirmes Soest 2022: Eine seltene Ehre zur Eröffnung

Bis Samstag wollen Krause und seine Angestellten fertig sein mit dem Aufbau. Zum Wochenstart soll alles ein letztes Mal kontrolliert werden. Für Michael Krause und seinen Musikexpress beginnt die Kirmes in diesem Jahr mit einer seltenen Ehre: Da es – wegen fehlenden Personals – auch in diesem Jahr kein Bayernzelt geben wird, findet die Kirmes-Eröffnung Open Air statt. Direkt am Musikexpress, im Epizentrum Europas größter Altstadtkirmes.

Allerheiligenkirmes 2022: Hier gibt es den Kirmesplan.

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